Reederin über Blockade der Straße von Hormus: "Es ist eine Ausnahmesituation"
MDR AKTUELL: Frau Bornheim, wie erleben Sie die Straße von Hormus in diesen Kriegszeiten?
Gaby Bornheim: Es ist eine belastende Situation, eine tragische Situation. Für die Menschen an Bord der Schiffe ist es enorm belastend, aber auch für die Kollegen im Landbetrieb. Das bedeutet, dass wir natürlich dafür sorgen müssen, dass sie ordentlich versorgt sind mit Frischwasser und Proviant. Das ist alles gewährleistet.
Das ist eine Ausnahmesituation, mit der Handelsschiffe normalerweise nichts zu tun haben.
Wie genau ist das gewährleistet? Wie organisiert man diese Hilfe?
Es ist ja so, dass die Schiffe dort im Einsatz waren, als es am 28. Februar losging mit dem Krieg. Die hatten natürlich entsprechend Vorräte und alles an Bord, was man haben muss, wenn man sich auf eine Reise begibt. Und jetzt waren natürlich – und sind auch noch zum jetzigen Zeitpunkt – die Häfen im Persischen Golf durchaus betriebsfähig. Es hat dort auch Angriffe auf Infrastrukturen gegeben, aber man kann zum jetzigen Zeitpunkt noch Proviant und Frischwasser aufnehmen und auch bunkern, also den Treibstoff für die Schiffe – das ist alles noch möglich.
Es hat nicht nur Angriffe auf die Infrastruktur gegeben, sondern auch auf die Schiffe selbst. Die Rede ist von Toten und Verletzten. Was genau erfahren Sie da von den Besatzungen, von den Kapitänen?
Das ist natürlich belastend. Das sind direkte Angriffe auf Schiffe gewesen. Aber auch, wenn Infrastrukturen angegriffen werden, dann fliegen Metallteile, was auch immer, durch die Luft und können eben auch Schiffe beschädigen. Wir haben, also wir bei Peter Döhle (Schifffahrts-KG, Anm. d. Red.), drei Schiffe im Persischen Golf liegen: zwei eigene Schiffe und ein von uns technisch betreutes Schiff. Und wir sind täglich mit den Schiffen in Kontakt. Hier werden jeden Tag die entsprechenden Sicherheitsassessments durchgeführt. Es wird jeden Tag die Lage neu beurteilt: Müssen die Schiffe verholt werden? Wie ist die Versorgungslage? Wir erhalten Risikoeinschätzungen zum Teil über die Marine, aber es gibt eben auch die entsprechenden internationalen Organisationen. Es gibt entsprechende Beratungsunternehmen, die uns alle Informationen liefern, um diese Risiko-Einschätzung zu machen.
Was können da Besatzungen überhaupt für ihren Schutz tun?
Herzlich wenig. Die können sich im Grunde genommen möglichst unter Deck aufhalten. Das mag Ihnen jetzt banal vorkommen, aber mehr geht nicht.
Das heißt: ein Leben unter Deck. Es gibt aber möglicherweise auch noch andere Möglichkeiten. Wir hören davon, dass einige Schiffe Hinweise geben, die aus der Luft gesehen werden können. Da steht dann drauf: Eigentümer und Besatzung aus China. Oder sie kommunizieren einen Bezug zu Russland und Indien als mögliche Sicherheitsgarantie. Funktioniert das oder ist das trügerisch?
Darauf würde ich mich nicht verlassen. Das hatten wir auch schon bei den Fahrten durch den Suezkanal beziehungsweise durch das Rote Meer. Dort hieß es dann auch immer, wenn man sozusagen über das AIS-Signal mitteilt, dass man ein chinesisches Schiff sei oder unter chinesischer Eignerschaft stehe, dann würde man nicht angegriffen werden.
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Das halte ich für wenig verlässlich.
Wir haben jetzt auch eine Mitteilung der iranischen Regierung, wenn man zu den sogenannten Non Hostile Vessels zählen würde, dann könnte man auch durchfahren.
Was genau ist diese Gruppe, von der Sie da sprechen?
Die Non Hostile Vessels, also nicht-feindliche Schiffe, die werden nicht beschossen und könnten durch die Straße von Hormus fahren, wenn sie denn eine entsprechende Maut zahlen. Ich würde mich nicht darauf verlassen. Auch die Sicherheitsbehörden und die Marine rät dringend davon ab. Für uns muss ja an erster Stelle die Sicherheit und auch die Risikominimierung stehen.
Haben Sie Informationen darüber, dass von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht wird, dass also eine Maut, eine Passiergebühr bezahlt wird? Die Rede ist von Millionenbeträgen, die da möglicherweise aufgerufen werden.
Im Raum stehen zwei Millionen Dollar pro Passage. Mir ist nicht bekannt, dass Schiffe deutscher Reedereien dieses Angebot angenommen haben. Sie wären auch schlecht beraten, denn diese Zahlungen würden dann ja an die iranischen Revolutionsgarden gehen und die sind auf der Sanktionsliste und wie gesagt: Es ist nicht verlässlich.
Erscheint eine militärische Absicherung realistisch und wenn ja, wie könnte das in der Praxis aussehen?
Wir hatten auch zu Anfang natürlich gesagt, wir bitten um eine militärische Begleitung. Auch die USA haben relativ früh die Möglichkeit ins Spiel gebracht, Schiffe in der Straße von Hormus militärisch zu begleiten. Europa war ein bisschen zurückhaltend. Wir haben dann auch von Deutschland aus oder von Herrn Pistorius gehört, das ist nicht unser Krieg. Also, es werden keine Bundeswehrkräfte zur Verfügung gestellt zur Sicherung. Das verstehen wir natürlich.
Wir kennen solche Situationen aus dem Jemen, aber auch aus dem Roten Meer. Dort ist die Mission Aspides recht erfolgreich gewesen. Dort gibt es dann dieses Fahren mit einer Eskorte. Wir haben jetzt den 15-Punkte-Plan von Herrn Trump, der scheint aber nicht zu reüssieren. Insofern ist die Frage, ob all die Einschätzungen von militärischer Seite, dass der Iran auch langsam ans Ende seiner Kampfmittel kommt, wirklich Hand und Fuß haben. Aber es reichen ja eben auch schon Unterwasserdrohnen aus – kleinere Kampfmittel, die relativ günstig und schnell auch herzustellen sind –, um Schifffahrt hier zu beeinträchtigen.
Der Welthandel hängt von der Schifffahrt ab.
Was hängt alles an dieser Blockade dran für die Reedereien?
Wir wissen, dass 90 Prozent des Welthandels über Seewege laufen. Deutschland alleine hält 60 Prozent – sagen wir, zwei Drittel der In- und Exporte hängt ebenfalls vom Seeweg ab. Durch den Persischen Golf gehen etwa 20 Prozent bestimmter Ladung, insbesondere Rohöl, und 20 Prozent des weltweiten LNGs. Wenn Sie einmal sehen, der Hafen von Dschabal Ali in Dubai bewegt in 2024 15,5 Millionen Standardcontainer. Das sind doppelt so viele wie im Hamburger Hafen. Man sagt, dass insbesondere auch Düngemittel besonders kritisch zu sehen sind, die dort transportiert werden.
Das alles hat Folgen und Konsequenzen. Was beobachten Sie, wie haben sich zum Beispiel Buchungen von Waren oder Routen der Schiffe seit Beginn des Irankrieges verändert?
Das Problem ist, dass sie dort im Grunde genommen in einer Sackgasse hängen. Sie kommen da nicht raus und sie kommen auch nicht rein. Das heißt, es ist mittlerweile schon ein erheblicher Stau an Schiffen vor dem Golf von Oman, dem Arabischen Meer. Nun versucht man zum Teil auf dem Landweg Transporte abzuschließen, das heißt, dann Anladungen im arabischen Bereich. Es gibt aber jetzt auch wieder die Bestrebungen, zum Beispiel über Jeddah – sprich über das Rote Meer, den nördlichen Bereich – Lieferungen durchführen zu können. Es heißt immer so schön: Ladung findet ihren Weg, aber Sie müssen natürlich jetzt erstmal sehen, die eigentlichen Bestimmungshäfen im Persischen Golf können jetzt nicht neu angelaufen werden.
Die Versicherungsprämien für die Schiffe seien auch extrem gestiegen, heißt es. Was bedeutet das für Kalkulationen der Reedereien?
Das wird entsprechend teurer. Wir haben für Kriegsrisikodeckung nun enorme Zusatzkosten. Man redet hier von Anstiegen von 0,5 Prozent bis – in Ausnahmefällen – zu 10 Prozent des Schiffswertes für diese wenigen Tage Versicherungsschutz, die sie sich in dem Gebiet aufhalten. Das kann bei großen Handelsschiffen schnell zu sechs- bis siebenstelligen Summen führen. Das ist aber etwas, was dann letztendlich der Verbraucher zahlen wird. Die Londoner Versicherer haben ein Joint War Committee. Die haben mittlerweile die Golfregion in die höchste Risikokategorie eingestuft, haben dann entsprechend die bestehenden Policen formal gekündigt – das können sie, das ist völlig in Ordnung – und eben neue Deckung mit deutlich höheren Prämienangeboten. Das ist ein übliches Verfahren, wenn sich eben Risikolagen kurzfristig ändern.
Wie optimistisch sind Sie aufgrund der jetzigen Situation, dass sich da möglicherweise bald etwas tut und die Straße wieder frei wird?
Ich wünsche mir, dass sie so schnell wie möglich frei wird, aber im Moment, gerade nach den Ausführungen aus den USA und den entsprechenden Antworten aus dem Iran, aber auch die Haltung Israels, lässt, glaube ich, gerade wenig Raum für Hoffnung, dass das schnell zu Ende gehen wird.
Die Fragen stellte Sven Kochale.
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