"Bedürfnis, sich weiterzuentwickeln": So geht Studieren ohne Abitur
- Auch ohne Abitur kann in Deutschland studiert werden – dieser Bildungsweg wird immer beliebter.
- Die Studienberatung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg erklärt, welche formalen Voraussetzungen man dafür braucht.
- Studentin Helene hat es über ein Probestudium an die Uni geschafft – und rät, sich von komplizierten Hürden nicht abschrecken zu lassen.
Die Pflanzen in den Schaubeeten auf dem Heide-Campus der Martin-Luther-Universität Halle sind zum größten Teil vertrocknet. Studentin Helene Reichel erinnert sich ein Semester zurück: "Im Sommer mussten wir Pflanzen bestimmen, zum Beispiel Weizen oder Hülsenfrüchte. Ich habe auch noch nie gesehen, wie eine Kichererbse wächst. Durch dieses Studium verstehe ich jetzt viel mehr die Prozesse dahinter."
Helene studiert Agrarwissenschaften, inzwischen im dritten Semester. Die 24-Jährige hätte selbst kaum gedacht, dass sie mal studieren wird. Denn sie hat es auch ohne Abitur an die Universität geschafft.
Von der Ausbildung zum Studium
Helene Reichel ist glücklich mit ihrer Entscheidung, auch ohne Abitur zu studieren.Bildrechte: MDR/Theresa WunderlichNach ihrem Realschulabschluss hat sie erstmal eine Ausbildung zur Biologielaborantin absolviert. Danach wurde sie von ihrem Ausbildungsbetrieb übernommen und hat drei Jahre in dem Beruf gearbeitet. Doch langsam wuchs in ihr der Wunsch nach neuen Herausforderungen. "Es war eher ein Wissenshunger, also dieses Bedürfnis, sich weiterzuentwickeln. Ich war damals 21, und der Gedanke, die nächsten 40 Jahre im gleichen Beruf zu bleiben, fand ich ein bisschen beängstigend", erzählt Helene.
Also nahm sie sich eine Auszeit und reiste zehn Monate lang durch Australien und Südostasien. Die unterschiedlichen Landschaften und Agrarkulturen inspirierten sie: Wäre ein Studium nicht eine Idee, Geografie oder Agrarwissenschaften? Noch unterwegs fing Helene an, zu recherchieren: "Ich hab wirklich ganz stupide ‘Studieren ohne Abitur’ gegoogelt und war dann erstmal überfordert, weil das ja in jedem Bundesland anders läuft. Da ich aus Halle komme, dachte ich mir, ich schaue mal, wie die Voraussetzungen in Sachsen-Anhalt sind."
Studieren ohne Abitur immer beliebter
Seit 2009 kann in ganz Deutschland auch ohne Abitur studiert werden. Vereinzelt ging das auch schon früher, beispielsweise seit 1993 mit dem "Meister-Studium" in Nordrhein-Westfalen. Seit der bundesweiten Einführung ist das Interesse an einem Studium ohne Abitur deutlich angestiegen. So waren laut Centrum für Hochschulentwicklung 2023 rund 69.000 Studierende ohne Abitur oder Fachabitur an einer deutschen Hochschule eingeschrieben. Das entspricht einem Anteil von 2,4 Prozent aller Studierenden.
Besonders beliebt scheint Thüringen – hier hatten 2023 fast neun Prozent der Studierenden kein Abitur oder Fachabitur. Ein Grund dafür ist die Fernuniversität IU Internationale Hochschule, die ihren Hauptstandort in Erfurt hat. Auch in Sachsen und Sachsen-Anhalt erfreut sich das Studium ohne Abitur steigender Beliebtheit. Seit 2010 hat sich in beiden Bundesländern die Zahl Studierenden ohne Abitur etwa verdreifacht.
Auf der Internetseite der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg fand sie die Angebote der Studienberatung und buchte einen Termin. "Mir wurde gesagt: Wir können jetzt dir nicht sagen, ob das klappt, aber wir können dich an die richtigen Stellen weitervermitteln. Das hat mir geholfen, die ersten Schritte einzuleiten."
Studienberatung erklärt Voraussetzungen
Claudia Polkau leitet die Studienberatung in Halle. Immer wieder spricht sie mit Interessierten, die ohne Abitur studieren wollen. Die erste Option dafür ist, wie Helene eine Ausbildung mit mindestens drei Jahren Berufspraxis mitzubringen. Dann kann man ein Studium wählen, das fachlich zur Ausbildung passt, erklärt Claudia Polkau: "Interessierte können sich dann über die Feststellungsprüfung qualifizieren. Bei der Prüfung geht es um die inhaltlichen Fertigkeiten und Fähigkeiten, die der jeweilige Interessent für dieses Studium mitbringen muss. Dementsprechend unterscheidet sich die Prüfung je nach Studiengang und Institut."
Formale Voraussetzungen für ein Studium ohne Abitur
Bildung ist Ländersache – der Zugang zum Studium ohne Abitur unterscheidet sich also von Bundesland zu Bundesland. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen erhält man mit einem Meistertitel oder einem ähnlichen höheren Fortbildungsabschluss eine allgemeine Hochschulzugangsberechtigung – damit kann also fachungebunden studiert werden. Wer eine mindestens zweijährige Ausbildung mit drei Jahren Berufserfahrung mitbringt, kann eine fachgebundene Zulassung erhalten. In Sachsen muss dafür ein Beratungsgespräch absolviert und eine Zugangsprüfung bestanden werden. In Thüringen und Sachsen-Anhalt gibt es zusätzlich zur Zugangsprüfung auch die Option eines Probestudiums. Nach dessen Ablauf entscheidet die Hochschule anhand der erbrachten Leistungen über das Bestehen des Probestudiums und die Einstufung in ein Fachsemester. Für welche Studiengänge ein Probestudium möglich ist, unterscheidet sich je nach Universität.
Eine Alternative ist an der Universität in Halle das Probestudium, das es dort seit 2023 gibt. Anstatt der Prüfung ist man hier testweise für ein Jahr eingeschrieben und muss bestimmte Leistungen erreichen. Wer das schafft, kann im Anschluss "normal" weiter studieren. An der Universität Halle kann ein Probestudium in allen Fächern mit Ausnahme der dualen Studiengänge aufgenommen werden.
Ich habe mich selbst reflektiert, um nach diesen zwei Semestern wirklich zu schauen, ist die Uni was für mich oder nicht.
Auch Helene Reichel ist über das Probestudium an die Uni gekommen. Dass sie dabei einen gewissen Durchschnitt erreichen musste, hat sie nicht unter Druck gesetzt, sondern eher motiviert, sagt sie: "Ich habe mich selbst reflektiert, um nach diesen zwei Semestern wirklich zu schauen, ist die Uni was für mich oder nicht." Dabei geholfen habe auch ihre Berufsausbildung. "Das nimmt natürlich den Druck, wenn man vielleicht mal etwas nicht schafft oder feststellt, es passt nicht, dann kann ich mich immer wieder bewerben und dann finde ich vielleicht wieder einen Weg in meinen alten Beruf."
Auch mit Fachabitur an die Universität
Wer ein Fachabitur hat und schon ein Jahr an einer Fachhochschule studiert hat, kann ebenfalls an die Universität wechseln. Voraussetzung ist hier jedoch ebenfalls eine Ähnlichkeit der Fächer. "Wenn jemand Interesse an einem Lehramt-Studium mit den Fächern Chemie und Sport hätte, könnte man sich über ein einjähriges Fachhochschulstudium im Bereich Chemie nach einem erfolgreichen Studienjahr sich für die Fortsetzung des Studiums an der MLU qualifizieren", erklärt Claudia Polkau beispielhaft.
Wichtig sei am Ende bei allen Optionen, die Fristen nicht aus den Augen zu verlieren. Ein Antrag für ein Probestudium oder eine Feststellungsprüfung brauche meist etwas mehr zeitlichen Vorlauf als eine "normale" Bewerbung, sagt Claudia Polkau. Das liege vor allem an den Unterlagen zur beruflichen Qualifizierung, die gründlich geprüft werden müssen. "Diejenigen, die sich dafür interessieren, müssten sich eigentlich schon um den Jahreswechsel intensiver mit diesem Thema befasst haben, um dann rechtzeitig alle Unterlagen und den Antrag einzureichen."
Studium ohne Abitur lohne sich trotz Hürden
Der Zugang zum Studium ohne Abitur ist oft kompliziert und mit Einschränkungen verbunden. So kann man von der Fachhochschule nicht auf Fächer wie Medizin, Psychologie oder Jura wechseln – hier ginge ein Einstieg ohne Abitur über das Probestudium. Auch der inhaltliche Bezug zur Ausbildung ist wichtig. In Helenes Fall bedeutete das, dass das Geografie-Studium nicht möglich war. Trotzdem ist sie mit ihrer Entscheidung für das Studium glücklich.
Helene rät: Wer wie sie erstmal überfordert ist, sollte eines der vielen Beratungsangebote in Anspruch nehmen. Denn ein Studium lohnt sich auch ohne Abitur, sagt sie: "Einfach, dass man über den Tellerrand hinausschaut, dass die berufliche Bildung nicht mit dem Abschluss einer Ausbildung beendet sein muss. Oder vielleicht sogar mit dem Studium, dass es ganz viele Sachen gibt, die man noch machen kann, dass es da ganz viele Möglichkeiten einfach gibt."
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