• Für die AfD in Sachsen-Anhalt spielt Kulturpolitik eine zentrale Rolle, um die eigene Weltanschauung gesellschaftlich zu verankern.
  • Im Entwurf zum Wahlprogramm ist von patriotischer Kunst und deutscher Identitätsstörung die Rede.
  • In der Kulturszene gibt es deutliche Widerworte gegen solche volkserzieherischen Konzepte.

In Sachsen-Anhalts Kulturszene wird mit einigem Unbehagen auf die anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt geblickt. Denn sollte die AfD an die Macht kommen, dann soll sich nach den Vorstellungen der Partei die Kulturpolitik deutlich ändern. Das Gerücht von schwarzen Listen macht im Kulturbereich bereits die Runde.

Hans-Thomas Tillschneider ist promovierter Islamwissenschaftler und der kulturpolitische Sprecher der AfD. In seinem Abgeordnetenbüro hängen Reproduktionen von Caspar David Friedrich, "Zwei Männer in Betrachtung des Mondes", sowie Arnold Böcklins "Toteninsel". Das neunzehnte Jahrhundert ist für Tillschneider ein wichtiger Bezugspunkt.    

AfD: Kulturpolitik an eigene Weltanschauung anknüpfen

Dass es eine schwarze Liste gebe mit Projekten, die nicht mehr gefördert würden, bestätigt er nicht. Es gebe dazu kein ausformuliertes Papier, so Tillschneider. Dennoch gebe es klare Vorstellungen zur Kulturpolitik: "Jede politische Partei vertritt eine gewisse Weltanschauung, bedient ein gewisses Segment des Bürgertums und hat dementsprechend andere Vorstellungen davon, was gefördert werden soll und was nicht."

In Sachsen-Anhalt wird über die Förderung von Kunst und Kultur allerdings in unabhängigen Gremien entschieden und Fälle, in denen Parteien Einfluss auf Theaterspielpläne genommen hätten, sind auch nicht bekannt. Dennoch hat Tillschneider einige Vorstellungen. So kündigt er an, die Gegenwartsmusik nicht mehr fördern zu wollen. Diese Kunst bediene nur ein sehr kleines Segment. Zudem sei sie politisch einseitig. Es habe in Sachsen-Anhalt Aufführungen gegeben, die sich kritisch mit Donald Trump auseinandergesetzt hätten.

Auf der Suche nach der patriotischen Kunst

Am Städtischen Theater Magdeburg verfolgt man solche Äußerungen sehr aufmerksam. Denn das Vier-Sparten-Haus verstehe sich als ein Haus für alle interessierten Bürgerinnen und Bürger, so Generalintendant Julien Chavaz: "Man hat neue Musik, man hat alte Musik, man hat romantische Musik, man hat amerikanische, deutsche oder italienische Musik. Und wenn man anfangen würde, hier zu kürzen, dann würde man Teile des Publikums ausschließen."

Das Theater ist aus Sicht von Julien Chavaz kein Ort, an dem ein Staat oder eine Regierung politische Absichten verkünden sollte, sondern vielmehr der Raum für andere Sichtweisen. Hans-Thomas Tillschneider blickt allerdings ganz anders auf die Kulturpolitik: "Die Altparteien drücken doch auch ihre Wertvorstellungen durch. Wo gibt es denn patriotische Kunst? Wir würden das gleiche machen, nur eben mit anderen Inhalten." Die Freiheit der Kunst bleibe aber bestehen, so Tillschneider.

AfD Sachsen-Anhalt will "Gesellschaft heilen"

Die Vorstellung einer patriotischen Kunst spielt im Kulturkampf der AfD eine zentrale Rolle, denn die Partei bescheinigt den Deutschen eine Identitätsstörung, einen Mangel an Nationalstolz.

Die AfD-Sachsen-Anhalt wird diese Identitätsstörung durch eine neue, patriotische Kulturpolitik heilen.

Aus dem Entwurf zum AfD-Wahlprogramm

Hans-Thomas Tillschneider, kulturpolitischer Sprecher der AfD in Sachsen-Anhalt, fühlt sich wohl in der Kunstwelt des 19. Jahrhunderts.Bildrechte: MDR

Im Entwurf zum Wahlprogramm, das Hans-Thomas Tillschneider maßgeblich mitgeschrieben hat, steht zu lesen: "Die AfD-Sachsen-Anhalt wird diese Identitätsstörung durch eine neue, patriotische Kulturpolitik heilen. Die Kulturpolitik muss den Deutschen ihr Selbstbewusstsein zurückgeben. Dies ist die entscheidende Voraussetzung für eine patriotische Wende auf allen Gebieten."

Gleimhaus Halberstadt: Aufklärung bleibt Gegenprojekt

Allerdings ist diese Idee einer patriotischen Kunst nur schwer mit der Geschichte in Übereinstimmung zu bringen. Das zeigt sich beispielhaft im Gleimhaus Halberstadt, ein Museum, das sich dem Wirken des Dichters Johann Ludwig Gleim widmet.

Gleim schrieb im siebenjährigen Krieg patriotische Gedichte für Preußen. Von einer Nationalkultur könne man aber trotzdem nicht reden, erklärt Ute Pott, die Museumsleiterin: "Das Konzept von einem Nationalstaat gab es ja noch nicht. Es gab viele Herrscher und man musste sich irgendwie immer einigen. Eine Vision von Nationalstaat und einer einheitlichen Meinung, das ist etwas, was mit der Aufklärung nicht viel zu tun hat."

Eine Vision von Nationalstaat und einer einheitlichen Meinung hat mit der Aufklärung nicht viel zu tun.

Ute Pott, Gleimhaus Halberstadt

Museumsleiterin Ute Pott will den Dichter und Aufklärer Johann Ludwig Gleim nicht für patriotische Kultur hergeben.Bildrechte: MDR/Ulrich Wittstock

Das Gleimhaus ist Sachsen-Anhalts Museum für Aufklärung. Und die Aufklärung sei der Gegenentwurf zu dem Versprechen, man könne die Welt mit einfachen Antworten beschreiben, so Ute Pott.

Theater Magdeburg: keine konservative Revolution auf der Bühne

Hans-Ullrich Tillschneider gilt als Vordenker in Sachsen-Anhalts AfD-Landesverband und er hält seine kulturpolitischen Vorstellungen weder für rückwärtsgewandt noch für gestrig. Die AfD-Vorstellungen zur Kultur seien Tiel einer größeren Entwicklung: "Wir erleben eine konservative Zeitenwende. Es ändert sich etwas. Die Zeit der 68er ist vorbei und es kommt etwas Neues. Wir sind Teil einer globalen Zeitenwende, einer konservativen Wende, nennen wir es mal so salopp."

Das Theater ist nicht ein Objekt, das sich von den Farben der Vergangenheit bemalen lässt.

Julien Chavaz, Generalintendant Theater Magdeburg

Julien Chavaz, Generalintendant am Theater Magdeburg, will die Bühne als Freiraum bewahren.Bildrechte: MDR/Ulrich Wittstock

Der Magdeburger Generalintendant Julien Chavaz sieht die Theater allerdings nicht als Träger einer solchen Entwicklung: "Also ich glaube nicht, dass das Theater der Ort ist, eine konservative Revolution umzusetzen. Das Theater ist nicht ein Objekt, das sich von den Farben der Vergangenheit bemalen lässt." Kultur lebe von der Freiheit der Künstlerinnen und Künstler, Staatskunst stehe dieser Idee entgegen.

Redaktionelle Bearbeitung: lm

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