Generationenforscher: "Man muss an die Lebenswirklichkeit der Jungen andocken"
MDR AKTUELL: Braucht es eine Wehrpflicht, damit genug junge Menschen zur Bundeswehr gehen?
Rüdiger Maas: Das kommt immer darauf an, was für ein Ziel wir verfolgen. Das Problem ist die Dilemmasituation: Wenn wir sie verpflichten, haben wir zu viele, das kann die Bundeswehr nicht stemmen. Wir sind auf einem schmalen Grat, wo es darum geht, dass wir einen Teil brauchen, aber nicht alle.
Wir sehen, wenn wir mit jungen Menschen sprechen, dass das Thema Wehrpflicht immer mehr in den Köpfen ankommt. Es gibt auch immer mehr Bundeswehr-Influencer, die positive Werbung machen. Das heißt, das kommt Stück für Stück. Immer mehr junge Menschen berichten, dass sie jemanden kennen, der da hingehen würde.
Was viele junge Menschen aber auch sagen, ist, dass sie ein Gefühl von "nicht mehr zeitgemäß" haben. Wieso werden Frauen zum Beispiel ausgespart? Wieso wirbt die Bundeswehr mit Diversität und Modernität und dann werden aber Frauen nicht richtig berücksichtigt, auch bei der Einberufung?
Und junge Menschen haben das Gefühl, dass jetzt so eine Salamitaktik kommt. Also erstmal muss ich Daten abgeben, das ist freiwillig, aber dann kommt doch irgendwann die Pflicht.
Die 18-Jährigen, die seit Beginn des Jahres einen Fragebogen zur Wehrpflicht bekommen, gehören zur Generation Z. Wie blickt sie auf die Bundeswehr und eine mögliche Wehrpflicht?
Na ja, die haben eine ganz andere Vorstellung von Bundeswehr als die Bundeswehr von der Bundeswehr. Wenn ich heute 18 bin, habe ich die letzten zehn Jahre immer gehört, wie schlecht die Truppe ist, dass kein Panzer mehr fährt, dass wir eigentlich keine tolle Armee haben, sondern eine, die noch aufgerüstet werden muss. Da fehlt es ja an allen Ecken und Enden.
Bloß, dass man jetzt sagt: Wir brauchen euch, weil wir haben einen Krieg im Osten, wir haben einen Konflikt im Westen – Stichwort: Grönland. Das heißt, da sind plötzlich Konfliktpotenziale, wegen denen wir euch brauchen.
Es geht ja in erster Linie nur um die Aufstockung, um ein Abschreckungsszenario. Kein einziger junger Mensch muss jemals an die Front. Aber genau das wird jetzt vor allem von den Parteien der Ränder ausgeschlachtet, die sehr stark Werbung dagegen machen und das Ganze auch noch mal mehr oder weniger unterminieren.
Also wird den jungen Menschen nicht deutlich genug gesagt, dass es nicht darum geht, dass man an die Front muss, sondern es erst mal nur um Abschreckung?
Na ja, aber selbst damit müsste man noch transparenter umgehen und sagen: Ihr geht da alle hin, aber dass man die Chance hat, wenn es einem nach einem Monat gar nicht zusagt, einen Wehrersatzdienst zu machen – also dass man so ein bisschen an die Lebenswirklichkeit der Jungen andockt.
Wir müssen da neu denken und vielmehr die jungen Menschen, die dort sind, berichten lassen. Das ist für die jungen Menschen einfach glaubwürdiger. Dann werden wir einen Pull und Push-Effekt erleben: Je mehr junge Menschen positiv berichten, desto mehr junge Menschen werden animiert, dahin zu kommen.
Am Ende kann es für die Persönlichkeitsentwicklung auch ganz förderlich sein, mal etwas zu machen, wo ich am Anfang gar keine Vorstellung hatte, dass ich das überhaupt schaffe, dass ich da überhaupt durchkomme. Das kann mich auch resilienter machen – also da gäbe es auch viele Vorteile, die man vielleicht noch mehr in den Raum stellen müsste.
Krieg ist für uns heute eine realere Option als noch vor ein paar Jahren. Wie ist das Verhältnis der Generation Z zum Krieg und ihre Bereitschaft zu kämpfen?
Wie bei allen jungen Menschen und überhaupt bei Menschen. Das möchte ja keiner. Das ist für mich, wenn man sich die Art anschaut, wie sie aufgewachsen sind, auch die normale Reaktion. Wir sehen aber, dass sich das sehr schnell ändern kann, dass man da eine andere Logik hat.
Von Älteren hört man auch öfter die Einstellung, dass man, wenn jetzt Krieg wäre, seine Heimat verteidigen muss. Gibt es das bei jungen Menschen nicht?
Nein, erstmal überhaupt nicht. Die meisten, die wir befragt haben, haben gesagt: Dann geh ich einfach weg. Und wir sehen schon an der Form der Antwort, dass es gar nicht durchdacht ist, sondern dass die erste Reaktion erst mal Flucht ist, also dem Unangenehmen auszuweichen.
Das ist genau die Lebenswirklichkeit, mit denen viele junge Menschen heute groß geworden sind. Es ist immer der Wunsch, dass das andere erledigen sollen. Die Verantwortung wird dann nach außen getragen. Das heißt: Die Regierung soll das lösen, meine Eltern sollen das lösen, die Älteren sollen das machen.
Die meisten Debatten gehen auch immer wieder in die Richtung. Die meisten jungen Menschen sind nicht mit der Logik konfrontiert, dass man auch selbst eine Umwelt bespielen kann und mitverantwortlich ist.
Und dann zu sagen: Du verteidigst hier Werte wie Freiheit, das wirkt für junge Menschen erst mal zu abstrakt, weil sie in dem Moment unfrei agieren müssen, indem sie gezwungen werden, etwas zu machen. Dieses Dilemma wird aus der Sicht der jungen Menschen nicht aufgelöst.
Und war das früher anders, weil es eine Wehrpflicht gab, aber auch generell mehr Dinge verpflichtend waren und man das dadurch nicht hinterfragt hat?
Absolut, genau das war es. Man konnte sich mental schon drauf vorbereiten und man wusste, man kommt da gar nicht raus, das müssen alle machen.
Da hatte man auch ein anderes Gefühl, das einfach zu machen. Weil es alle gemacht haben, hatte ich auch ganz viele Belege dafür, dass es positiv gelaufen ist und diese Belege fehlen aus Sicht der Jüngeren heute.
Bei der Bundeswehr wurden zuletzt wieder deutlich mehr Soldaten eingestellt. Gleichzeitig gibt es eine hohe Abbrecherquote von 20 Prozent. Wie kann die Bundeswehr junge Menschen überzeugen?
Die jungen Menschen selber werben, selber sprechen lassen, dass wir mehr Brücken bauen. Das heißt, wenn es geht, Schnuppertage oder dergleichen, dass man diese Berührungsängste wegbekommt und innerhalb dieser Schnuppertage mit jungen Menschen spricht, die schon ein, zwei Monate dabei sind, sagen, was lief gut, was lief schlecht, hol mich mal so ein Stück ab.
Wir sehen das immer wieder, dass junge Menschen oft gar keine Vorstellung von diesen Dingen haben und wenn sie dann vor Ort sind, das greifen, fühlen, so ein bisschen mitmachen können, dann für sich schneller verinnerlichen und sagen: Ja, das ist meins – oder: Nee, das möchte ich nicht, das passt nicht zu mir. Auch das ist ja erst mal gut.
Dann sollten wir schauen, ob wir nicht einen ganzheitlichen Ansatz finden. Sprich, jeder muss irgendwas machen, dass man sagt, ab einem gewissen Alter oder nach der Schule kommt dann noch mal ein Jahr Pflicht in irgendeiner Form.
Das kann auch was Soziales nebenbei sein, dafür muss man erstmal Stellen schaffen, aber dass man sagt: Dahin geht die Reise. Damit junge Menschen heute sich schon darauf vorbereiten können, was auf sie zu kommt. Dann wirkt das alles nicht schockierend, sondern ich habe mich schon Jahre damit beschäftigt, meine Eltern haben sich informieren können und dann kann dieser Übergang ein bisschen leichter laufen.
Genau über so ein gesellschaftliches Pflichtjahr wird schon länger diskutiert. Gibt es bei der Generation Z dazu mehr Zustimmung?
Absolut. Da haben wir eine sehr große Zustimmung von jungen Menschen. Wir sehen auch, dass junge Menschen, die zum Beispiel ein Ehrenamt haben, viel geringere Ängste haben, ein viel höheres Wirkspektrum und sehr viel Handlungskompetenzen mitnehmen. Da sehen wir sehr viel positive Aspekte.
Und viele junge Menschen, egal welcher Partei sie angehören, sagen auch: Ein soziales Jahr würde ich eigentlich ganz sinnig finden.
Das Klischee ist häufig, dass junge Menschen sich heute nicht mehr so sehr für die Gesellschaft einbringen und sehr Ich-bezogen sind, aber das klingt ja jetzt so, als wäre der Anteil der Leute, die für so etwas offen sind, gar nicht so klein.
Genau, also das Klischee funktioniert ja nur, weil wir keine Räume schaffen, wo junge Menschen sich wirklich einbringen können. Sie sind prozentual viel weniger als die Älteren. Egal, was sie wählen, das hat keine Auswirkung auf den Bundestag.
Gleichzeitig sagen wir: Die denken ja nur an sich, aber das ist genau das, was wir auch gesellschaftlich vorleben. Wir sagen: Kümmere dich um dich, schreib ein gutes Abitur, studiere erst mal und so weiter. Es gibt ganz wenig Themen, wo die Eltern auch mal sagen: Denk mal an die Gemeinschaft, denk mal an den Klassenverband, denk mal an den Verein.
Das findet immer weniger statt und das ist dann einfach so eine Wirkfolge davon. Da müssen wir ein Stück gegensteuern, auch für unsere ganze Gesellschaft, dass wir weniger Gegeneinander und mehr Miteinander haben.
Die Fragen stellte Annekathrin Queck.
MDR (Annekathrin Queck)
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