40 Jahre nach der Atomkatastrophe: Was haben wir aus Tschernobyl gelernt?
Clemens Woda ist Fachgebietsleiter für das radiologische Lagebild beim Bundesamt für Strahlenschutz (BfS). Das BfS wurde 1989 gegründet – eine der Folgen aus den Lehren der gescheiterten Reaktionen auf die Katastrophe, die auch in der MDR Doku "Tschernobyl 86 – Der Supergau" nachgezeichnet werden.
Der Schock über den Unfall in Tschernobyl und die Folgen ist vielen Menschen noch sehr präsent. Was hat sich seitdem im Hinblick auf Reaktorsicherheit getan?
Im Bundesamt für Strahlenschutz verwenden wir in der Regel die ukrainische Bezeichnung für den Standort, die Tschornobyl mit O lautet. Wir wissen aber auch, dass der russische Name Tschernobyl mit e geläufiger ist. Ganz allgemein kann man sagen, dass ein Unfall wie in Tschernobyl heute so kaum noch denkbar wäre, auch wenn sich schwere Unglücke nie ganz ausschließen lassen. Der havarierte Reaktortyp hatte erhebliche konstruktive Schwächen, die in Kombination mit Bedienungsfehlern zu der Katastrophe geführt haben. Das Design dieses Reaktors gab es schon damals in Kernkraftwerken westlicher Bauart nicht. Deshalb wäre ein Unfall in den westdeutschen oder westlichen Reaktoren anders verlaufen.
Was sind die wichtigsten Unterschiede?
Moderne Kraftwerke verfügen beispielsweise über einen stabilen Sicherheitsbehälter, das sogenannte Containment, das radioaktive Stoffe im Ernstfall zurückhalten soll. Außerdem gibt es inzwischen weltweit deutlich strengere Sicherheitsanforderungen. Die Anlagen werden robuster ausgelegt und müssen regelmäßig daraufhin überprüft werden. Dazu hat auch das Reaktorunglück in Fukushima 2011 beigetragen. Andererseits muss man leider feststellen, dass das Beispiel Fukushima auch gezeigt hat, dass alle Sicherheitskonzepte Grenzen haben.
Inwiefern?
Dort kam es zu einer Naturkatastrophe, für die die Anlage nicht ausgelegt war. Das zeigt: Es können immer Ereignisse eintreten, die vorher nicht berechnet wurden. Man kann also sagen: Die Sicherheit ist heute deutlich höher aufgrund der technischen Verbesserungen und ein schwerer Unfall wirklich sehr unwahrscheinlich. Aber es bleibt immer ein Restrisiko und deshalb brauchen wir den modernen Notfallschutz.
Was hat sich bei den Messungen in den vergangenen 40 Jahren verbessert? Kann man heute schneller herausfinden, wie hoch die Strahlenbelastung ist?
Das Messnetz ist heute sehr dicht. Es gibt rund 1.700 Messsonden in ganz Deutschland, die rund um die Uhr die Radioaktivität in der Umwelt messen, die sogenannte Ortsdosisleistung. Diese Messgeräte zeichnen im Routinebetrieb die natürliche Strahlung auf, die sich in der der Regel zwischen 0,05 und 0,2 Mikrosievert pro Stunde bewegt. Würde an einer dieser Stationen der festgelegte Schwellenwert überschritten, würde das eine automatische Meldung auslösen. Das Bundesamt für Strahlenschutz verfügt über eine 24-Stunden-Rufbereitschaft, die diese Meldungen umgehend analysiert. Das Messnetz stellt also eine auch eine Art von Frühwarnsystem dar.
Reicht das bereits aus, oder sind weitere Verbesserungen geplant?
Das Netz wird derzeit gegen neue Bedrohungslagen gehärtet, damit es auch im Fall von Cyberangriffen oder Stromausfällen funktioniert.
Wie war das 1986?
Auch vor 40 Jahren gab es ein dichtes Messnetz, das aber nicht für einen Radioaktivitätsunfall in einer zivilen Anlage gedacht war, sondern für den Verteidigungsfall im Falle eines Angriffs mit Kernwaffen. Entsprechend war es nur für höhere Strahlungswerte ausgelegt. Außerdem gab es damals keine zentral zuständige Behörde, die alle Messdaten gesammelt und in Echtzeit bereitgestellt hat.
Was hat man durch die Katastrophe für den Notfallschutz gelernt?
Der erste Bereich sind die Zuständigkeiten. 1986 war der Notfallschutz in Deutschland vergleichsweise zersplittert. In Westdeutschland gab keine zentral definierte Koordination für radiologische Notfälle, keine Behörde, die das alles in die Hand genommen hat. Viele Entscheidungen wurden auf Ebene der Bundesländer getroffen, teilweise ohne enge Abstimmung.
Dr. Clemens Woda, Fachgebietsleiter für das radiologische Lagebild beim Bundesamt für Strahlenschutz.Bildrechte: Bundesamt für StrahlenschutzIn Ostdeutschland war das anders, da gab es das zentrale staatliche Amt für Atomsicherheit und Strahlenschutz. Dort wurden alle Informationen gebündelt und man hätte die Voraussetzung gehabt, um zielgerichtet zu informieren. Die Bevölkerung wurde dennoch nur ungenügend informiert.
Heute ist das alles deutlich klarer geregelt. Wir haben einerseits den Bund, der die übergreifende Kommunikation übernimmt. Und wir haben die Länder, die für die Umsetzung der konkreten Schutzmaßnahmen vor Ort zuständig sind. Diese Rollenverteilung ist ganz genau in den Notfallplänen festgelegt und sie wird regelmäßig in Übungen erprobt. Nur wenn man übt, können die Abläufe im Ernstfall reibungslos funktionieren. Mit jeder Übung lernen wir etwas, das verbessert werden muss. Und dadurch haben wir heute ein viel enger abgestimmtes Zusammenspiel erreicht, als das früher der Fall war.
Was hat sich bei den Richtwerten und Schutzmaßnahmen getan?
Ein Landwirt vernichtet Lebensmittel auf dem Feld, nach dem nuklearer Fallout auf dem Gemüse niedergegangen ist.Bildrechte: picture-alliance / dpa | VetterNach Tschernobyl gab es keine einheitlichen, sofort anwendbaren Grenzwerte. Das hat dazu geführt, dass sehr unterschiedliche Empfehlungen für Lebensmittel ausgegeben wurden. Das hat für Verwirrung gesorgt. Es gab keine koordinierte Krisenkommunikation. Auch das hat die Bevölkerung verunsichert. Heute haben wir bundeseinheitliche Richtlinien, die für alle gelten, in denen festgelegt ist: Ab wann sind welche Maßnahmen sinnvoll? Dass beinhaltet die Aufforderung, in Gebäuden zu bleiben, die Verteilung von Jodtabletten oder die Evakuierung. Im Gegensatz zu damals gibt es jetzt auch EU-weite Grenzwerte in Bezug auf die radioaktive Belastung von Lebensmitteln, die im Notfall direkt greifen und sofort anwendbar sind. Zusätzlich gibt es spezialisierte Labore, die landesweit Umwelt- und Lebensmittelproben untersuchen können.
Immer wieder ist die Rede davon, dass etwa Pilze in bayerischen Wäldern noch belastet sind. Gibt es noch messbare Spuren vom Super-GAU 1986?
Ja, es gibt durchaus noch langlebige Radionuklide. Da ist vor allem Cäsium 137. Dessen Halbwertszeit beträgt 30 Jahre, was bedeutet, dass heute noch 40 Prozent der ursprünglichen Aktivität vorhanden ist. Man schätzt aber, dass die durch den Unfall heute noch hervorgerufene, zusätzliche Strahlendosis sehr gering ist, weniger als 0,015 Millisievert pro Jahr. Um das mal zu vergleichen: Wenn Sie von Frankfurt nach New York fliegen, kriegen Sie eine Dosis von 0,1 Millisievert ab, also etwa sechsmal so viel wie die jährliche Dosis, die von Tschernobyl verursacht wird.
Was Nahrungsmittel angeht, gibt es aber tatsächlich heute noch Pilze oder auch Wildbret aus den stark kontaminierten Regionen zu denen zum Beispiel der Bayrische Wald oder Gebiete südlich der Donau zählen, die heute noch stark erhöhte Cäsium-Werte aufweisen. Das gilt aber nicht für allgemeine landwirtschaftliche Produkte. Aber selbst bei üblichem Konsum von belasteten Produkten besteht keine Gesundheitsgefahr.
Wie ist denn der Stand bei der Ruine des Reaktorblocks selbst? Es gibt neben dem alten Sarkophag auch die neue Hülle, das Safe Containment. Andererseits herrscht jetzt Krieg in der Ukraine. Welche Gefahren drohen da noch?
Was den havarierten Reaktorblock angeht, ist heute der größte Teil des strahlenden Kernmaterials im geschmolzenen Kern gebunden. Der kann nicht so einfach aufgewirbelt werden. Allerdings gibt es auch noch radioaktiven Staub, auch in der Reaktorruine. Das ist zwar ein deutlich kleinerer Teil des gesamten strahlenden Inventars. Würde aber eine Rakete das Containment und auch den Sarkophag durchschlagen und eine Explosion verursachen, könnten gewisse Mengen dieses Staubs in die Luft gewirbelt werden.
Das wäre aber nicht vergleichbar mit der Katastrophe selbst, sowohl, was die Menge angeht als auch die Höhe, in die die Radioaktivität transportiert werden könnte. Schätzungen zufolge wäre nicht mit gesundheitlichen Auswirkungen außerhalb der 30-Kilometer-Sperrzone zu rechnen.
Neben dem havarierten Reaktorblock 4 gibt es auch die anderen drei Reaktoren, von denen der letzte erst im Jahr 2000 stillgelegt wurde. Die abgebrannten Brennelemente werden noch auf dem Gelände gelagert. Auch da könnten radioaktive Stoffe durch kriegerische Handlungen freigesetzt werden, aber die radiologischen Folgen wären wahrscheinlich ebenfalls auf die Sperrzone begrenzt. Selbst die bewohnten Gebiete um Tschernobyl herum, auch in Belarus, müssten in so einem Fall nicht mit gesundheitlichen Auswirkungen rechnen.
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