• Der Soziologe Matthias Quent beschreibt in seinem neuen Buch Ohnmacht als politisches Gefühl.
  • Er zeigt auf, wie einzelne Parteien vom diesen Gefühl profitieren – zum Beispiel die AfD.
  • Quent skizziert auch Wege, wieder ins Handeln zu kommen und damit die Demokratie zu stärken.

Gemeckert wird immer – doch die verbreitete Stimmung, dass "nichts mehr läuft", ist neu. Immer mehr Menschen fühlen sich machtlos. "Resignation ist keine Option", heißt es unübersehbar auf dem Einband des neuen Buches des Magdeburger Soziologen und Rechtsextremismus-Forschers Matthias Quent.

Ohnmacht ist ein politisches Gefühl

Um zu verstehen, was hier gerade passiert, skizziert Quent erst einmal die gesellschaftliche und politische Großwetterlage – von der "Make America Great Again"-Bewegung in den USA bis zur AfD in Deutschland. Er beschreibt die schlechte Stimmung in unserer krisengeplagten Gesellschaft und die weit verbreitete Ohnmacht.

Die Ohnmacht sei ein Grundthema der modernen Gesellschaft, erklärt Quent in einem wissenschaftlichen Exkurs. Demnach wurde sie schon Ende der 1930er-Jahre vom Psychoanalytiker und Sozialphilosophen Erich Fromm ausführlich beschrieben. Diese Erkenntnisse sind bis heute aktuell.

Damals wie heute sei Ohnmacht kein Gefühl von individuellem Versagen, sondern ein politisch erzeugtes Gefühl, hervorgerufen durch wenig echte Mitbestimmung auf der einen Seite und permanent erzeugten Bedrohungsnarrativen und Populismus auf der anderen Seite, führt Quent aus. All das suggeriere den Menschen, dass sie keinen Einfluss mehr auf das Geschehen hätten. Sie fühlen sich machtlos.

"Für die AfD sind Bedrohungsnarrative zentral", schreibt Quent. Die Partei adressiere damit nicht den Teil des Gehirns, der für rationale Gedanken zuständig ist, sondern das Stress- und Angstsystem.

Laut Matthias Quent ist die Ohnmacht ein politisch erzeugtes Gefühl.Bildrechte: IMAGO/Arnulf Hettrich

Die AfD als Profiteur der politischen Ohnmacht

Ein vermeintlich einfacher und gerade gern genommener Ausweg ist der Nationalismus. Er verspricht, wieder politisch wirksam zu sein und sei es nur darin, dass alle anderen auf den Nationalismus-Anhängern herumhacken und sie kritisieren, erklärt Matthias Quent im Gespräch mit MDR KULTUR. "Es gibt eine Wirksamkeitserfahrung, die vor allem emotional ist."

Der AfD ist gerade wegen dieser Irrationalität in einem politischen Ideenwettbewerb nicht rational beizukommen.

Matthias Quent, Soziologe und Autor

Die Partei verspricht eine politische Kraft zu sein, die durchgreift und den Bürger wieder an die erste Stelle setzt. Dass dabei demokratische Rechte beschnitten und Beteiligungsmöglichkeiten zurückgefahren werden, wird in Kauf genommen. Die Menschen entscheiden sogar gegen ihre eigenen ökonomischen Interessen heißt es im Buch, "weil sie sowieso nicht glauben, dass jemand ernsthaft etwas an der sozialen Ungleichheit ändert." Quent bilanziert: "Der AfD ist gerade wegen dieser Irrationalität in einem politischen Ideenwettbewerb nicht rational beizukommen."

Das Projekt "Demokratie-Container" in Nordhausen ist Teil der lokalen Partnerschaften für Demokratie. Es besucht verschiedene Orte im Landkreis, um Dialoge zu fördern.Bildrechte: IMAGO / Funke Foto Services

Regierungsparteien in der Status-Quo-Falle

Für regierende demokratische Kräfte ist das kein günstiges Terrain. Die Verantwortlichen stecken laut Quent in einer Status-Quo-Falle, in der "sie sich möglichst wenig bewegen und wenn, dann eher nach rechts in der Hoffnung, dort noch etwas abschöpfen zu können." Das zeigt zum Beispiel gerade der Blick nach Sachsen-Anhalt, wo die CDU um ihren Machtanspruch kämpft.

Für Quent, außerdem renommierter Rechtsextremismusforscher und Gründer des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena, ist das der falsche Weg. Er fordert "ein stärkeres Selbstbewusstsein mit eigenen Antworten, nicht nur politisch, sondern auch emotional und alltagstauglich – mit Identitätsangeboten." Das allerdings ist leichter gesagt als getan.

Der Verein Land in Sicht unterstützt ländliche Kulturprojekte in Sachsen, hier mit dem Erlös einer Tombola. Jeder kann Mitglied werden und sich engagieren: und so Selbstermächtigung erfahren.Bildrechte: MDR/ Anne Wihan

Soziologe: Selbstwirksamkeit entsteht im Alltag

Um eine vermeintlich ohnmächtige Gesellschaft wieder zu mobilisieren, müsse man die Menschen und ihre Reaktionsmuster kennen, schlussfolgert Quent. Auf Grundlage einer repräsentativen Studie aus dem Sommer 2025 teilt Quent die Menschen in vier Krisenreaktionstypen ein: die Ohnmächtigen, die Resignierten, die Flexiblen und die Kämpfenden. Im Buch werden die Typen über ein empirisches Storytelling nahbar und anschaulich.

Alle Gruppen bräuchten "angepasste Strategien" und unterschiedliche, möglichst emotionale Ansprachen, schreibt Quent. Das gelingt abgestimmt und zielgruppenspezifisch schon im Alltag über Vereine, Nachbarschaftsinitiativen oder Plauderbänke bis hin zu sichtbarem Engagement in öffentlichen Debatten oder auf Demonstrationen.

Analyse und Handlungsempfehlung gegen gefühlte Hilflosigkeit

Matthias Quents erklärt anschaulich und wissenschaftlich fundiert, wie Krisen und schlechte Stimmungen in unserer Gesellschaft wirken. Dabei hebt sich das Buch wohltuend von den vielen persönlich gefärbten Erklärungsversuchen zum Zustand unseres Landes ab. Quent setzt auf Fakten zur Analyse der gefühlten Hilflosigkeit, im Gegensatz zu den neuen Büchern von Jana Hensel und August Modersohn, in denen persönliche Begegnungen im Vordergrund stehen.

Ähnlich dem Reportagenband "Extremwetterlagen" (Verbrecher Verlag), der anhand eines Stimmungsbildes Entwicklungen und Umbrüche in Ost-Deutschland klar aufzeigt, ist "Keine Macht der Ohnmacht" eine kluge Analyse und Handlungsempfehlung zugleich, die Mut macht, die Zukunft wieder in die Hand zu nehmen. 

Weitere Informationen zum Buch (zum Ausklappen)

Bildrechte: Sio Motion

Matthias Quent
"Keine Macht der Ohnmacht. Wie wir Krisen bewältigen und uns gegen Faschismus wehren"

Erschienen im Piper Verlag
262 Seiten, gebunden

Preis: 22 Euro

ISBN: 978-3-492-07470-4

Quelle: MDR KULTUR (Ina Namislo)
Redaktionelle Bearbeitung: td, jb

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