Forscher aus Magdeburg und Jena entwickeln neue Strategie gegen tödliche Lungeninfektionen
Invasive Lungeninfektionen stellen die moderne Medizin vor gewaltige Herausforderungen. Besonders Pneumokokken-Erkrankungen führen weltweit immer häufiger zu schweren Verläufen, die eine intensivmedizinische Beatmung erfordern. Während klassische Antibiotika darauf abzielen, die Bakterien direkt zu töten oder ihr Wachstum zu hemmen, entwickeln Erreger zunehmend Resistenzen gegen diese Wirkstoffe. Ein interdisziplinäres Team um Dieter Schinzer von der Universität Magdeburg und Adrian Press vom Universitätsklinikum Jena verfolgt daher einen völlig neuen Weg: die sogenannte pathoblockierende Strategie.
Anstatt die Mikroorganismen selbst anzugreifen, konzentrieren sich die Wissenschaftler auf deren gefährlichste Werkzeuge. Bakterien produzieren Zellgifte, die das menschliche Gewebe zersetzen und es den Erregern erst ermöglichen, sich im Körper auszubreiten. Ziel der Forscher ist es, diese bakteriell verursachten Gewebeschäden konsequent zu begrenzen. Dieser Ansatz lässt die Bakterien zwar am Leben, nimmt ihnen aber die Fähigkeit, den Wirt massiv zu schädigen, während die Wirksamkeit herkömmlicher Medikamente unterstützend erhalten bleibt.
Ein Köder für den molekularen Bohrer
Im Zentrum der Untersuchung steht das Gift Pneumolysin, das von Pneumokokken abgesondert wird. "Dieses Toxin wirkt wie ein molekularer Bohrer", erklärt der Magdeburger Chemie-Professor Dieter Schinzer. "Es bindet an Cholesterin in den Zellmembranen, stanzt Poren hinein und zerstört so Zellen." Die Folgen für die Betroffenen sind verheerend: Schwere Gewebeverletzungen und eine gestörte Immunantwort führen oft zu einer Sepsis, die in vielen Fällen tödlich endet. Um diesen Mechanismus zu stoppen, haben die Magdeburger Chemiker künstlich veränderte Sterole entwickelt – Moleküle, die natürlichen Zellbausteinen wie dem Cholesterin nachempfunden sind.
Diese synthetischen Sterol-Derivate fungieren im Körper als hocheffektive Köder. Die Forscher verpackten acht besonders vielversprechende Wirkstoffkandidaten in winzige Fettbläschen, sogenannte Liposomen, die lediglich 70 bis 140 Nanometer groß sind. In aufwendigen Zellmodellen konnte die Forschungsgruppe zeigen, dass diese künstlichen Teilchen das Bakteriengift förmlich abfangen. Das Toxin dockt an die Köder-Moleküle an und wird dadurch neutralisiert, noch bevor es die echte Zellmembran der Lunge erreichen und beschädigen kann.
Doppelte Schutzwirkung für die Zellen
Die Ergebnisse der Experimente sind überaus vielversprechend. Die künstlich erzeugten Sterole machten Lungenepithel- und leberähnliche Zellen deutlich widerstandsfähiger als natürliches Cholesterin. Laut Dieter Schinzer sprechen die Daten für einen doppelten Wirkmechanismus: "Das Zellgift wird direkt gebunden, zugleich wird offenbar die Zellmembran stabilisiert. Biologisch liefert das Projekt also einen klaren Machbarkeitsnachweis." Durch die Stabilisierung der Membran wird die Körperzelle an sich robuster gegen Angriffe von außen, was den Heilungsprozess zusätzlich unterstützt.
Ein entscheidender Vorteil dieser Strategie liegt in der Vermeidung von Resistenzen. Da der Ansatz nicht die Bakterien selbst angreift, entsteht für die Erreger kein evolutionärer Druck, neue Abwehrmechanismen gegen den Wirkstoff zu entwickeln. Zudem lässt sich das Prinzip möglicherweise auf weitere gefährliche Zellgifte übertragen, die ebenfalls mit Cholesterin interagieren. Langfristig plant das Team die Entwicklung eines therapeutischen Sprays, das direkt in der Lunge wirkt. Die Ergebnisse wurden bereits international zum Patent angemeldet, während nun die nächste Stufe der pharmazeutischen Entwicklung mit Tests in Tiermodellen beginnt.
Links / Studien
Pressemitteilung "Maßgeschneiderte Moleküle gegen tödliche Lungeninfektionen" der Uni Magdeburg
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