Inhalt des Artikels:

  • Kriegsführung ist "gläsern" geworden
  • Bundeswehr plant eigenes "Starlink"
  • Mehrere hundert Satelliten zur Aufklärung und Kommunikation
  • Der Orbit als Operationsraum
  • Hybride Angriffe unterhalb der Schwelle
  • Rückkehr der Abschreckung
Sicherung eines SDP, eines "Service Delivery Points".Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wind pfeift über den Hügel, trägt Flugschnee weiter. Auf der "Platte", so nennen die Soldaten vom Informationstechnikbataillon in Erfurt den Übungsplatz, rollt ein kleiner Konvoi aus olivgrünen Fahrzeugen an, bildet eine Wagenburg. Sie soll binnen einer Stunde zum Knotenpunkt militärischer Kommunikation werden.

Soldaten springen aus den Transportern, Befehle hallen über den Übungsplatz. Mit Maschinengewehren wird der Ort gesichert. Dann beginnt der technische Kern der Übung: Die Soldaten bauen bei schneidendem Frost eine mobile Satellitenantenne auf, einen sogenannten Service Delivery Point, kurz SDP.

"Damit gehen wir auf einen geostationären Satelliten", erläutert einer der Soldaten. "Die Verbindung geht hoch, geht wieder runter zu einer anderen Antenne oder zu einer großen Basisstation und darüber kann man quasi eine Datenverbindung herstellen oder auch Telefonie – je nachdem, was gefordert ist."

Was ist eine Umlaufbahn?

Die Umlaufbahn bezeichnet den Weg, den ein Objekt im Weltraum um ein anderes Objekt folgt - hier also den der Satelliten um die Erde. GEO, MEO und LEO bezeichnen unterschiedliche Entfernungen dieser Umlaufbahn von der Erde.

Was bedeutet GEO?

Satelliten in geostationärer Umlaufbahn (GEO) fliegen 35.786 km oberhalb des Erdäquators. Sie brauchen fast einen Tag für einen Umlauf und erscheinen uns daher stehend.

Was bedeutet LEO?

LEO ist das Kürzel für Low Earth Orbit und bezeichnet eine niedrige Erdumlaufbahn vom 200 km bis 2000 km. Anders als GEO-Satelliten, die entlang des Äquators der Erde kreisen, können LEO-Satelliten ihre Bahnebenen in verschiedenen Winkeln geneigt haben.

Gemeint sind Daten wie Lagebilder, Aufklärungsergebnisse, Befehle, Zielkoordinaten. An diesem Februartag erleben wir eine Übung. Bei der geht es um nichts Geringeres als um die Frage, ob Deutschland im Ernstfall noch kommunizieren kann. Auf den Lastern befinden sich neben der Technik auch Verbrauchsgüter, Munition, Brauchwasser, Ersatzteile, Testsysteme. Alles, was nötig ist, um den Knotenpunkt autark zu betreiben.

Kriegsführung ist "gläsern" geworden

Das IT-Bataillon in Erfurt sichert die Kommunikation bei Auslandseinsätzen. Ein Fokus: Die Ost-Flanke der Nato.

Generalmajor Fleischmann ist Weltraumbeauftragter beim Cyber- und Informationsraum der Bundeswehr.Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es gehört zum sogenannten Cyber- und Informationsraum, dem CIR, seit noch nicht allzu langer Zeit vierte Säule des Heeres – was die Bedeutung der Truppe unterstreicht. "Wir sind Auge, Ohr und zentrales Nervensystem der Streitkräfte", sagt Generalmajor Armin Fleischmann bei MDR AKTUELL über das CIR.

Kriegsführung sei in den letzten Jahren gläsern geworden, meint Fleischmann, habe sich gravierend verändert, sagt er auch mit Blick auf das Geschehen in der Ukraine. "Wer schneller die Gefahr kennt und schießt, gewinnt."

Martialisch, aber ebenfalls mit Blick auf die Ukraine längst Realität: Satelliten liefern Bilder. Drohnen identifizieren, zerstören Ziele. Daten werden in Sekunden übermittelt – inzwischen geht es bei Aufklärung und Entscheidung nicht um Stunden, sondern um Momente.

Bundeswehr plant eigenes "Starlink"

Um die Bundeswehr für diese Kriegsführung verteidigungssicher aufzustellen, will der Bund 35 Milliarden Euro in Weltraumtechnik investieren. Denn das All sei längst Gamechanger für die Verteidigung geworden, sagt Fleischmann. Insbesondere die LEO-Echtzeitkommunikation. LEO bedeutet "Low Earth Orbit" – also eine deutlich niedrigere Umlaufbahn als die der geostationären Satelliten, die derzeit auch das IT-Bataillon in Erfurt anpeilt, und damit eben auch eine schnellere Signalübertragung.

Mehrere hundert Satelliten zur Aufklärung und Kommunikation

Insbesondere der Aggressionskrieg Russlands in der Ukraine hat die militärische Bedeutung des Weltraums klar gezeigt. In der Ukraine habe Starlink eine prominente Rolle gespielt, sagt Fleischmann. Auf dieser Erfahrung "planen wir momentan eine ähnliche LEO-Konstellation. Natürlich nicht mit den großen Stückzahlen wie Elon Musk, sondern vielleicht etwas kleiner."

Mehrere hundert Satelliten will die Bundeswehr Fleischmann zufolge ins All schicken, sowohl für Aufklärung als auch für Kommunikation. Das Ziel: der Bundeswehr ermöglichen, das Geschehen auf dem Gefechtsfeld live zu beobachten. Wie teuer das wird, wird sich erst bei der Auftragsvergabe herausstellen. Berichten zufolge könnte der Bundeswehr-Satellitenschwarm zehn Milliarden Euro kosten – finanziert aus dem 35-Milliarden-Paket für den Ausbau militärischer Weltraumfähigkeiten.

35 Milliarden Euro bis 2030

Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius kündigte auf dem Weltraumkongress des Bundesverbands der Deutschen Industrie 35 Milliarden Euro bis 2030 an, um die Bundeswehr fit für den Orbit zu machen, unter anderem um die zivile Nutzung aber auch die Verteidigungstechnik dort zu schützen – gegen Cyberangriffe ebenso wie ballistische. Zugleich besteht Pistorius zufolge Handlungsbedarf bei Transportkapazitäten, der IT und am Boden.

Der Orbit als Operationsraum

Nötig ist das – zumindest aus Sicht von Antje Nötzold: Geopolitische Rivalitäten der Erde werden mittlerweile in den Weltraum übertragen, sagt die Politologin. Sie gehört zu den führenden Köpfen, was das All als strategischen Raum angeht, arbeitet an der TU Chemnitz für die Professur Internationale Politik und forscht an der Universität der Bundeswehr in München zur Rüstungskontrolle im All.

Der Weltraum sei schon immer ein strategisch wichtiger Raum gewesen, sagt sie im Gespräch mit MDR Aktuell, und längst strategischer Kernraum moderner Gesellschaften. "Die wirtschaftliche Bedeutung des Weltraums ist mittlerweile immens. Moderne Gesellschaften, moderne Industrien sind von weltraumbasierten Fähigkeiten und Services abhängig".

Von Krieg im All will sie angesichts der weltweiten Weltraumaktivitäten nicht sprechen, den gebe es noch nicht. "Aber was wir haben, ist Kriegsführung durch den Weltraum und mit dem Weltraum", sagt sie. Russische und chinesische Satelliten versuchten schon jetzt die deutschen, aber auch US-amerikanischen auszuspionieren; es werde versucht, Datenverbindungen zu stören oder Daten abzugreifen; auch Informationen über die Fähigkeiten der Technik im All werden demnach gesammelt.

Die Bundeswehr hat hier Nötzold zufolge relativ hohen Nachholbedarf. "Wir sind blind und taub im Weltraum" sagt sie. Zwar habe Deutschland eigene Satelliten im Weltraum. "Was wir bisher nicht haben, ist die Möglichkeit, diese Satelliten zu schützen."

Hybride Angriffe unterhalb der Schwelle

Sowohl Nötzold als auch Generalmajor Fleischmann berichten außerdem von unterschwelligen Angriffen – von Sabotage. Cyberattacken. Desinformation. Die Herausforderung, so Generalmajor Fleischmann, sei es, das Drehbuch dahinter zu erkennen, die Zusammenhänge und Muster.

Und während in Erfurt im Schnee die Befehle zur Ausrichtung der Antenne eingegeben werden, ringt Europa mit einem weiteren Problem: Nötzold bezeichnet es als "Launcherproblem". Denn, egal wie wichtig Europa der Weltraum gerade erscheint, die Transport- beziehungsweise Startkapazitäten der EU sind begrenzt. Ariane 6 fliegt wenige Male im Jahr. Viele Starts erfolgen über SpaceX. Strategische Autonomie beginnt jedoch mit der Fähigkeit, eigene Satelliten selbstständig ins All zu bringen.

Rückkehr der Abschreckung

Antennen und Satellitenschüsseln der Bundeswehr könnten sich mit neuer Technik deutlich verkleinern.Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Erfurt justieren IT-Soldaten derweil die Ausrichtung der Satellitenantenne. Mit dem "Bundes-Starlink" wird sich auch ihre Arbeit verändern: Die Geräte werden kleiner, die Möglichkeiten zur Aufklärung und Kommunikation besser: "Es wird neue Richtfunksysteme geben, es wird neue Funkgeräte geben", erzählt Fleischmann. Zudem bedeute die nötige Vernetzung "eine erhebliche Umrüstung auch unserer IT-Bataillone".

Für den Generalmajor ist klar: Die Messlatte für potenzielle Gegner muss "so hoch hängen, dass er gar nicht auf die Idee kommt, uns anzugreifen". Zum Schluss wird er noch persönlich: "Ich bin jetzt 43 Jahre bei der Bundeswehr", Zeiten wie diese aber habe er noch nicht erlebt. "Wir sind es dem Land schuldig, verteidigungsfähig zu sein."

Das All ernst zu nehmen – das ist eine neue sicherheitspolitische Perspektive. Dort oben entscheidet sich, ob unten alles funktioniert.

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