Aus Aschersleben: Er war der erste deutsche Sänger beim ESC neben Freddy Quinn
- Schwarz wurde mit seiner Familie aus Aschersleben deportiert und überlebte den Holocaust.
- Überraschend konnte er den nationalen Vorentscheid des Grand Prix für sich entscheiden.
- Beim Finale 1956 sang der jüdische Musiker über Verdrängung im Nachkriegsdeutschland.
Am 24. Mai 1956 hebt sich in Lugano der Vorhang zum ersten Grand Prix Eurovision. Von den Dimensionen heutiger Tage ist das Festival noch weit entfernt. Es handelt sich um ein Experiment, das im kleinen Teatro-Kursaal ausgetragen wird und von dem nur wenige Zuschauer überhaupt Notiz nehmen.
Von Anfang an ist die Bundesrepublik Deutschland mit dabei. Sie wird bei der ersten Ausgabe unter anderem von einem Mann vertreten, der gebürtig aus dem Osten des Landes stammt – und der als Jude nur mit Glück die jüngste deutsche Vergangenheit überlebt hat.
Erster Deutscher beim ESC aus Aschersleben
Walter Andreas Schwarz, so sein Name, wird 1913 in Aschersleben geboren. Er wächst in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf, als Sohn einer jüdischen Familie. Früh zeigt Schwarz ein musikalisches und schauspielerisches Talent, mit 19 Jahren beginnt er ein Schauspielstudium am renommierten Max-Reinhardt-Seminar in Wien. Anschließend spielt er am Wiener Volkstheater, neben Größen wie Atilla Hörbiger oder Heinrich Schnitzler.
Schwarz besuchte in Aschersleben das Stephaneum. Dort wird an ihn (unten rechts) und weitere ehemalige Schüler erinnert.Bildrechte: MDR/ Tom GräbeWalter Andreas Schwarz überlebte KZ und Holocaust
Die Karriere wird jäh vom Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland beendet. Jüdische Künstler haben in Wien nun praktisch keine Auftrittsmöglichkeiten mehr. Schwarz kehrt nach Aschersleben zurück, wo er 1938 die Pogromnacht erlebt.
Kurz darauf werden er und seine gesamte Familie deportiert, Schwarz landet in einem Konzentrationslager (KZ) in Niedersachsen. Er kann nur deshalb bis 1945 überleben, weil der Lagerkommandant ein Schulfreund von ihm ist.
Karriere nach dem Krieg: Vom Schauspieler zum Sänger
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges emigriert Schwarz nach London und arbeitet als Übersetzer für die BBC. Weil er als Schauspieler an die deutsche Sprache gebunden ist, nimmt er bald auch wieder Engagements in Deutschland an.
Erster deutscher Sänger beim Eurovision Song Contest (damals Grand Prix) war neben Freddy Quinn: Walter Andreas Schwarz aus Aschersleben (1913-1992).Bildrechte: IMAGO / teutopressFür die Radiowellen der neugegründeten ARD ist er ab 1949 als Hörspielsprecher tätigt, außerdem tritt er in verschiedenen Kultursendungen als Chansonsänger auf. Er singt Nachdenklich-Poetisches ebenso wie Satirisch-Kabarettistisches, setzt sich kritisch mit der Nachkriegsgesellschaft auseinander. Das breite Publikum erreicht er damit allerdings nicht, er ist kaum mehr als ein Geheimtipp.
Eurovision-Vorentscheid mit Freddy Quinn gewonnen
Anfang 1956 erreicht Walter Andreas Schwarz in London ein Telegramm des Hessischen Rundfunks. Er wird zum nationalen Vorentscheid für einen neuen europäischen Musikwettbewerb eingeladen – den ersten Grand Prix Eurovision. Schwarz macht sich auf den Weg nach Köln, wo der Vorentscheid stattfinden soll. Im Gepäck hat er sein Chanson "Im Wartesaal zum großen Glück".
Überraschend kann Walter Andreas Schwarz den Vorentscheid in für sich entscheiden – zusammen mit dem noch unbekannten Freddy Quinn. Damals darf jedes Land zwei Beiträge einreichen, damit bei nur sieben Ländern überhaupt ein abendfüllendes Programm zustande kommt.
Freddy Quinn trat beim ersten Grand Prix ebenso für Deutschland an. (Foto ca. 1957)Bildrechte: imago/United ArchivesSingt im Eurovision-Finale über Nachkriegsdeutschland
Beim Finale stechen beide deutschen Beiträge deutlich aus der ansonsten recht gleichförmigen Chanson-Masse hervor. Freddy Quinn, weil sein Beitrag der einzige im Rock'n'Roll-Stil ist. Walter Andreas Schwarz wegen der eindringlichen Ernsthaftigkeit, mit der er sein zeitkritisches Chanson vorträgt.
Der metaphorische Text handelt von Menschen, die "seit gestern auf das Glück von morgen" warten und die dabei die Gegenwart verdrängen. Menschen, die sich "am Kai der Vergangenheit" einen Saal mit "Wänden aus Träumen" gebaut haben, gegen die Wirklichkeit – "denn die liebte man nicht sehr". Sehr wahrscheinlich handelt Schwarz' Chanson von den Menschen im Nachkriegsdeutschland.
Und man baute am Kai der Vergangenheit / einen Saal mit Blick auf das Meer / Und mit Wänden aus Träumen gegen die Wirklichkeit / Denn die liebte man nicht sehr
In einer Zeit, in der man in Deutschland die jüngste Vergangenheit am liebsten vergessen will, wird eben dieses Deutschland mit einem Chanson vertreten, das mindestens implizit vom Umgang mit genau dieser Vergangenheit handelt. Noch dazu von einem Opfer dieser Vergangenheit.
Gewinnt den ersten Grand Prix Eurovision: Lys Assia.Bildrechte: IMAGO/TTTrotz Auftritt beim ESC kein Durchbruch
Gewinnen kann Schwarz den Grand Prix nicht, die gastgebende Schweiz macht mit dem Titel "Refrain" von Weltstar Lys Assia das Rennen. Schwarz’ genaue Platzierung ist nicht bekannt, da damals nur die Siegerin verkündet wurde.
Trotz des Auftritts beim ESC gelingt Walter Andreas Schwarz anschließend der musikalische Durchbruch nicht. Bis Mitte der 80er-Jahre wirkt er an über 200 Hörspielen mit, 1992 stirbt er in Heidelberg. Als Sänger wäre er heute vermutlich vergessen – wäre er nicht der erste deutsche Vertreter eines Musikwettbewerbs gewesen, der sich mittlerweile zur größten Fernsehsendung der Welt entwickelt hat.
Redaktionelle Bearbeitung: vp, sg
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