DDR bis heute: Wie sich der Mitteldeutsche Verlag immer wieder neu erfindet
- Als einer der wenigen Verlage der DDR überlebte der Mitteldeutsche Verlag die Wende.
- Statt DDR-Klassikern gehörten ab da junge Autoren wie Clemens Meyer zum Programm.
- Der Hallesche Verlag hat im vergangenen Jahr einen Berliner Verlag übernommen.
Der Mitteldeutsche Verlag kann auf eine ereignisreiche Geschichte zurückblicken: Am 24. April 1946 in Halle gegründet, durchlebte er mehrere politische Systeme und hat sich immer wieder neu erfunden. Mehr als 4.000 Bücher von über tausend Autorinnen und Autoren sind in den vergangenen acht Jahrzehnten erschienen.
Wir waren der Verlag für Gegenwartsliteratur aus Ostdeutschland.
Darunter finden sich viele Namen bekannter DDR-Schriftsteller: Elke Erb, Christa Wolf, Kerstin Hensel, Erich Loest und Volker Braun. Bruno Apitz’ 1958 erschienener Roman "Nackt unter Wölfen" war mit einer Gesamtauflage von mehr als zwei Millionen Exemplaren der größte Erfolg in der Verlagsgeschichte.
Im Mitteldeutschen Verlag Halle erschien Christa Wolfs Bestseller "Der geteilte Himmel".Bildrechte: IMAGO / Metodi PopowVerleger Roman Pliske sagte im Gespräch mit MDR KULTUR, "Wir waren der Verlag für deutsche Gegenwartsliteratur aus Ostdeutschland." Natürlich hätte es noch andere Verlage wie Reclam Leipzig und auch Aufbau gegeben, "aber die wichtigsten Debüts sind bei uns erschienen." Deshalb sei der Verlag auch von der Stasi überwacht worden.
Verlag in Halle übersteht Ende der DDR
Nach der Wende wurde der Mitteldeutsche Verlag privatisiert und musste sich verlegerisch neu orientieren. Viele namhafte Autorinnen und Autoren seien "über Nacht abgewandert", erklärt Pliske: "Die alte Riege, die Champions League sozusagen, hatte ja parallel immer einen West-Verlag." Christa Wolf, Günter de Bruyn oder Volker Braun, hätten den Verlag mit dem Ende DDR schnell verlassen.
Roman Pliske wurde 1970 in Berlin geboren und gründete bereits während seines Studiums in Heidelberg einen Verlag. Bildrechte: Phillip BaumgärtnerEs sei entsprechend schwierig gewesen, mit der alten Richtung weiter zu machen. Zumal die Menschen in Ostdeutschland nun auch andere Literatur lesen wollten – die Bücher, die sie jahrzehntelang nicht hatten lesen können. "Der Verlag musste sich komplett neu erfinden", betont Pliske.
Der Verlag musste sich komplett neu erfinden.
Von DDR-Literatur zu Autoren wie Clemens Meyer
Man habe sich in eine völlig andere Richtung spezialisiert und Bildbände veröffentlicht, sei sehr stark ins Touristische gegangen und habe den Bereich Sachbuch ausgebaut. Auch junge Autorinnen und Autoren wie Kirsten Fuchs, Clemens Meyer und Thomas Pletzinger wurden veröffentlicht.
Einen stärkeren Fokus auf Belletristik hat dann Roman Pliske als Geschäftsführer gesetzt. 2004 kam er nach Halle und zum Mitteldeutschen Verlag. Er habe sich an die DNA des Verlages erinnert und "dann eben das Belletristik-Programm wieder aufgelegt, aber sanft ausgebaut", so Pliske.
Der gebürtige Hallenser Clemens Meyer veröffentlichte beim Mitteldeutschen Verlag u.a. die Anthologie "zornesrot".Bildrechte: picture alliance/dpa | Robert MichaelSo trotzt der Verlag mit seinen Büchern Krisen
Heute ist der Verlag spartenübergreifend aufgestellt und veröffentlicht Bücher unter anderem aus Bereichen wie Kunst und Geschichten sowie Reiseliteratur. Jährlich gibt es etwa 100 Neuerscheinungen.
In Krisensituationen, etwa während der Corona-Pandemie, sei die breite Aufstellung mit mehreren Standbeinen von Vorteil gewesens, so Pliske. Schwächelnde Bereiche wie Reise und Touristik konnten durch andere Sparten ausgeglichen werden.
Die Bücher vieler bekannter DDR-Autorinnen und -Autoren erschienen im Mitteldeutschen Verlag. Bildrechte: imago/Felix AbrahamMitteldeutscher Verlag für Zukunft gewappnet
Die aktuellen Krise der Buchbranche geht zwar auch am Mitteldeutschen Verlag nicht spurlos vorbei, die Zahl der festangestellten Mitarbeitenden ist von zehn auf sieben gesunken, doch insgesamt sei der Verlag gut aufgestellt, versichert Roman Pliske. Auch weil im vergangenen Jahr der Berliner Lukas Verlag übernommen wurde. "Das hat uns nochmal ein bisschen Rückwind gegeben", so Pliske im Gespräch mit MDR KULTUR.
Ein weiterer Grund zur Freude ist das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse, die im Herbst stattfindet. Denn der Mitteldeutsche Verlag hat seit Jahren auch tschechische Literatur im Programm und beobachtet den Buchmarkt des Nachbarlandes genau. Im Herbst erscheinen sieben Titel aus Tschechien, darunter ein wiedergefundener Text von Václav Havel.
Der Mitteldeutsche Verlag aus Halle sieht sich für die Zukunft gut aufgestellt.Bildrechte: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jan WoitasQuellen: MDR KULTUR (Katrin Schumacher), Mitteldeutscher Verlag; redaktionelle Bearbeitung: lig, vp
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