Jüdische Community Chemnitz streitet über Extremismus-Vorwürfe
- Die Chemnitzer Reihe "Gespräche auf dem Goldenen Sofa" sorgt für Diskussionen.
- Kritiker werfen den Organisatoren Antisemitismus vor und forderten die Streichung von Fördergeldern.
- Die Reihe startet trotz Kritik mit der Schriftstellerin Eva Menasse.
Das Jahr der Jüdischen Kultur in Sachsen hat sich mit dem Motto "Tacheles" unter anderem auf die Fahnen geschrieben, jüdische Stimmen im Freistaat sichtbar zu machen. Es gibt jüdische Stimmen, die sich unterrepräsentiert fühlen und ebenfalls Gehör finden wollen. Diese sollen bei den "Gesprächen auf dem Goldenen Sofa" in Chemnitz zu Wort kommen.
Goldenes Sofa löst Streit in Chemnitz aus
Ins Leben gerufen hat die Gesprächsreihe der Chemnitzer Verein "Antonplatz 15" rund um Nirit Sommerfeld. Die im israelischen Eilat geborene Jüdin ist dessen Vorstand. Der Verein wurde in Erinnerung an Sommerfelds Großvater gegründet, der in Chemnitz lebte und im KZ Sachsenhausen ermordet wurde.
Nirit Sommerfeld hat mit der Auswahl der Gäste für Ihre "Gespräche auf dem Goldenen Sofa" die Kritik anders denkender Jüdinnen und Juden auf sich gezogen.Bildrechte: MDR/Thomas FriedrichNeun Gespräche sind bis November geplant. Zu den Gästen gehören unter anderem die Philosophin Susan Neiman, die in der "Frankfurter Rundschau" forderte, "Nie wieder" dürfe nicht nur auf Juden bezogen werden. Auch die Schriftstellerin Deborah Feldmann, deren Buch "Unorthodox" über ihren Ausstieg aus ihrer strenggläubigen Familie weltweit auf den Bestseller-Listen stand und von Netflix verfilmt wurde, wird nach Chemnitz kommen.
Besonders problematisch werden aber die Auftritte von Fanny-Michaela Reisin und Shir Hever gesehen. Reisin gilt als vehemente Kritikerin israelischer Politik, während der Ökonom Shir Hever ein militärisches Embargo gegen Israel forderte.
Wir haben Probleme mit der israelischen Kriegsführung, mit dem israelischen Umgang mit den Palästinensern – kurzum: mit der israelischen Politik.
"Wir haben zwei Dinge gemein", sagt Nirit Sommerfeld über sich und ihre Gesprächspartner. "Erstens sind wir Juden und Jüdinnen. Und zweitens haben wir bei aller Unterschiedlichkeit, Probleme mit der israelischen Kriegsführung, mit dem israelischen Umgang mit den Palästinensern, kurzum: mit der israelischen Politik." Anders als der israelische Botschafter, Ron Prosor, oder die Mitglieder des Zentralrats der Juden seien sie nicht ständig in den Medien präsent, also hätten sie gedacht, "dann machen wir halt eine eigene Runde", sagt Sommerfeld auf Nachfrage von MDR KULTUR.
Kulturstiftung zieht Förderung zurück
Gefördert werden sollte das Projekt, wie viele andere auch, von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen. In letzter Minute wurden die Gelder in Höhe von 14.000 Euro am 23. März jedoch zurückgezogen. Begründung: Befangenheit eines Kuratoriumsmitglieds. Zuvor hatte es bereits einen intensiven Schriftverkehr zwischen Sommerfeld und der Stiftung über die Auswahl der Gesprächspartner sowie einen Protestbrief gegeben (das Schreiben liegt der Redaktion vor).
Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde Chemnitz gehört zu den Unterzeichnern des Protestbriefes. Hier zu sehen: die Neue Synagoge in Chemnitz, wo auch die Gemeinde sitzt.Bildrechte: Harry HärtelDer Brief, den rund 150 Personen aus verschiedenen Bereichen unterzeichnet haben, darunter auch der Vorstand der Jüdischen Gemeinde Chemnitz sowie mehrere Christlich-Israelische Freundschaftsvereine, hatte die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen am 26. Februar erreicht. Kopien gingen an den Vizepräsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland, Mark Dainow, und an den Präsidenten des Sächsischen Landtages, Alexander Dierks (CDU). Beide stehen dem Kuratorium des Kulturfestivals vor.
Kulturstiftung verteidigt ihre Entscheidung
Die in dem Schreiben erhobenen Vorwürfe wiegen schwer. Nirit Sommerfeld wird sowohl die Unterstützung propalästinensischer Extremisten vorgeworfen, als auch Positionen, die sie in die Nähe von Vereinen rücken, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Daher wird in dem Schreiben auch die Bitte geäußert, den Verfassungsschutz einzuschalten, um die Gespräche zu "begleiten".
Die Kulturstiftung des Landes Sachsen bleibt bei ihrer Entscheidung. In einer Pressemitteilung weist sie die "... in der Öffentlichkeit geäußerte Darstellung, es handele sich bei der Rücknahme um einen Vorwand zur Verhinderung der Veranstaltungsreihe ..." entschieden zurück. Die erst später bekannt gewordene Befangenheit eines der Mitglieder des Expertengremiums sei der einzige Grund für die Verweigerung der Fördermittel.
Tiefe Gräben und wenig Gesprächsbereitschaft
Einen Unterzeichner des Protestbriefes ans Mikrofon zu bekommen, gestaltete sich indes schwierig. Dutzende Interviewanfragen von MDR KULTUR blieben bis heute unbeantwortet. Zwei Personen sagten ein Interview schriftlich ab. Einer von ihnen, Vladimir Shikhman von der TU Chemnitz, teilte mit, dass in dem Schreiben der angesprochene Sachverhalt detailliert erläutert worden sei. "Dem ist im Moment aus meiner Sicht nichts hinzuzufügen".
Der Chemnitzer Wirtschaftsmathematiker Vladimir Shikhman ist Mitglied im Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender und hat den Offenen Brief gegen die Förderung der "Gespräche auf dem Goldenen Sofa" mit unterschrieben.Bildrechte: Vladimir ShvemmerNur eine Person ist zu einem Interview mit MDR KULTUR bereit. Konfrontiert mit den von der UN veröffentlichten Opferzahlen, tut sie dies als Hamas-Propaganda ab. Im Nachgang gibt sie jedoch das Interview nicht zur Veröffentlichung frei.
Gesprächsrunden finden trotz fehlender Finanzierung statt
Vor etwa 150 Gästen diskutierte Nirit Sommerfeld am ersten der neun Abende (26. März) mit Schriftstellerin Eva Menasse über die israelische Politik, jüdische Befindlichkeiten, und den Begriff Antisemitismus. Beide sparen dabei nicht mit Kritik an der israelischen Siedlungs- und Außenpolitik.
Die Österreichische Schriftstellerin Eva Menasse war Gast der Auftaktveranstaltung im "Café Julius" in Chemnitz.Bildrechte: MDR/Thomas FriedrichDazu wollen sie sich frei äußern können. Viel zu häufig und viel zu schnell würden unbequeme jüdische Positionen als "antisemitisch" gelabelt, sagt Eva Menasse. "Inzwischen ist der Antisemitismus-Vorwurf in Deutschland derart ausgehöhlt und auf die anständigsten und wunderbarsten Menschen angewendet worden, dass ich mich frage, wie man einen Menschen nennen soll, der wirklich Antisemit ist."
Inzwischen ist der Antisemitismus-Vorwurf in Deutschland derart ausgehöhlt, dass ich mich frage, wie man einen Menschen nennen soll, der wirklich Antisemit ist.
Dafür bekommt Menasse viel Beifall aus dem Publikum. Auch der Vorwurf, die israelische Regierung sei faschistisch, wird erhoben. Sommerfeld und Menasse verweisen darauf, dass der israelische Finanzminister Bezalel Smotrich sich auch selbst so bezeichne. Nur eine einzige Frau im Publikum steht auf und vertritt eine andere Meinung. Sie verteidigt die israelische Regierung gegen den Faschismus-Vorwurf.
Bis November sollen acht weitere "Gespräche auf dem Goldenen Sofa" folgen. Um ihre Gäste auch ohne Förderung empfangen zu können, setzt Nirit Sommerfeld auf Spenden und eine Crowdfunding-Aktion.
Quelle: MDR KULTUR (Jacqueline Hene), redaktionelle Bearbeitung: tmk, gw, lm
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