Schwerter zu Pflugscharen: Wie ein Lesezeichen aus Herrnhut die DDR herausforderte
In seinem kleinen Betrieb in Herrnhut stellte Hans-Michael Wenzel zu DDR-Zeiten Gardinen, Vorhänge und Tischtücher her, die er manchmal mit biblischen Motiven und den Worten Jesu versah. Harmlose Produkte, für die nicht einmal in der reglementierungswütigen DDR eine staatliche Druckgenehmigung benötigt wurde.
Auftrag von der evangelischen Landeskirche
Pfarrer Harald Bretschneider mit dem Originalentwurf Schwerter zu Pflugscharen, dem Symbol der Friedensbewegung der DDR.Bildrechte: picture-alliance/ ZB | Thomas Lehmann1981 erhielt der bekennende Christ und Pazifist von der evangelischen Landeskirche den Auftrag, textile Lesezeichen für eine Friedensdekade herzustellen. Die Idee, das biblische Motiv "Schwerter zu Pflugscharen" als massentaugliches Symbol einzusetzen, stammte vom sächsischen Jugendpfarrer Harald Bretschneider. Als damaliger sächsischer Landesjugendpfarrer suchte er nach einer Möglichkeit, der kirchlichen Friedensbewegung in der DDR eine sichtbare Identität zu geben, die sich der staatlichen Zensur entzog.
Eigene Friedensrethorik der DDR ausgetrippelt
Gemeinsam mit Hans-Michael Wenzel entwickelte er das Konzept der Textil-Drucke auf Vliesstoff. Die staatliche Zensur in der DDR war lückenlos, wenn es um Papiererzeugnisse ging. Jedes Flugblatt und jedes Plakat benötigte eine Druckgenehmigungsnummer. Wenzel und Bretschneider nutzten eine entscheidende Lücke im DDR-Recht: Bedruckte Textilien galten nicht als Druckzeugnisse im Sinne der Verordnung. Und so druckte Wenzel in Herrnhut gleich mehrere tausend Vlies-Exemplare, nicht ahnend, welche Folgen dieser Auftrag haben wird.
Das Symbol der Friedensbewegung
Denn schon wenig später avancierte das "Schwerter zu Pflugscharen"-Motiv zum Symbol der Friedensbewegung in der DDR. Junge Leute hefteten sich die Drucke aus der Herrnhuter Druckerei an ihre Parkas und Taschen und riefen damit den Argwohn der Staatsmacht hervor. "Der Sozialismus braucht Pflugscharen und Schwerter", erläuterte Verteidigungsminister Heinz Hoffmann vor der Volkskammer den Standpunkt der Regierung der DDR.
Aufnäher wird als staatsfeindlich eingestuft
Die SED-Führung reagierte mit zunehmender Härte auf die Verbreitung des Symbols. Am 22. März 1982 wurde das öffentliche Tragen des Motivs offiziell untersagt. Die Sicherheitsorgane stuften den Aufnäher nun als Ausdruck einer staatsfeindlichen Einstellung ein. Wer ihn trug, riskierte den Verweis von Schulen oder Universitäten.
Besuch von der Staatssicherheit
Hans-Michael Wenzel druckte 1981 "Schwert zu Pflugscharen" auf Vlies. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNKParallel dazu geriet die Produktion in Herrnhut ins Visier der Staatssicherheit. Diese machte ihrerseits schnell den Hersteller der illegalen Druckerzeugnisse ausfindig und veranstaltete eine Haussuchung in Wenzels Betrieb. Alle Unterlagen, die die "Schwerter zu Pflugscharen"-Drucke betrafen, wurden konfisziert. Wenzel musste ab sofort für alle seine Produkte eine Druckgenehmigung beim Rat des Kreises einholen.
Produktion unter dem Radar: Der Lesezeichen-Coup
Das Entscheidende hatte die Staatssicherheit bei der Haussuchung allerdings übersehen: die Druckstöcke. Und so konnte Wenzel heimlich weiterdrucken. Laut eigener Aussage "verborgen hinter unverdächtigen Gardinen". Bis 1982 verließen so über 100.000 Exemplare des "Lesezeichens" die Herrnhuter Werkstätten.
Schorlemmer in Wittenberg 1983
Während die Herrnhuter Aufnäher bereits ab 1980 als verbreitetes Erkennungsmerkmal der Friedensbewegung dienten, gab es über Jahre hinweg weitere Formen des kirchlichen Protests. Einen symbolischen Höhepunkt markierte dabei der 24. September 1983: Während des Evangelischen Kirchentags in Wittenberg organisierte der Theologe Friedrich Schorlemmer eine Schmiedeaktion auf dem Lutherhof. Dabei wurde ein echtes Schwert zu einer Pflugschar umgearbeitet.
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