Kein Anstieg von Cannabis-Konsum durch Teil-Legalisierung
- Wissenschaftler stellen nach zwei Jahren Teil-Legalisierung von Cannabis positive Folgen fest. So deuten erste Erkenntnisse auf ein Schrumpfen des Schwarzmarktes hin.
- Demgegenüber stehen Probleme mit medizinischem Cannabis und dem Zugang zu Anbauvereinigungen.
- Kliniken berichten von einer steigenden Zahl psychischer Erkrankungen durch Cannabis-Konsum.
Zwei Jahre nach der Teil-Legalisierung von Cannabis sehen Fachleute keinen gesteigerten Konsum der Droge in Deutschland: "Ein Anstieg des Konsums, der auf die Reform zurückgeführt werden könnte, ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht erkennbar", heißt es in einem Bericht von Expertinnen und Experten der Universitäten Düsseldorf, Hamburg und Tübingen, der am Mittwoch vorgelegt wurde. Damit bestätigen sich frühere Studien.
Außerdem deuteten erste Erkenntnisse auf eine "schrumpfende Bedeutung des Schwarzmarktes" für Cannabis hin, schreiben die Fachleute. Dies könnte zu einer "finanziellen Schwächung krimineller Gruppierungen beitragen". Ein "moderat wachsender Anteil" des in Deutschland konsumierten Cannabis stamme aus legalen Quellen – also aus dem Eigenanbau in Anbaugemeinschaften oder dem legalen Erwerb von Medizinalcannabis in Apotheken.
"Wirkstoffgehalt" in medizinischem Cannabis birgt Gesundheitsrisiken
Die Wissenschaftler nennen allerdings auch eine Reihe von Problemen. So sei etwa die wachsende Verschreibung von Medizinalcannabis mit hohem Wirkstoffgehalt "nicht durch Studien gerechtfertigt", und sie berge "ein erhöhtes Gesundheitsrisiko" wegen der Gefahr psychischer Folgewirkungen. Der Import von Medizinalcannabis sei von 2024 auf 2025 um knapp 200 Prozent gestiegen.
Defizite sehen die Forschenden ebenfalls bei der Nutzung von Anbauvereinigungen, in denen Konsumenten Cannabis selbst legal anbauen dürfen. Bislang seien "nur sehr wenige Anbauvereinigungen genehmigt" worden. "Die nur langsame Verdrängung des Schwarzmarktes könnte durch eine Stärkung der Anbauvereinigungen beschleunigt werden." Hierzu gehöre insbesondere die Vereinfachung gesetzlicher Vorschriften für den Anbau und die Weitergabe von Cannabis.
Die Anbauvereinigungen klagen seit langem über strenge Vorgaben. Unter anderem gilt ein vollständiges Werbeverbot für die Cannabis-Clubs. Daher gibt es auch kaum eine Übersicht über das Angebot. Der Deutsche Hanfverband veröffentlichte erst vor wenigen Tagen eine erste Liste der genehmigten Anbauvereinigungen, wobei Thüringen in dieser Übersicht noch fehlt.
Anbauvereinigungen in Sachsen
- Anbauvereinigung Greenkeepers Leipzig e.V.
- Cannabis Anbau Leipzig e.V.
- Sweet Dreams – Social Club e.V., Leipzig
- Smokey Joe´s e.V., Leipzig
- Max Fischer KiGr e.V., Chemnitz
- Schöne Neue Welt e.V., Marienberg
- Cannabis-Verein Görlitz e.V.
- Elbtalhanf e.V. Green Freedom e.V., Dresden
- CSC Karl-Mag’s-Oberlausitz e.V., Neugersdorf
- Firstclass Cannabis Social Club Chemnitz e.V.
- easy growing e.V., Dresden
- blütenrepublik e.V., Dresden
- Buds Collective e.V., Ellefeld
- Rauschende Bäche e.V., Leipzig
- Die Kifferei Pirna CSC e.V.
- CSC Klub Karl e.V., Limbach-Oberfrohna
- Der große böse Wolf Dresden e.V.
- Cannabis-Grow-Space Leipzig e.V.
- Utopia e.V., Dresden
- HQ Dresden e.V.
- Cannabis-Social-Club Görlitz e.V.
- Club 4 19 59 e.V., Radebeul
- Oberlungwitzer Growclub e. V.
Anbauvereinigungen in Sachsen-Anhalt
- High Plants Saale e.V., Petersberg
- Phytofreunde Dessau e.V.
- Dein Cannabis Social Club e.V., Selke-Aue
- CSC-KGB Köthen-Gerlebogk-Bernburg e.V.
- Green Valley Club e.V., Bitterfeld-Wolfen
- CSC Endstation e.V., Bitterfeld-Wolfen
- Bernburger Bären Grass e.V.
- Freunde des Pflanzenanbaus Mitteldeutschland e.V., Halle
- CSC Ost-Harz e.V., Wernigerode
- Happy Weed e.V., Egeln
- Cannabis Social Club Batzen & Schmatzen e.V., Naumburg
- CSC Sachsen-Anhalt e.V., Tangermünde The High Club e.V., Gemeinde Hohe Börde
- CSC Mulde-Grow e.V., Raguhn-Jeßnitz
- Cannabis Social Club Blatt Bar e.V., Barby
Weniger Prävention, mehr Psychosen
Darüber hinaus sieht der Bericht keinen gesteigerten Kinder- und Jugendschutz vor Cannabis, was eines der Ziele war. Im Gegenteil: Die vorliegenden Daten zeigten, "dass Frühinterventions- und Beratungsangebote durch Jugendliche, die Cannabis konsumieren, infolge der Gesetzesreform deutlich seltener in Anspruch genommen werden", heißt es im Zwischenbericht. Der Grund liege darin, dass es durch die Justiz "keine regelhaften Zuweisungen zu Frühinterventionskursen" mehr gebe. Dies wiederum liegt an der erschwerten Strafverfolgung, die von Kriminalisten festgestellt wird.
Eine Datenerhebung an fünf psychiatrischen Kliniken im Rhein-Ruhrgebiet kommt sogar zu dem Ergebnis, dass die Zahl der behandlungsbedürftigen Fälle seit der Teillegalisierung deutlich angestiegen ist. Die Cannabis-bezogenen Psychosen seien demnach um 40 Prozent gestiegen. "Da die Verfügbarkeit von Cannabis größer geworden ist, führt das zu mehr Aufnahmen", sagte der Chefarzt für Abhängigkeitserkrankungen der LVR-Klinik in Langenfeld, Bodo Lieb, am Dienstag der Nachrichtenagentur KNA. Verglichen wurden die Aufnahmediagnosen vom ersten Quartal 2024, vor der Teillegalisierung, und dem ersten Quartal 2025.
Auch die Uniklinik in Jena sieht generell einen erhöhten Therapiebedarf von Drogensuchterkrankungen, Bei Cannabis gebe es einen teils erhöhten Konsum in einzelnen Patientengruppen, sagt der Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Martin Walter. Ob es sich dabei aber um einen Effekt der Teil-Legalisierung oder einen bereits länger anhaltenden Trend handle, könne nicht unterschieden werden.
Die vor einem Jahr ins Amt gekommene Bundesgesundheitsministerin Nina Warken sieht die Teil-Legalisierung von Cannabis kritisch. Die CDU-Politikerin strebt gesetzliche Verschärfungen an. Im Koalitionsvertrag mit SPD und CSU steht lediglich, dass bereits Ende 2025 eine ergebisoffene Evaluierung des Gesetzes durchgeführt werden sollte.
Der Abschlussbericht des Forschungsverbunds wird im April 2028 erwartet.
AFP/dpa/KNA/MDR (ala)
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