Am 26. April ist die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vierzig Jahre her. Die MDR Doku "Tschernobyl 86 – Der Supergau" zeigt die Dramatik dieses Frühlings in Europa. Wie gut wäre Deutschland heute auf einen Notfall vorbereitet? Clemens Woda ist Fachgebietsleiter für das radiologische Lagebild beim Bundesamt für Strahlenschutz (BfS). Das BfS wurde 1989 gegründet – eine der Folgen aus den Lehren der gescheiterten Reaktion auf die Katastrophe.

Frage: In Deutschland sind die Atomkraftwerke inzwischen abgeschaltet. Braucht es dann den Notfallschutz noch, für den Sie beziehungsweise Ihr Amt zuständig sind?

In Deutschland betreiben wir keine Atomkraftwerke mehr, das stimmt. Aber Radioaktivität macht ja nicht an Landesgrenzen halt und viele unserer Nachbarländer setzen weiterhin auf Atomkraft. Kommt es dort zu Unfällen, könnte Deutschland auch betroffen sein. Außerdem gibt es auch bei uns noch kerntechnische Anlagen, etwa Forschungsreaktoren oder eine Urananreicherungsanlage. Auch dort sind Unfälle denkbar. Und es gibt neue Bedrohungsszenarien wie Cyberangriffe, Stromausfälle und auch terroristische Angriffe mit radioaktiven Stoffen, die denkbar sind. Leider ist auch der Einsatz von Kernwaffen nicht mehr so unwahrscheinlich, wie noch vor etwa zehn Jahren. Darauf muss man vorbereitet sein.

Welche Atomkraftwerke sind relevant für Deutschland und wie zuverlässig fließen die Informationen im Fall einer Krise?

Insgesamt gibt es sieben ausländische Kernkraftwerke, die sich in einem Abstand von maximal 100 Kilometern zur deutschen Grenze befinden. Insgesamt sind 17 Kraftwerke weniger als 300 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Sie stehen teilweise in Ländern, die keine direkten Nachbarn sind. Wenn es in diesen Entfernungen zu Unfällen kommt, kann Deutschland dennoch je nach Wetterlage stark betroffen sein. Deshalb hat die Bundesrepublik mit acht Ländern bilaterale Abkommen geschlossen, um eine radiologische Lage im Fall eines Unfalls gemeinsam bewältigen zu können.

Was bedeutet das konkret?

Dr. Clemens Woda, Fachgebietsleiter für das radiologische Lagebild beim Bundesamt für StrahlenschutzBildrechte: Bundesamt für Strahlenschutz

Mit sechs Ländern gibt es gemeinsame Expertenarbeitsgruppen. Darin treffen sich die Vertreter der Länder regelmäßig, um sich über Reaktorsicherheit, Strahlenschutz und Notfallschutz auszutauschen. Zusätzlich regeln Abkommen, dass bei einem Ereignis sofort Alarm ausgelöst und ein fortlaufender Datenaustausch eingerichtet wird. Hinzu kommen mehrere multilaterale Abkommen für ganz Europa.

Das prominenteste Beispiel ist das sogenannte ECURIE-Abkommen (European Community Urgent Radiological Information Exchange). Darin haben sich alle Staaten der Europäischen Union, sowie die Schweiz und Nordmazedonien dazu verpflichtet, im Notfall länderübergreifend effektiv und schnell zusammenzuarbeiten. Dazu gehört auch EURDEP, eine spezielle Austauschplattform für radiologische Messdaten, an deren Entwicklung das Bundesamt für Strahlenschutz mitgearbeitet hat. Dort können wir in Echtzeit die radiologischen Messdaten Europas mitverfolgen, was im Fall eines Unfalls besonders wichtig ist.

Auf welchem Weg würde die Bevölkerung heute erfahren, wenn es wichtige Informationen gibt?

Blick auf den zerstörten Block 4 nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl.Bildrechte: IMAGO / SNA

Genau wie bei der gesamten Notfallreaktion gibt es auch bei der Kommunikation eine geteilte Zuständigkeit zwischen Bund und Ländern. Dabei sind die Behörden vor Ort dafür zuständig, die Schutzmaßnahmen in ihrem Bereich zu kommunizieren. Dazu gehören Evakuierungen, Jodtabletten, Aufenthalt in Gebäuden. Der Bund wiederum ist für die übergreifende Kommunikation zuständig. Dazu gehören Vorsorgemaßnahmen und, wenn notwendig, auch Maßnahmen, die die Landwirtschaft betreffen.

Warnungen werden immer über mehrere Kanäle zugleich verteilt, auch über die digitalen Medien, etwa per Cell Broadcast auf alle Handys. Das funktioniert inzwischen auch ohne spezielle Warnmelde-App. Dazu kommen Meldungen über Radio und Fernsehsender, wo das Programm für dringende Nachrichten unterbrochen werden könnte. Dazu kommen die klassischen lokalen Mittel, die die Behörden vor Ort nutzen würden: Sirenen und Lautsprecherdurchsagen, auch durch Feuerwehr und Polizei, falls die digitalen Wege nicht funktionieren. Es ist also wichtig festzuhalten, dass all diese Kanäle parallel benutzt werden, um möglichst schnell, möglichst viele Menschen zu erreichen.

Gibt es eine Faustregel, was man machen sollte, wenn es wirklich mal zu einem Super-GAU kommt?

Das Wichtigste ist: Bleiben Sie informiert! Handeln Sie nicht auf eigene Faust. In der Regel richten Sie dann mehr Schaden an, als dass Sie Gutes tun. In einem Notfall informieren Bund, Länder und Kommunen. Es wird viele Informationen geben, bitte achten Sie darauf. Folgen Sie den Anweisungen der Behörden, denn die haben das beste Bild von der radiologischen Lage.

Was genau ist denn am gefährlichsten für mich, welche Art von Strahlung stellt die größte Gefahr dar?

Das hängt davon ab, auf welchem Weg man durch Strahlung belastet wird. Nimmt man radioaktive Partikel in den Körper auf, beispielsweise über Luft, Wasser oder Nahrung, dann sind die sogenannte Alpha- und Beta-Strahlung am problematischsten. Dabei handelt es sich um sogenannte Teilchenstrahlung, die im Körper erhebliche Schäden anrichten kann. Außerhalb des Körpers hingegen nicht, da sie nicht tief genug in den Körper eindringt.

Wenn die Strahlung hingegen hauptsächlich von außen kommt – man spricht dann von externer Exposition –, dann ist vor allem die Gamma-Strahlung relevant. Diese Strahlung kann Materie sehr effektiv durchdringen, also auch den menschlichen Körper. Dadurch können innere Organe geschädigt werden.

Deshalb ist der Aufenthalt in Gebäuden eine sehr wirksame Schutzmaßnahme. Betonwände können bis zu 85 Prozent der Gammastrahlung abschirmen, das ist ein sehr wirksamer Schutz. Und wenn Sie Fenster und Türen schließen, und Klimaanlagen, und Belüftungsanlagen ausschalten, sodass es keinen Austausch der Luft mehr mit außen gibt, können Sie das Einatmen von radioaktiven Stoffen deutlich minimieren.

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