Germanien im Jahr 213 nach Christus. Zum Ende eines Sommertages erreicht das Vorauskommando einer römischen Streitmacht des Kaisers Caracalla (188–217) die Saale unweit ihrer Mündung in die Elbe. Nahe dem heutigen Trabitz im Salzlandkreis wählt das Kommando einen geeigneten Lagerplatz. Vermesser legen nach einem rechtwinkligen Planschema den Aufbau des rund 1.000 mal 600 Meter großen Marschlagers fest.

Römische Legionäre mit Pionieräxten beim Bau eines befestigten Lagers, Relief der Trajanssäule in Rom.Bildrechte: IMAGO / United Archives International

Im Zentrum kreuzen sich zwei Hauptstraßen. Hier entsteht das Stabsgebäude, die Principia. Auch Zelte und Verteidigungsanlagen werden nach erprobtem Schema errichtet. Mit ihren Pionieräxten, den Dolobrae, heben die Legionäre einen 1,20 Meter tiefen und 1,70 Meter breiten Spitzgraben um das Lager aus. Die Erde wird zu einem Wall aufgeschüttet, der durch mitgeführte Schanzpfähle, den Pila muralia, gesichert wird. Die Lagerecken sind rund, um sie weniger angreifbar zu machen. Vor den vier offenen Lagertoren werden Grabensegmente mit Wällen errichtet. Die sogenannten Titula sollen verhindern, dass Feinde das Lager stürmen können.

Römische Marschlager in Sachsen-Anhalt

Rund 20 Kilometer marschieren Roms Legionäre an einem Tag, bevor sie jeden Abend nach dem immer gleichen Schema ein neues Marschlager anlegen. Zwei bis vier Stunden brauchen sie dafür.

Anhand von Münzfunden rekonstruierte Marschrouten römischer Truppen im Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts.Bildrechte: LDA Sachsen-Anhalt, Anika Tauschensky

Zahlreiche solcher Lager errichten die Römer auf ihrem 600 Kilometer langen Weg bis zur Elbe. Vier davon werden allein in Sachsen-Anhalt entdeckt. Die Anlagen bei Trabitz, Aken an der Elbe (zwei Lager) und Deersheim im nördlichen Harzvorland sind nach Angaben des Landesamtes für Archäologie und Denkmalpflege die nordöstlichsten bislang entdeckten römischen Marschlager in Germanien. Sie stammen vom Beginn des 3. Jahrhunderts und könnten mit dem Caracalla-Feldzug in Verbindung stehen. Dass die Römer im 3. Jahrhundert nach Christus noch "so weit ins tiefe Germanien vorstoßen und sich das überhaupt zutrauen", hat nach den Worten von Sachsen-Anhalts Landesarchäologen Harald Meller bislang niemand gedacht.

Gegen Alamannen und "Albaner"

Reste des für den Kriegszug von Kaiser Caracalla 213 errichteten Limestores bei Dalkingen.Bildrechte: IMAGO / Zoonar | Michael Schneidt

Den zeitgenössischen Quellen zufolge überschreiten Caracallas Legionen am 11. August 213 den Raetischen Limes im Osten des heutigen Baden-Württembergs. In Dalkingen wird ein bis heute in Resten erhaltenes Prachttor errichtet, das vom Eintritt der kaiserlichen Streitmacht ins Feindesland kündet. Der Kriegszug richtet sich zunächst gegen den germanischen Stammesverband der Alamannen. Die Römer erringen einen Sieg am Main und stoßen der Überlieferung nach bis zu den "Albanern" vor, bei denen es sich um Germanen an der Elbe (lateinisch: Alba) handeln dürfte. Caracallas Germanien-Feldzug von 213 scheint erfolgreich zu verlaufen. Gut 20 Jahre herrscht danach Ruhe an Roms Nordgrenze.

Maximinius Thrax und die Schlacht im Harz

Silber-Denar des Kaisers Maximinus Thrax von 236.Bildrechte: IMAGO / CPA Media

Doch ab 233 bedrohen die im Inneren Germaniens entstehenden Großstämme das Römische Reich erneut. 235/236 bricht Kaiser Maximinius Thrax (172–238) zu einem weiteren großen Feldzug gegen die Germanen auf. Laut der spätantiken Historia Augusta führt ihn sein Kriegszug bis zu 400 römische Meilen in germanisches Gebiet, was etwa 600 Kilometern entspricht. Am Harzhorn im heute niedersächsischen Westharz wird ein 2008 entdeckter Kampfplatz zwischen Römern und Germanen mit diesem Feldzug in Verbindung gebracht. Auch dieser Krieg in Germanien verläuft für Rom noch einmal erfolgreich. Nach einem in spätantiken Quellen tradierten Sieg in einer großen "Schlacht im Moor" wird Kaiser Maximinius vom römischen Senat der Ehrentitel Germanicus Maximus (größter Germanenbesieger) verliehen.

Caesars Kampf gegen germanische Riesen

Die Geschichte der Römer in Germanien reicht da schon gut 300 Jahre zurück. Es ist der römische Feldherr Gaius Julius Caesar (100–44 v. Chr.), der für alle Stämme östlich des Rheins und nördlich der Donau Mitte des 1. Jahrhunderts vor Christus die keltische Fremdbezeichnung "Germanen" verwendet.

Sueben-Krieger mit typischer Haartracht (Suebenknoten) und germanischem Reitpferd. Bildrechte: imago/United Archives

Mit den Beschreibungen germanischer Stämme in seinen Commentarii zum Gallischen Krieg (58–50 v. Chr.) prägt Caesar das antike Germanen-Bild nachhaltig. So berichtet er unter anderem, dass seine Soldaten vor einer Schlacht gegen die in Gallien eingedrungenen elbgermanischen Sueben unter ihrem König Ariovist die "gewaltige Körpergröße" der Germanen und das "Feuer ihrer [blauen] Augen" fürchten. Nach dem Sieg über Ariovist 58 v. Chr. im heutigen Elsass legt Caesar den Rhein als Grenze des Römischen Reiches fest. Lediglich zwei Strafexpeditionen gegen aufmüpfige Germanen-Stämme führen ihn 55 und 53 v. Chr. auf die rechte, östliche Rheinseite.  

Raumgreifende Operationen unter Augustus

Erst unter Caesars Adoptivsohn und erstem römischen Kaiser Augustus (63 v. Chr.–16 n. Chr.) stoßen römische Truppen tief ins rechtsrheinische Germanien vor. Ziel der raumgreifenden Operationen ist es, die römischen Reichsgrenzen bis zur Elbe vorzuschieben.

Kaiser Augustus will das rechtsrheinische Germanien zur römischen Provinz machen.Bildrechte: imago/United Archives

Drei Feldzüge führt Augustus' Stiefsohn Drusus (38–9 v. Chr.) zwischen 12 und 9 vor Christus gegen die Stämme im freien Germanien. Auf seinem letzten Zug stößt er von Mogontiacum (Mainz) kommend durch die Gebiete der Sueben und Cherusker bis zur Elbe vor. Auf dem Rückweg stürzt Drusus 9. v. Chr. irgendwo zwischen Saale und Rhein vom Pferd, bricht sich den Oberschenkel und stirbt. Sein älterer Bruder und Nachfolger Tiberius (42 v. Chr.–37 n. Chr.) führt den Krieg zwar fort, setzt aber vorerst mehr auf Diplomatie, statt auf verlustreiche Kämpfe. Sein Historiograph Velleius Paterculus schreibt später: "Er unterwarf Germanien so vollständig, dass er es fast zu einer tributpflichtigen Provinz machte." Jedoch geht es Tiberius zunächst "weniger um eine völlige Unterwerfung Germaniens als vielmehr dessen äußere Beherrschung" (Herwig Wolfram). Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass der Überlieferung zufolge 3 v. Chr. eine Expedition des Lucius Dominitius Ahenobarbus, Großvater des späteren Kaisers Nero, über die Elbe bis zur Weichsel vorstößt.

"Germania Magna" und die Varusschlacht

Erst nach einem großen Sieg des Tiberius über aufständische Germanen-Stämme im Jahre 5 n. Chr. versuchen die Römer endgültig, Germanien bis zur Elbe zur römischen Provinz zu machen. Mit dieser Aufgabe betraut Kaiser Augustus zwei Jahre später den bisherigen Statthalter von Syrien, Publius Quinctilius Varus (46 v. Chr.–9 n. Chr).

Karte der "Germania Magna" aus dem Jahr 1855.Bildrechte: IMAGO/piemags

Der aktuellen Forschung zufolge sorgt dessen energische Tätigkeit dafür, dass die Einrichtung der Provinz "Germania Magna" schon bald weit voranschreitet. Allerdings bringt Varus laut dem römischen Geschichtsschreiber Cassius Dio auch die germanischen Volksstämme gegen Rom auf, indem er ihnen Befehle erteilt, "als wenn sie tatsächlich römische Sklaven wären" und "von ihnen wie von Unterworfenen Steuern" eintreibt. Dem Cherusker-Fürsten und Führer einer Auxiliar-Einheit des römischen Heeres, Arminius (17 v. Chr.–21. n. Chr.), gelingt es schließlich, immer mehr Germanen-Stämme zu vereinen. Er lockt Varus mit drei Legionen (20.000 Legionäre und Hilfstruppen) in einen Hinterhalt und schlägt die Römer im Jahre 9 in der Schlacht im Teutoburger Wald vernichtend.

Rückzug über den Rhein

Gedenkstein für den in der Varusschlacht getöteten Centurio der 18. Legion, Marcus Caelius.Bildrechte: IMAGO / Kena Images

Für den römischen Geschichtsschreiber Tacitus ist Arminius "zweifellos der Befreier Germaniens". Tatsächlich ziehen sich die Römer nach ihrer verheerenden Niederlage in der Varusschlacht aus dem rechtsrheinischen Germanien zurück. Der Ausbau einer für eine Provinz notwendigen Infrastruktur kommt zum Erliegen. Auch die vermutlich als Provinzhauptstadt konzipierte Römerstadt nahe dem heutigen Waldgirmes in Hessen wird aufgegeben. Als Kaiser Augustus von der Niederlage des Varus erfährt, soll er laut dem Geschichtsschreiber Sueton ausgerufen haben: "Quinctilius Varus, gib die Legionen zurück!" Immerhin gelingt es Augustus' designiertem Nachfolger Tiberius, die nach dem Verlust des Varus-Heeres für Germanen-Einfälle anfällige Rheingrenze zwischen den Jahren 10 und 12 wieder zu stabilisieren.

Rachefeldzüge und Chattenkriege

Nach dem Tod von Augustus und der Regierungsübernahme durch Tiberius 14 n. Chr. starten die Römer unter dem Drusus-Sohn und Oberbefehlshaber der Rheintruppen Germanicus (15 v. Chr. – 19. n. Chr.) zu großangelegten Rachefeldzügen ins Innere Germaniens.

Relief einer Darstellung des Überfalls der Römer auf ein Dorf der Germanen.Bildrechte: IMAGO / United Archives

Doch den Germanen gelingt es unter der Führung des Arminius, "die Römer in einen hinhaltenden und verlustreichen Guerillakrieg zu verstricken, der zu keiner eindeutigen Entscheidung führt" (Thomas Fischer). Schließlich beruft Kaiser Tiberius Germanicus im Jahre 16 ab. Ein Jahr später wird ihm in Rom ein Triumph über Germanien und "die bis zur Elbe besiegten Völker" gewährt. Doch die "Germania Magna" bleibt frei. Im Jahre 39 kommt es unter Germanicus' Sohn Kaiser Caligula (12–41 n. Chr.) noch einmal zu einem Germanien-Feldzug, der aber erfolglos bleibt. Erst Kaiser Dominitian (51–96 n. Chr.) gelingt in den Kriegen gegen die Chatten im heutigen Hessen 81 und 85 eine namhafte Gebietserweiterung rechts des Rheins.

Ruhe vor dem Germanen-Sturm

In römischen Marschlagern in Sachsen-Anhalt gefundene Münzen, geprägt unter den Kaisern: Antoninus Pius (138-161), Marcus Aurelius (161-180) und Caracalla (211-217).Bildrechte: LDA Sachsen-Anhalt, Anika Tauschensky

Von 167 bis 180 führt Kaiser Marc Aurel (121–180) mehrere Kriege gegen die Markomannen im heutigen Böhmen und Mähren. Ansonsten sind bis zu den Germanien-Feldzügen der Kaiser Caracalla und Maximinius Thrax in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts keine größeren Kriegszüge der Römer in das Innere Germaniens überliefert. Funde von Münzen, Sandalennägeln oder Fibeln legen zwar nahe, dass es auch im 2. Jahrhundert zu Bewegungen römischer Legionäre auf germanischem Gebiet gekommen sein muss. Folgen sind aber keine bekannt. Doch auch der vom römischen Senat gewürdigte Sieg des Maximinius Thrax über die Germanen von 236 markiert nur die letzte Ruhe vor dem großen Sturm. Spätestens ab der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts sind die im Inneren Germaniens entstehenden Großstämme nicht mehr aufzuhalten.

Germanen überrennen Roms Grenzen

In Schkopau gefundene Brandbestattung eines suebischen Gefolgschaftsführers mit Lanzenspitze und Schildbuckel, 60-45 v. Chr.Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Am Niederrhein fallen die Franken nach Gallien ein. Die Alamannen überrennen 259/260 den Obergermanisch-Raetischen Limes, der das von den Römern im 1. und 2. Jahrhundert eroberte Dekumatland zwischen Rhein und Donau sichert. Und die ursprünglich zwischen Elbe und Oder siedelnden Sueben, die im 1. Jahrhundert vor Christus unter ihrem Heerkönig Arivoist in Gallien eingedrungen waren und deren Spur sich in den Quellen zwischenzeitlich verliert, tauchen im Zuge der Völkerwanderung wieder auf. Im 5. Jahrhundert gründen sie im heutigen Portugal und dem spanischen Galizien ein Reich. Ihre Nachfahren werden Romanen. Ihre alte germanische Heimat wird hingegen ungeachtet aller römischen Feldzüge und Marschlager zwischen Rhein und Elbe nie Teil der romanischen Welt.

Literaturhinweise

  • Caesar, Gaius Julis: Commentarii belli Gallici, Stuttgart 1991.
  • Fischer, Thomas: Gladius. Roms Legionen in Germanien. Eine Geschichte von Caesar bis Chlodwig, München 2020.
  • Wolfram, Herwig: Die Germanen, München 2009.
  • Wolters, Reinhard: Die Römer in Germanien, München 2024.

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