Warum Kinder den Betrieb der Eltern übernehmen
Inhalt des Artikels:
- Mehr als die Hälfte der mittelständischen Unternehmer über 55 Jahre
- Ein Elektronik-Betrieb im thüringischen Lucka
- Ein Betrieb für Sanierung und Haustechnik im sächsischen Mockrehna
- Ein Zahnlabor im Mansfelder Land
Mehr als die Hälfte der mittelständischen Unternehmer über 55 Jahre
Jedes vierte mittelständische Unternehmen zieht laut einer aktuellen KfW-Studie in Erwägung, nach dem altersbedingten Rückzug der Besitzer zu schließen. Der Studie zufolge sind bereits 57 Prozent der mittelständischen Unternehmerinnen und Unternehmer 55 Jahre oder älter. "Viele Unternehmerinnen und Unternehmer empfinden die Suche nach einem passenden Nachfolger als sehr schwierig", heißt es in der Auswertung.
Bei den Unternehmen, die auch über eine Schließung nachdachten, habe auch die familiäre Situation eine Rolle gespielt. "47 Prozent der Befragten mit Stilllegungsplänen erklären, dass es in ihrer Familie kein Interesse an einer Fortführung, etwa durch die Kinder, gebe", so ein Ergebnis der KfW-Studie.
Kritik an schwierigen Rahmenbedingungen für Selbstständigkeit
Die Industrie- und Handelskammern begleiten Betriebsübergaben. Die familiäre Weitergabe ist nach Mario Bauer von der Leipziger IHK mittlerweile die Ausnahme. Doch selbst Firmenverkäufe gelängen oft nicht. Ein Hindernis sei die "Vorstellungen zum Kaufpreis". "Auf der einen Seite das Lebenswerk mit Substanzwerten, die dann aufgerechnet werden, auf der anderen Seite die Herausforderungen für den Erwerber zu investieren. Das trifft sich sehr häufig nicht", führte er gegenüber dem MDR-Magazin Umschau aus. Ein weiterer Punkt sei, dass "der Übergebende nicht so wirklich loslassen kann".
Immer weniger junge Handwerksmeister wagen zudem den Schritt in die Selbstständigkeit. Die Leipziger Handwerkskammer hat vor zwei Jahren ihre Meisterabsolventen befragt, wer sich den Schritt vorstellen könne. "Zwei Drittel haben geantwortet: nein", erklärte Volker Lux von der Handwerkskammer Leipzig gegenüber dem MDR-Magazin Umschau. Als Gründe würden häufig Bürokratie und Haftungskriterien angeführt. Viele hätten auch bemängelt, "dass die Ballance zwischen wirtschaftlichem Wagnis und Ertrag, der wirklich hängen bleibt, nicht mehr besteht", so Lux. Die Rahmenbedingungen seien nicht so, "dass es Mut macht".
Wir haben drei Beispiele in Mitteldeutschland gefunden, wo die Kinder das Ruder ihrer Eltern übernehmen wollen. Dafür brauchen alle einen Meistertitel, sonst geht das nicht.
Franziska Schütze hat Wirtschaftingenieurwesen studiert. Die Ausbildung zur Elektronikern hat sie danach drangehängt, um den Betrieb ihres Vaters übernehmen zu können. Dazu braucht sie nun aber auch noch den Meistertitel.Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNKEin Elektronik-Betrieb im thüringischen Lucka
Franziska Schütze ist 32 Jahre alt, Elektronikerin und will den Betrieb ihres Vaters in Lucka übernehmen. Das Franziska einmal die Firma übernimmt, war eigentlich nicht geplant. Sie lernte Einzelhandelskauffrau und studierte dann Wirtschaftsingenieurswesen. Die Hoffnungen des Vaters lagen auf dem Sohn. "Der Sohn hat Elektriker gelernt. Er hat aber nicht so einen richtigen Draht zur Brange gefunden und hat sich dafür entschieden, dass er nicht in die Firma miteinsteigen möchte", erinnerte sich Firmenbesitzer Ralf Schütze gegenüber dem MDR-Magazin Umschau. Dann habe sich Franziska dazu entschlossen und sich angeboten.
"Aber ohne Fachkenntnisse geht es nicht", war Ralf Schütze klar. Also absolvierte Franziska im Schnelldurchlauf eine Elektrikerlehre. Jetzt macht sie die Meisterschule und arbeitet parallel bereits in der Firma. Ihre Erfahrungen in der IT-Brange machten sie schnell zur Fachfrau für digitale Projekte. Gerade wurde sie deswegen auch in der Smarthome-Technik geschult, weil ein Kunde Programmierungsänderungen wünschte. Das MDR-Magazin Umschau war vor Ort, als sie das gelernte Wissen, das erste Mal beim Einsatz für die Firma des Vaters angewendet hat. Und es hat geklappt. "Verbunden, getestet. Top. Nächster Schalter.", freute sie sich. Am Tag darauf war wieder Meisterschule angesagt.
"Ich finde es klasse, dass ich die Firma so weiter entwickeln kann, wie ich das für richtig empfinde und ich das in die nächste Generation tragen kann", sagt sie zur bevorstehenden Geschäftsübernahme. "Ich möchte erfolgreich sein im Leben und das ist ein toller Weg für mich", betonte sie.
Der 19-jährige Malte Kanitz will den Betrieb für Sanierung und Haustechnik seines Vaters übernehmen. Die Ausbildung hat er bewusst in einem anderen Betrieb gemacht. "Ich möchte nicht der Junge vom Chef sein", betont er.Bildrechte: MDR/UmschauEin Betrieb für Sanierung und Haustechnik im sächsischen Mockrehna
Malte Kanitz will den Betrieb seines Vaters für Sanierung und Haustechnik im sächsischen Mockrehna übernehmen. Der 19-Jährige packt auch jetzt schon mit an, etwa beim Einbau einer 200 Kilogramm schweren Wärmepumpe. Maltes Vater habe seinen Sohn nie gedrängt, in die Firma einzusteigen, um so mehr freue er sich jetzt über dessen Entschluss, erklärte er gegenüber dem MDR-Magazin Umschau. "Er hat seine Lehre super abgeschlossen. Er macht jetzt in Ruhe seinen Meister", so Vater Stefan Kanitz.
In der Ausbildung gehörte Malte Kanitz zu den Jahrgangsbesten. In der Firma des Vaters aber wollte er nicht lernen. "Ich wollte ein normaler Lehrling sein. Ich möchte nicht der Junge vom Chef sein", so der 19-Jährige. Jetzt beim Mitanpacken im väterlichen Betrieb könne er "reinwachsen in die ganze Geschichte", so Stefan Kanitz. Er traue ihm die Firmenübernahme voll und ganz zu. "Er ist ein Macher. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen", weiß der Vater zu berichten. "Er hat schon dieses Gen, dass er Kunden beraten kann und ordentlich arbeitet", sagt er stolz über seinen Sohn. Für den 19-Jährigen sei das Wichtigste für einen guten Meister, dass dieser mit den Angestellten reden könne. "Wir sind nur sieben Mann, da muss das alles klappen", erklärte er gegenüber dem MDR-Magazin Umschau.
"Als Kind oder Teenager kam mir der Gedanke eigentlich nie, dass ich mal die Firma übernehmen möchte", so Jeremias Wolf. Inzwischen brennt er für die Zahntechnik und hat es sich anders überlegt.Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNKEin Zahnlabor im Mansfelder Land
Jeremias Wolf, heute 24, hatte ursprünglich nicht vor, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und dessen Zahnlabor im Mansfelder Land weiterzuführen. Der 24-Jährige hatte nach dem Abitur zunächst ein Pharmaziestudium begonnen, aber dann in eine Banklehre gewechselt, die er auch beendet hat. "Als Kind oder Teenager kam mir der Gedanke eigentlich nie, dass ich mal die Firma übernehmen möchte", erklärte Jeremias Wolf gegenüber dem MDR-Magazin Umschau.
Nach der abgeschlossenen Banklehre machte er ein Praktikum beim Vater, wodurch sein Interesse an der Zahntechnik entfacht wurde. "Es hat mir persönlich dann sehr viel Spaß gemacht und ich habe einfach das Gefühl gehabt, dass die Arbeitstage, auch wenn es nur zwei Wochen waren, für mich viel schneller umgegangen sind. Ich merkte, dass ich mir vorstellen könnte, so etwas in die Richtung viel länger in meinem Leben zu machen als einen Bürojob", erklärte er. Inzwischen hat er die Ausbildung zum Zahntechniker als Jahrgangsbester abgeschlossen und steckt in der Meisterausbildung.
Die Arbeit ist vielfältig. Es gibt den Gipsbereich, die Spangentechnik, Zahnersatz in Kunststoff, Keramik- oder Edelmetall und Metallguss. 35 Mitarbeiter umfasst das Team. "Der wichtigste Aspekt an der ganzen Geschichte ist, er muss ein guter Handwerker sein. Das ist das Einzige, worauf ich Wert lege. Wenn er sein Handwerk versteht, wird er überall seinen Mann stehen können", sagt Vater Jörg Uwe Wolf. Der 24-Jährige freut sich schon auf die zükünftige Aufgabe: "Ich traue es mir persönlich zu und hoffe das das alles so funktioniert, wie ich mir das vorstelle."
MDR (cbr)
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