• Mehrere Wohnungen werden zu flexiblen Einheiten umgebaut, für gemeinschaftliches und individuelles Wohnen.
  • Erste Probebewohner testen ab Juni das Wohnkonzept.
  • Projekt wird durch Fördermittel und Sachspenden finanziert, die Wohnungen stellt eine Genossenschaft zur Verfügung.

In einem braunen Plattenbau im Leipziger Westen wird kräftig gewerkelt. Bald ziehen hier etwa 20 Menschen ein – allerdings nur zur Probe. Hier in Leipzig-Grünau entsteht gerade eine Art Labor, in dem Wohnungen ohne Umbau wachsen und schrumpfen sollen. Man bezeichnet das auch als Nukleuswohnen.

Flexible Raumstrukturen im Test

Yanik Wagner vom Institut für Wohnbau und Grundlagen des Entwerfens an der Technischen Hochschule in Aachen führt durch das Haus. Er bezeichnet es als WBS 70 – das Kürzel meint den am weitesten verbreiteten Plattenbau-Typ in der DDR. "Im Bestand waren das beim WBS 70 immer pro Treppenhaus zwei Wohnungen. Und durch unseren Eingriff legen wir sozusagen diese Wohnungen zusammen."

Im Bestand waren das beim WBS 70 immer pro Treppenhaus zwei Wohnungen. Und durch unseren Eingriff legen wir sozusagen diese Wohnungen zusammen.

Yanik WagnerInstitut für Wohnbau und Grundlagen des Entwerfens an der RWTH Aachen

Durch den Umbau entsteht über zwei Geschosse eine große neue Wohneinheit. Darin wird es fünf Kernwohnungen mit jeweils einem Bad sowie Küche, Schlaf- und Wohnbereich geben. Diese sogenannten Nuklei nutzen die Parteien jeweils für sich. Dazu kommen acht Zimmer, die die Parteien je nach Bedarf mieten oder wieder abgeben.

Innerhalb einer Wohneinheit gälten weniger Brandschutzanforderungen, erklärt Wagner. "Das bedeutet, der Flur kann möbliert werden. Die Türen zum Flur müssen nicht irgendwie Obertürschließer haben oder so, sondern die können einfach auch offen stehen. Das Maximum ist natürlich, dass alle Türen offen sind und es einfach eine große Wohngemeinschaft ist. Das ist auch das, was uns sehr interessiert, was da passieren wird."

Erste Testphase ab Juni

Im Juni sollen die ersten Probebewohner einziehen. Eine Heizung gibt es nicht, deshalb läuft der Testbetrieb nur bis Ende September. Nächstes Jahr bezieht das Team dann in einer zweiten Testphase ein weiteres Geschoss mit ein.

So ein semi-gemeinschaftliches Wohnen, das sich je nach Bedarf ändern kann, finde ich richtig gut.

Christiane GörgenInteressierte für Probewohnen

Christiane Görgen ist eine von mehr als 100 Interessentinnen. Sie hat noch nie in einem Plattenbau gewohnt und ist heute das erste Mal auf der Baustelle. Die 37-Jährige will – wenn es klappt – mit ihrem Hund Momo und ihrer Freundin einziehen. "Ich habe richtig Bock, das auszuprobieren. Ich habe sowohl in WGs gewohnt als auch alleine, und so ein semi-gemeinschaftliches Wohnen, das sich je nach Bedarf ändern kann, finde ich richtig gut. Dann braucht man nicht umzuziehen und kann trotzdem entscheiden, zum Beispiel zusammen zu kochen, weil man die Küche zum Flur hin öffnet, oder das eben privat bewohnen. Je nachdem, wonach einem gerade ist."

Studierende forschen im Wohnprojekt

Das Team nutzt alles, was es im Plattenbau und in anderen verlassenen Wohnungen findet. In einem Zimmer stapeln sich abmontierte Waschbecken, Teller mit Goldrand und ausrangierte Spiegel. Nebenan bastelt Architekturstudentin Dora neue Lampen zusammen. "Bei der neuen Lampe habe ich so ein altes Betonstück aus der Baustelle genommen. Und diese Glaskugel hier ist auch original."

Die Studierenden [...] machen dann während des Betriebs ihre eigenen kleinen Forschungsaufgaben.

Yanik Wagner

Für Dora und die anderen sei das Projekt gleichzeitig eine Lehrveranstaltung, sagt Yanik Wagner. "Die Studierenden machen einen Kurs bei uns und haben am Entwurf mitgearbeitet. Sie arbeiten hier auf der Baustelle mit und machen dann während des Betriebs ihre eigenen kleinen Forschungsaufgaben, dokumentieren etwa ein Thema im Quartier oder führen eine Veranstaltung im Hof durch."

Finanzierung über Förderung und Spenden

Das Team bekommt die Wohnungen von der Genossenschaft Lipsia zur Verfügung gestellt. Nur die Nebenkosten fallen an. Der Umbau wird durch Fördermittel und Sachspenden von Unternehmen finanziert.

Die Forschenden begleiten das Wohnprojekt in fünf Promotionen auch wissenschaftlich, unter anderem beschäftigen sie sich mit innovativen Bauteilen. "Die Idee als solche ist eigentlich typologieunabhängig. Aber hier haben wir eben die Chance gekriegt, und es ist natürlich für uns umso spannender, dass der WBS 70 ein Typ ist, den es so oft gibt. Und dass es auch gleichzeitig ein Thema ist, wie man mit diesen Gebäuden umgeht", erklärt Wohnforscher Wagner.

Das Projektteam übergibt die Wohnungen 2028 wieder an die Wohnungsgenossenschaft. Lipsia will die Wohnungen dann vermieten – in welcher Form auch immer.

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