• Ein Viertel der angestellten Ärzte überlegt, den Beruf aufzugeben.
  • Durch den aktuellen Sparzwang geraten die Ärzte in den Krankenhäusern noch mehr unter Druck.
  • Seit Jahren steigen die Arbeitslosenzahlen in der Ärzteschaft – trotz Fachkräftemangels.

Sophia hat jahrelang darauf hingearbeitet, Rechtsmedizinerin zu werden. "Die Idee hatte ich schon in der Schule. Ich fand Krimis und Thriller spannend – der klassische Einstieg", lacht die 32-Jährige. Und nach einem Praktikum im Studium habe sie dann wirklich alles daran gesetzt, in der Rechtsmedizin Fuß zu fassen. "Das war nicht einfach, weil es damals deutschlandweit nur wenige Stellen gab."

Trotzdem hat die Thüringerin den Job vor etwa zwei Jahren an den Nagel gehängt – weil er sie krank gemacht hat. "Die Arbeitsbelastung war einfach unglaublich hoch: 60-Stunden-Wochen, an den Wochenenden arbeiten, Nachtdienste – ich hatte gar keinen geregelten Tagesablauf mehr", erzählt sie.

Irgendwann habe das dann auch zu körperlichen Symptomen geführt: "Ich hatte Herzrasen aus dem Nichts und neu aufgetretene Herzrhythmusstörungen." Ein Langzeit-EKG habe keine körperlichen Ursachen gezeigt, sagt Sophia. Und seit sie aus dem Job raus ist, habe sie die Probleme nicht mehr. "Also muss es am Stress gelegen haben."

Ein Viertel der angestellten Ärzte überlegt, den Beruf aufzugeben

Sophia ist längst kein Einzelfall. In einer Mitgliederbefragung der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, die vor allem für Klinik-Ärzte spricht, gab 2024 knapp die Hälfte der Befragten an, sie fühlten sich häufig überlastet, elf Prozent, dass sie ständig über ihre Grenzen gingen. Und rund ein Viertel der befragten Ärztinnen und Ärzte dachte darüber nach, die ärztliche Tätigkeit in der Patientenversorgung ganz aufzugeben.

Torsten Lippold, Landesvorsitzender des Marburger Bundes in Sachsen und Psychiater am Klinikum Chemnitz, sagte MDR AKTUELL noch seien es Einzelfälle, aber man sehe auch in Sachsen Ärzte, die aus dem Beruf aussteigen – Tendenz steigend. "Wir müssen jetzt gegensteuern, denn die Patientenversorgung, gerade in Sachsen, ist damit langfristig gefährdet."

Kostendruck in den Krankenhäusern macht Arztberuf noch anstrengender

Lippold sagt, dass Ärzte einen anstrengenden Job hätten, sei nichts Neues. Doch durch die Krankenhausreform und den Kostendruck sitze man aktuell "unter einem Brennglas". Der Sparkurs werde in den Krankenhäusern zu Stellenreduzierungen führen, teils zu Abteilungsschließungen.

"Aber bevor eine Abteilung geschlossen wird, wird erstmal an Stellen gespart, sodass die, die noch im Krankenhaus sind, noch mehr leisten müssen, als sie jetzt schon tun." Lippold befürchtet einen Negativstrudel, der noch mehr Ärzte aus der Versorgung treiben werde.

Ich wollte so sehr, dass es funktioniert. Und mir einzugestehen, dass es für mich in diesem Rahmen nicht geht, war sehr, sehr schwer.

Sophia

Sophia sagt, die Entscheidung, ihren Job als Rechtsmedizinerin zu verlassen, sei ihr wahnsinnig schwer gefallen. "Ich wollte so sehr, dass es funktioniert. Und mir einzugestehen, dass es für mich in diesem Rahmen nicht geht, war sehr, sehr schwer." Grund sei nicht nur die körperliche Belastung gewesen, sondern auch die emotionale.

"Man hat in der Medizin ja ständig Krankheit um sich herum. Und in der Rechtsmedizin kommen dann noch die menschlichen Abgründe dazu. Man sieht nur das Schlimmste vom Schlimmen", erzählt Sophia. Diese Triage von körperlicher, zeitlicher und emotionaler Belastung habe ihr so zugesetzt, dass sie nach drei Jahren die Reißleine zog.

Arbeitslosenzahlen unter Ärzten steigen seit Jahren

Ein Blick in die Arbeitslosenzahlen bei Medizinern erhärtet das Bild. Auch wenn die Arbeitslosenquote in der Berufsgruppe mit 2,5 Prozent weiter unter dem bundesweiten Durchschnitt liegt – die Tendenz ist steigend. Der Bundesagentur für Arbeit zufolge waren 2021 bundesweit durchschnittlich 7.306 Ärztinnen und Ärzte arbeitslos. Aktuell seien es rund 12.700.

Diese Entwicklung zeigt sich auch in Mitteldeutschland. In Sachsen und Sachsen-Anhalt hat sich die Zahl der arbeitslosen Mediziner in den letzten fünf Jahren mehr als verdoppelt, in Thüringen um 50 Prozent zugenommen.

Torsten Lippold zufolge hat das mehrere Gründe: Etwa, dass es für Berufseinsteiger schwieriger ist Stellen zu finden, dass Krankenhäuser Geld sparen müssen und daher Stellen abbauen oder Arbeitsverträge nicht verlängern. Aber ein Grund sei eben auch, dass Ärzte aufgrund von Überbelastung den Beruf aufgeben.

Flexiblere Arbeitsbedingungen könnten Abhilfe schaffen

Sophia hat die letzten zwei Jahre in Australien und Neuseeland verbracht. Mit einem "Work & Travel"-Visum hat sie die beiden Länder bereist und nebenbei als Barista gearbeitet und als Barkeeperin. "Das klingt jetzt absurd, aber Service und Medizin, Kundinnen und Patientinnen – das hat schon eine gewisse Ähnlichkeit und es ist spannend nochmal in einem anderen Kontext mit Menschen zu arbeiten."

Die 32-Jährige sagt, rückblickend hätte ihr geholfen, wenn es an ihrer Arbeitsstelle mehr Raum für individuelle Bedürfnisse gegeben hätte. "Dass es Ok ist, wenn die einen lieber 24-Stunden-Dienste machen und die anderen lieber Gutachten schreiben. Dass Gleichberechtigung nicht so aussehen muss, dass alle das Gleiche machen."

Krank sein war verpönt.

Sophia

Auch mehr Verständnis von leitenden Kollegen hätte sie sich gewünscht. "Krank sein war verpönt. Es wurde nicht drauf vertraut, dass man wirklich krank ist und die Auszeit braucht." In Teilzeit zu gehen sei zwar möglich, aber auch nicht gern gesehen gewesen. "Außerdem bekommt man an diesen wenigen Tagen dann viele Aktivdienste, sodass sehr viel Schreibtischarbeit liegen bleibt und man am Ende dann weniger verdient und trotzdem Überstunden schieben muss."

Sophia versucht gerade noch herauszufinden, ob sie irgendwann in die Medizin zurückkehren möchte: "Ich bin nicht abgeneigt, aber es müssten gute Rahmenbedingungen sein." Dass sie sich eine Auszeit genommen hat, bereut sie nicht. "Es war zu hundert Prozent die richtige Entscheidung für mich."

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