Blühwiesen, Baumschutzsatzungen, entsiegelte Innenhöfe, Beratungen für klimafreundliches Bauen, Reparaturwerkstätten, Geschirrausleihservices, grüne Energie – die Liste der Möglichkeiten für eine klimaneutrale, umweltfreundliche Stadt ist lang und kann noch viel länger werden. Das ist das Ergebnis des Forschungsprojektes "Trust" des zum IÖR gehörenden Interdisziplinären Zentrums für transformativen Stadtumbau (IZS) in Görlitz.

Das IZS

Das IZS ist eine gemeinsame Einrichtung des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung e. V. (IÖR) Dresden sowie des Internationalen Hochschulinstituts (IHI) Zittau der Technischen Universität Dresden.

Vier Jahre lang haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammen mit der Stadtverwaltung Görlitz, den Stadtwerken, der Wirtschaftsförderung und verschiedenen Vereinen gemeinsam ein Konzept entwickelt, wie Görlitz klimaneutral und nachhaltig werden kann. Das Ziel: eine Stadt, die weniger Kohlendioxid ausstößt – und gleichzeitig lebenswerter wird.

Was heißt eigentlich klimaneutral?

Doch was heißt eigentlich klimaneutral? "Das ist gar nicht so einfach festzulegen. Wie soll das gemessen werden? Nehmen wir den Menschen oder das Territorium als Referenz?", erläutert Robert Knippschild, Projektleiter von "Trust". "Wir haben Klimaneutralität bei uns im Projekt nicht als Maßeinheit, sondern als Vision verstanden. Als normatives Ziel bis zum Jahr 2030 einen ganz klaren Fortschritt bei der klimagerechten Stadtentwicklung zu machen."

Professor Robert Knippschild vom Institut für ökologische Raumentwicklung leitet das Projekt "Trust", das Görlitz hilft, klimaneutral zu werden.Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Wir haben Klimaneutralität bei uns im Projekt nicht als Maßeinheit, sondern als Vision verstanden.

Prof. Dr.-Ing. Robert KnippschildInterdisziplinären Zentrums für transformativen Stadtumbau

"United Heat" will bis 2030 grenzüberschreitend klimaneutrale Fernwärme liefern

Eine der zentralen Stellschrauben ist die Energieversorgung. Ohne eine grundlegende Transformation im Energiesystem wird Klimaneutralität kaum zu erreichen sein. Gemeinsam mit der polnischen Nachbarstadt Zgorzelec setzt Görlitz auf das Projekt "United Heat": Die Wärmeversorgung soll bis 2030 vollständig auf erneuerbare Energien umgestellt werden.

Viel Politikprominenz für erneuerbare Energien zum Spatenstich des Fernwärmeprojekts "United Heat" (l-r): Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (Mitte), dem Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu, dem sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer und Martin Ridder von COO Veolia Holding Deutschland unterschrieben auf zwei Rohrstücken in der Kläranlage Görlitz.Bildrechte: picture alliance/dpa | Paul Glaser

Mix aus postfossilen Energien

Biomasse und Solarthermie bilden dabei die tragenden Säulen der Wärmeerzeugung. Mit Großwasserpumpen wollen die Städte die Umweltwärme aus Flusswasser und Abwasser nutzen und gleichzeitig auch die Abwärme ihrer Anlagen verwerten. Damit überschüssiger Grünstrom nicht verloren geht, wird dieser über Power-to-Heat-Verfahren in Wärme umgewandelt und in das Netz eingespeist.

Zentrales Element ist das gemeinsame Biomasse-Heizwerk in Zgorzelec, das beide Städte über eine grenzüberschreitende Leitung versorgt. Sascha Caron, der Prokurist der Stadtwerke Görlitz, erklärt dazu: "Hier liegt enormes Potenzial: Bei United Heat geht es darum, die Fernwärmesysteme von Görlitz und Zgorzelec miteinander zu verbinden und bis 2030 komplett in eine kohlenstofffreie Wärmeversorgung umzuwandeln. Wir sprechen über eine Einsparung von 50.000 Tonnen CO₂ pro Jahr. Und das führt natürlich zu einer erheblichen Verbesserung der Luftqualität." Umgerechnet spart die Fernwärme so das CO₂ von 28.000 Autos im Jahr.

Bewusstsein schaffen und Netzwerke knüpfen als Fundament

Damit solche Projekte erfolgreich sind, bedarf es sehr viel unsichtbarer Arbeit im Vorfeld. Auch im Projekt "Trust" ging es zunächst weniger um fertige Lösungen, sondern um ein Konzept als Fundament. Wie kann es gelingen, eine komplette Stadt klimaneutral aufzustellen? "Die Grundidee, das vorhandene Wissen zusammenzuführen, zu nutzen und weiterzuentwickeln", erklärt Knippschild. Am Anfang einer ökologischen Transformation stünden das Bewusstsein und die Vernetzung. "Auch in einer kleineren Stadt wie Görlitz ist bereits ganz viel Kenntnis und Engagement vorhanden – sowohl in der Verwaltung als auch in der Wirtschaft, der Zivilgesellschaft und in der Politik."

Viel Grünflächen, Blühwiesen, begrünte Gleise und sogar kleine Stadtwälder - das sind einige Bausteine des klimaneutralen Konzepts für Görlitz.Bildrechte: Trust/IÖR

Mobilität, Bauen, Stadtentwicklung – Görlitz als Vorbild für ganz Europa

Knippschild erklärt weiter: Natürlich sei auch immer Wissen von außen vonnöten. "Das haben wir als wissenschaftliche Einrichtung eingebracht." Hier würden aktuelle Forschungen zu Transformation und Nachhaltigkeit einfließen. So habe man nach einer Ist-Analyse erst eine Vision und später konkrete Transformationspfade für die Bereiche Energie, Mobilität, Bauen, Stadtverwaltung, Bildung und Stadtentwicklung erarbeitet. In Experimenten prüften die Görlitzerinnen und Görlitzer erste Ideen. "Das Görlitzer Pilotprojekt kann ein Referenzfall für andere kleine und mittelgroße Städte in peripheren Regionen in Deutschland und Europa sein", sagt Knippschild.

Damit Projekte funktionieren, brauchen sie oft sehr viel Arbeit im Vorfeld. Görlitz hat mit "Trust" ein umfangreiches Konzteopt vorgelegt, wie es in vielen Bereichen klima- und umweltfreundlicher werden kann.Bildrechte: Trust/IÖR

Ideen in ersten Experimenten erprobt

Einige Ideen probten die Görlitzer bei ersten Experimenten. Es entstanden Blühwiesen, eine Übersicht aller Akteure, ein Zukunftsblog, der über nachhaltige Entwicklungen vor Ort informiert. Es wurde eine ökologische Sanierung geprüft und – Achtung, Marc-Uwe-Kling-Fans des kommunistischen Kängurus – ein Känguru (aus Holz) entwickelt, an dem Einkaufsbeutel zum Weitergeben hängen. Künftig planen die Görlitzer außerdem Reparaturwerkstätten, pflanzen kleine Stadtwälder und begrünen die Gleise der Straßenbahnen.

Schluss mit der immer neuen Plastiktüte: In Görlitz gibt es jetzt zwar nicht das kommunistische Känguru von Marc-Uwe Kling, dafür aber ein nachhaltiges Beuteltier, an dem Einkaufstaschen geteilt werden können.Bildrechte: Trust/IÖR

Nicht alle Experimente haben funktioniert

Manches hat auch nicht funktioniert, obwohl die Idee dahinter gut klang. So wollten die Görlitzer mit den Unternehmen vor Ort gemeinsame Abfallkreisläufe entwickeln, um etwa Holz, Pappe oder auch Styropor noch einmal zu verwenden. "Hier sind wir nicht weitergekommen", erklärt Eva Wittig von der Wirtschaftsförderung.

Kinder wie bei Radrennen im Fahrradpulk zur Schule

Ebenso habe die Idee, Kinder wie bei einem Radrennen in einem Fahrradpulk zur Schule fahren zu lassen – der sogenannte BiciBus, den es zum Beispiel in Leipzig bereits gibt –, vorerst nicht funktioniert, erklärt Susanne Werner vom Verein "Görlitz für Familien": "Für das Experiment haben uns nur wenige Kinder gefehlt, wir hätten einige Autotaxis gespart", sagt Werner mit einem Schmunzeln. Das Bewusstsein aller stehe eben ganz am Anfang.

Zusammen Neues denken: Ein klimaneutrales Görlitz entsteht nur, wenn viele mitmachen. Genau das war die Herausforderung im Projekt "Trust": Viele Akteure der Stadt an einen Tisch zu bekommen und zusammen an Lösungen zu tüfteln.Bildrechte: Trust/IÖR

Saubere Luft, weniger Lärm, mehr Grünflächen

Für Werner ist klar: Klimaneutralität ist mehr als CO₂ sparen: "Wir verstehen das nicht nur als Klimaneutralität, sondern Nachhaltigkeit steht ganz weit oben. Das bedeutet saubere Luft, weniger Lärm, mehr Grünflächen – und das wirkt sich direkt auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen aus." Schon jetzt bereite die Hitze im Sommer Probleme. "Auf Plätzen ohne Beschattung steigen die Temperaturen stark. Und das wird in Zukunft noch zunehmen – besonders für ältere oder kranke Menschen."

Das bedeutet saubere Luft, weniger Lärm, mehr Grünflächen.

Susanne WernerVerein "Görlitz für Familien"

Vernetzung als großer Erfolg

Die Geschäftsführerin der Wirtschaftsförderung sieht vor allem in den neuen Kontakten einen großen Pluspunkt der bisherigen Projektarbeit: "Der größte Erfolg des Projektes ist die Bildung stabiler Netzwerke", erklärt Eva Wittig. "Dass man Vertrauen hat, dass man sich kennt, dass man weiß, wen man zu welchem Thema ansprechen muss, dass man eine vertrauensvolle Basis hat – und damit geht ja sehr vieles los."

Görlitz ist die ideale Stadt, um Klimaneutralität zu testen

Für Robert Knippschild vom Institut für ökologische Raumentwicklung ist Görlitz eine ideale Stadt, um Klimaneutralität zu testen: "Die Netzwerke sind eben in so einer Stadt mit gut 50.000 Einwohnern relativ eng geknüpft", sagte Knippschild. "Diese Idee der Wissensbündelung in den verschiedenen Sektoren gelingt möglicherweise einfacher als in einer größeren Stadt wie Dresden oder Leipzig oder Berlin."

Das IÖR hat mit den Görlitzern alle Erkenntnisse festgehalten. Andere Städte können das Konzept übernehmen, erklären die Forscher.Bildrechte: Trust/IÖR

Jetzt wird "Trust" in die Hände der Stadtgesellschaft übergeben. Eine neu geschaffene Stelle bei der Stadtverwaltung soll die weitere Arbeit koordinieren. Görlitz ist Vorreiter für Klimaneutralität in Sachsen. Das Konzept können auch andere Städte nutzen, erklären die Forscher.

Links/Studien

  • TRUST-Projektteam (Hrsg.) (2025): Zukunft und Gegenwart verbinden in Görlitz. Transformationspfade zur klimaneutralen Stadt. Görlitz.https://doi.org/10.5281/zenodo.17724691

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke