MDR AKTUELL: Ist das nur ein Eindruck oder ist das Auto als Tatwaffe häufiger geworden?

Kriminologe Manuel Heinemann: Es ist tatsächlich so, dass in den vergangenen Jahren das Auto als Tatwaffe immer häufiger zum Einsatz gekommen ist. Es gibt zum einen den sogenannten Copycat-Effekt, also das Kopieren anderer Tathergänge. Und eben auch die entsprechende mediale Präsenz auch dieses ganzen Themas 'Auto als Waffe' und entsprechend auch der Sicherheitsmaßnahmen, die getroffen werden. Das ruft bei potenziellen Tätern auch das Auto als Tatwaffe immer wieder ins Gedächtnis.

Und zudem ist das Auto auch hinsichtlich seiner Wirkung massiv. Also der Aufwand ist relativ gering. Die meisten Leute haben ein Auto. Es ist unauffällig, das heißt, ich habe es dabei und es fällt auch nicht auf. Und die Schadwirkung ist natürlich ganz massiv. Ein Auto hat sehr, sehr viel Kraft, sehr viel Energie und Menschenansammlungen sind sehr weiche Ziele.

Gab es diesen Trend auch, weil einer mal damit angefangen hat und dann die mediale Berichterstattung entsprechend groß war?

Das wäre zu kurz gegriffen, dass die mediale Berichterstattung allein dafür verantwortlich wäre. Also wir hatten dieses Phänomen dieser, ich nenne es mal Amok-Bubbles, schon immer. Man hat immer diese Nachahm-Effekte, wo versucht wird, das Vorgehen zu kopieren, zu übertrumpfen oder auch ähnlich berühmt zu werden.

Das Auto als Tatmittel ist einfach, wenn man es zynisch ausdrücken möchte, tatsächlich praktisch für den Täter, weil es eben zum einen den gewissen Schutz des Täters ermöglicht und zum anderen natürlich auch körperliche Unterlegenheiten gegebenenfalls ausgleicht und entsprechend eine massive Schadwirkung hat. 

Sind bei diesen Amokfahrten nur Männer die Täter oder sind Ihnen auch Frauen bekannt?

Tatsächlich im Sinne eines Amoks nicht. Da gab es in Deutschland noch keinen Fall. Es ist allerdings so, dass natürlich auch Frauen im Straßenverkehr zu Aggressionen neigen können. Nur dieses Phänomen der Amokfahrten, da haben wir bisher ausschließlich männliche Täter in Deutschland.

Wie könnten diese Amokfahrten künftig verhindert werden?

Das Auto ist das Tatmittel. Da können wir relativ wenig machen. Viele argumentieren, man müsste das mit dem Führerschein verschärfen oder sowas. Da bin ich gänzlich anderer Meinung. Wir werden das Thema Auto als Waffe nie gänzlich ausschalten können. 

Der zweite Punkt ist aber, dass wir uns das Thema Amok anschauen müssen als Phänomen – und dagegen Maßnahmen prüfen müssen. Das heißt, wir müssen uns anschauen, wie die Versorgungsstruktur in Deutschland hinsichtlich ambulanter sozialer Hilfen bzw. ambulanter psychologischer Hilfen ist. Wir haben eine desolate Situation hinsichtlich der Psychotherapeutenplätze in Deutschland, die eben auch gerade weil ein Amok aus solchen Belastungsmomenten resultieren kann, essenziell zur Prävention solcher schwerer zielgerichteter Gewalt nötig wären.  

Wir haben eine desolate Situation hinsichtlich der Psychotherapeutenplätze in Deutschland

Manuel Heinemann, Kriminologe

Und da sehe ich großen Handlungsbedarf darin, potenzielle Amok-Täter früh zu erkennen. Es gibt Warnverhalten, die wir immer wieder auch sehen, wenn wir solche Fälle uns betrachten, im sozialen Nahfeld zum Beispiel, dass Personen etwas auffällt, aber die Polizei eben als Ansprechpartner zu hochschwellig ist.  

Das heißt, wir brauchen niederschwellige Ansprechstellen, an die ich mich gegebenenfalls auch als Angehöriger, als Lehrerin, als Lehrer oder als Institution wenden kann, wo entsprechendes Know-how da ist, solche Fälle einzuschätzen und gegebenenfalls eine Kooperation mit der Polizei möglich ist.

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