"Die letzten Wochen haben wir jeden Tag geklingelt" – Arbeitspflicht setzt junge Arbeitslose unter Druck
- Ein Teil der Teilnehmenden erscheint regelmäßig nicht in der Werkstatt – das Vollzugsteam klingelt mitunter täglich, um sie dorthin zu fahren.
- Fehlen die Teilnehmenden wiederholt und sind nicht erreichbar, kürzt bzw. streicht das Jobcenter ihnen das Bürgergeld.
- Der Verein Sanktionsfrei kritisiert das Pilotprojekt – mit Zwang helfe man den Menschen nicht.
- Die Bilanz soweit: nur wenige haben eine Beschäftigung aufgenommen, häufig gab es Sanktionsprüfungen.
Ein Plattenbauviertel in Nordhausen. An einem Tag im März sind zwei Beschäftigte des uniformierten Vollzugsdienstes und ein Sozialarbeiter unterwegs. Sie sollen nachprüfen, warum ein junger Mann nicht zur Arbeit gegangen ist. Es ist kurz nach acht Uhr morgens, da stehen die drei unangemeldet vor seiner Tür.
Sandra Hesse vom Vollzugsdienst fragt nach: "Guten Morgen, Pascal. Was ist denn los?" Er antwortet, dass er gerade zum Arzt gehen wollte. Pascal hatte vor einer Stunde Arbeitsbeginn in einer nahegelegenen Werkstatt. Er soll ein Beschäftigungsprogramm für junge Arbeitslose absolvieren.
Zu dritt sind sie im Einsatz: Sandra Hesse (v.l) und Lars Gärtner aus dem Vollzugsdienst und Sozialarbeiter Marco Engelhardt.Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNKVollzugsteam klingelt täglich bei Arbeitslosen
Der 23-Jährige lebt in der Wohnung mit seinem Vater, der auch arbeitslos ist. In dem Pilotprojekt des Landkreises ist Pascal seit Januar. Wegen Fehlzeiten wurden ihm schon 50 Euro vom Bürgergeld gestrichen. Dabei hatte Sandra Hesse vom Vollzugsdienst anfangs ein gutes Gefühl. Auf ihrem Weg zur Arbeit seien sie sich begegnet. Sie habe gedacht, dass es funktioniere. "Er ist auch ein sehr sympathischer junger Mann, also das muss ich jetzt an der Stelle so sagen."
Wie oft die drei denn schon bei Pascal gewesen sind, fragt ein MDR-INVESTIGATIV-Reporter nach. "Die letzten zwei Wochen jeden Tag", erklärt Lars Gärtner, der ebenfalls für den Vollzugsdienst an den Türen klingelt.
Junge Arbeitslose im Fokus – immer wieder Abbrecher
Ein großer Aufwand. Doch Pascal sei nicht der einzige im Pilot-Projekt, der immer wieder nicht erscheint, berichten die Vollzugsmitarbeiter. Seit November 2025 kümmern sich Sandra Hesse und Lars Gärtner zusammen mit Sozialarbeiter Marco Engelhardt vom Verein Horizont um Menschen, die es am Arbeitsmarkt zunehmend schwer haben: junge Langzeit-Arbeitslose unter 25 Jahren.
In einem anderen Mehrfamilienhaus wohnen gleich zwei junge Männer, die an diesem Tag nicht gekommen sind. Das Pilotprojekt-Team klopft an die Wohnungstüren. Einer ist wohl nicht da oder macht nicht auf. Der andere behauptet, er habe verschlafen. Sandra Hesse bietet ihm an, direkt zur Arbeitsstelle mitzufahren. Das Angebot nimmt er an.
Zwei Beschäftigte im Vollzugsdienst und ein Sozialarbeiter klingeln bei den Teilnehmenden zu Hause, wenn diese nicht in die Werkstatt kommen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNKEinen Monat später ist MDR INVESTIGATIV wieder bei einer Kontrolle dabei. Was ist aus den beiden jungen Männern geworden? Der Mann, der beim letzten Mal noch zur Werkstatt mitgefahren ist, sei nicht mehr dabei, erzählt Sandra Hesse. "Der ist auch nicht mehr gegangen, obwohl der eigentlich so positiv aussah." Auch der andere Teilnehmer der Maßnahme ist nicht mehr dabei.
Sanktionen beim Bürgergld: Kürzungen bis zur kompletten Streichung
Der Sozialarbeiter Marco Engelhardt ist von Anfang an dabei und kennt alle Tücken solcher Arbeitsbeschaffungs-Maßnahmen. Früher hießen sie Ein-Euro-Jobs. Jetzt das "Pilotprojekt" – mit verschärften Bedingungen. Die Initiatoren wollen, dass die jungen Arbeitslosen, die noch keine abgeschlossene Ausbildung haben, wieder in einen Tagesrhythmus kommen und einer Tätigkeit nachgehen.
"Für die gemeinnützige Arbeit gibt es einen Euro pro Stunde als Mehraufwand", sagt Engelhardt. Dafür, dass sie früh aufstehen und sich in zum Beispiel in der Frühstückspause verpflegen können. Das besondere an der Maßnahme sei, dass jeder Teilnehmer unter 25 Jahre alt ist und dass der Vollzugsdienst mitfährt. Dieser trägt Schutzwesten und ist für alle Fälle mit Handschellen und Pfefferspray ausgestattet. Zur Arbeit zwingen – das tun die Beamten nicht.
Wer sich für das Projekt angemeldet hat, aber dann fehlt, wird sanktioniert. Bei unentschuldigtem Fehlen droht die erste Kürzung von zehn Prozent des Bürgergelds, 30 Prozent bei wiederholtem Fehlen. Wird Leistungsmissbrauch festgestellt – etwa wenn die Teilnehmer mehrmals nicht erreichbar sind oder Schwarzarbeit nachgewiesen wird – folgt eine komplette Streichung des Bürgergelds.
Kritik am Modell: Ist der Sozialstaat gefährdet?
Das Pilotprojekt wird in der Presse bundesweit kritisch diskutiert. In Berichten wird von "Zwangsarbeit", von "Stigmatisierung" und "Demütigung" der Teilnehmenden gesprochen. Der zuständige Landrat, Matthias Jendricke, erhielt sogar zwei Morddrohungen.
Politik sieht Vorteile: Mehr Druck gegen Arbeitslosigkeit
Jendricke bekommt aber auch Zuspruch. Mitte März empfängt der SPD-Landrat den CDU-Ministerpräsidenten aus Sachsen-Anhalt, Sven Schulze. Der will sich direkt über das Projekt informieren, das im November 2025 startete.
Das Pilot-Projekt des Nordhäuser Landrats Matthias Jendricke lief zäh an. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNKDer Landrat berichtet von einem zähen Anfang. Von den ursprünglich 30 eingeladenen Teilnehmern erschienen nur acht. Rene Kübler vom Trägerverein Horizont fragt sich, wie sie die Arbeitslosen in die Werkstätten bekommen. "Das Neue war tatsächlich, dass wir eben mit dem uniformierten Vollzugsdienst dem Ganzen ein Stück mehr Nachdruck verliehen haben, im Sinne von 'ihr kommt jetzt bitte mit'. Also Fördern und Fordern", sagt Kübler.
Der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Sven Schulze, lobt das Pilot-Projekt. "Ich finde, das ist ein Zeichen, dass Sie hier setzen. Das ist auch ein gutes Zeichen, dahingehend, dass man sagt, der Staat kümmert sich auch noch um das."
Verein Sanktionsfrei: Zwang ist der falsche Weg
Deutliche Kritik kommt aber aus Berlin vom Verein Sanktionsfrei. Die Gründerin des Vereins Helena Steinhaus kämpft seit mehr als zehn Jahren vor allem gegen die Sanktionen im Sozialsystem. Die spendenfinanzierte Organisation setzt sich für eine bedingungslose Grundsicherung ohne Sanktionen ein. Von dem Pilotprojekt in Nordhausen hält Helena Steinhaus nicht viel.
'Wir züchten eine Generation von Faulenzern heran' ist ein Zitat des Nordhäuser Landrats, das Steinhaus heranzieht. "Und man muss sich angucken, über wen der hier spricht. Soweit ich das mitbekommen habe, reden wir da über junge Menschen, die es in ihrem Leben bisher nicht einfach hatten", erklärt die Geschäftsführerin des Vereins. "Vielleicht müssen sie erleben, dass jemand sich Zeit für sie nimmt. Oder ihnen eben Möglichkeiten geöffnet."
Helena Steinhaus engagiert sich mit dem Verein Sanktionsfrei für eine Grundsicherung ohne Sanktionen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNKWir reden über junge Menschen, die es in ihrem Leben bisher nicht leicht hatten. Vielleicht müssen sie erleben, dass jemand sich Zeit für sie nimmt.
Für Steinhaus ist der Weg, den der Landrat geht, in dem er die Menschen als faul bezeichnet und Zwang ausübt, der falsche. "Er stellt sich einfach nur hin und sagt: Hier kommt der starke Mann und ich zeige euch jetzt mal, dass wir die Jugend hier schon heranzüchten. Und damit bedient er irgendwelche autoritären Fantasien."
Schulze will Projekt nach Sachsen-Anhalt holen
Ministerpräsident Sven Schulze lässt sich die Werkstatt für junge Langzeit-Arbeitslose zeigen. Thomas Apitius ist der Standortleiter und kennt die schwierigen Biografien der jungen Leute, die ihm das Jobcenter schickt. "Ja, die Erziehung fängt bei den Eltern an und leider hat es da im Elternhaus auch nicht immer funktioniert. Ich habe teilweise schon die Eltern hier gehabt, die das vorgelebt haben", erzählt Apitius.
Ob Schulze das Projekt auch in sein Bundesland bringen will? Der CDU-Politiker verweist auf ähnliche Rahmenbedingungen in Sachsen-Anhalt. "Wir haben auch viele junge Menschen, die nicht in Arbeit sind, die es manchmal auch schwer haben, die ein bisschen auch Antrieb brauchen", erklärt Schulze. "Wir haben aber auch Menschen – das gehört auch zur Wahrheit dazu – die keine Lust haben, die sagen, der Staat, der zahlt mir schon genug. Warum soll ich arbeiten gehen? Auch da muss man vielleicht mit mehr Druck und natürlich auch mit Sanktionsmaßnahmen entgegenhalten."
Wir haben aber auch Menschen, die keine Lust haben, ... die sagen, der Staat, der zahlt mir schon genug. Warum soll ich arbeiten gehen?
Junge Mutter will in die Pflege gehen
Vier Tage später ist MDR INVESTIGATIV noch einmal zu Besuch in der Werkstatt und trifft dort Luisa, die im Piloprojekt dabei ist. Sie ist 19 Jahre alt und alleinerziehende Mutter. Die junge Frau hatte eine Ausbildung zur Verkäuferin begonnen, diese aber aus privaten Gründen abgebrochen, erzählt sie. Eine fehlende Ausbildung – wie bei Luisa – ist eines der großen Probleme bei jugendlichen Arbeitslosen. Drei Viertel von ihnen haben keine abgeschlossen.
Für Luisa ist die Arbeitsmaßnahme eine gute Sache. "Ich stehe früh auf, habe einen Rhythmus." In ein paar Tagen habe sie zwei Vorstellungsgespräche für eine Ausbildung zur Pflegehilfskraft. "Ich hatte auch schon mal einen Probetag, ob das überhaupt etwas für mich ist. Also mir hat es gefallen. Auf jeden Fall."
Luisa ist alleinerziehende Mutter. Sie nimmt am Projekt teil, strebt aber eine Ausbildung als Pflegehilfskraft an. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNKBilanz: Kaum Erfolg trotz harter Maßnahmen beim Bürgergeld
Aber wie sieht die Bilanz des Pilot-Projektes aus? Auf Anfrage teilt der Landkreis mit, 68 Personen haben Stand April 2026 das Projekt begonnen, nur vier haben eine Beschäftigung aufgenommen. 43 haben das Projekt verlassen. Häufig sei es zu Sanktionsprüfungen gekommen. Den Angaben zufolge wurden in acht Fällen die Zahlungen wegen Leistungsmissbrauchs komplett eingestellt. Das sind knapp zwölf Prozent – viel mehr als bundesweit angenommen wird, wenn über Leistungsmissbrauch im Bürgergeld gesprochen wird.
Für Landrat Matthias Jendricke eine wichtige Erkenntnis. "Das ist das, was gepredigt wird. Ein Prozent Verweigerer oder Trickser. Jetzt sehen wir, [es sind] im Prinzip zehn Prozent, die mit falschen Angaben unterwegs waren. Meistens stimmte der Wohnsitz nicht. Da haben wir sie nicht erreichen können, weil sie ganz woanders wohnten, mitunter gar nicht mehr im Landkreis waren und einfach das Bürgergeld kassieren, leben in einer anderen Lebensgemeinschaft."
Arbeitspflicht fürs Bürgergeld – zwischen Hilfe und Zwang
Der SPD-Landrat Jendricke will das Projekt auf andere Gruppen im Bürgergeld mit einem Fokus auf Betrügereien ausweiten. "Der Sozialstaat lebt von der Akzeptanz und ich halte den Sozialstaaten für die Bedürftigen sehr wichtig, aber nicht für die, die uns austricksen wollen."
Die Idee, Bürgergeld-Empfänger zur Arbeit zu verpflichten, stößt auch im sächsischen Landtag auf Befürworter – in diesem Fall von der CDU-Fraktion.
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