Was sich seit #MeToo in der deutschen Kulturbranche verändert hat
- #MeToo machte problematische Machtstrukturen in der Kulturbranche sichtbar, strafrechtliche Konsequenzen für Täter blieben jedoch meist aus.
- Frauen sind heute präsenter in Film- und Theaterteams, besonders jüngere Generationen setzen selbstverständlicher Grenzen.
- Anlaufstellen wie "Themis" stärken Betroffene, dennoch gilt die Aufarbeitung von Machtmissbrauch als längst nicht abgeschlossen.
Katharina Marie Schubert ist das, was viele anerkennend eine Charakterschauspielerin nennen. Sie spielte im Tatort und diversen Fernsehfilmen, aber auch viele Jahre an unterschiedlichen Theatern. Sie erinnert sich, dass die #MeToo-Debatte in ihrer Branche vielen die Augen geöffnet habe. Gepflogenheiten, die für viele normal gewesen seien, seien plötzlich als problematisch erkannt worden.
Was sie bis heute nicht versteht: Kein Täter ist zur Rechenschaft gezogen worden. "In Deutschland gab es einen einzigen Mann, der vor Gericht gestellt wurde und der ist direkt danach gestorben. Das war Dieter Wedel. Und ansonsten gab es offensichtlich in Deutschland weder in der Film- noch in der Fernseh- oder der Theaterbranche irgendeinen missbräuchlichen Regisseur – und das ist einfach nicht wahr."
Bemühungen von Journalistinnen und Journalisten, Fälle offenzulegen, scheiterten an Beweisen und dem Mut der Betroffenen, Täter anzuzeigen und gegen sie auszusagen, glaubt Schubert.
Immer mehr Frauen beim Film
Gleichzeitig werden Frauen immer präsenter in den Filmteams. In den letzten Jahren bringen viel mehr Frauen ihre Fähigkeiten in Film- und Fernsehproduktionen ein als noch vor ein paar Jahren, beobachtet Leslie Malton. Auch sie ist Schauspielerin und Vorsitzende des Bundesverbandes Schauspiel.
Die Geschlechterverteilung der Teams sei häufig nahezu ausgeglichen. "Mittlerweile ist es eine Generationengeschichte." Die älteren Generationen hätten sich noch nicht so umgestellt wie vielleicht die Jüngeren, die mit dem neuen Denken, mit der #MeToo-Bewegung groß geworden seien. "Dadurch ist es vielleicht für manche Leute etwas schwieriger, den Schalter umzulegen."
Männer-Domänen nicht mehr akzeptiert
Die vielleicht wichtigste Errungenschaft für die Branche seit #MeToo ist für Morton die Einrichtung des Onlineangebotes Themis. Eine Anlaufstelle für alle, die Machtmissbrauch, sexuelle Übergriffe und Grenzüberschreitungen erleben. Hier werden Betroffene unterstützt. Vielleicht bremse Themis sogar die Täter und Täterinnen aus, glaubt Leslie Morton.
Und auch wenn Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat ein vorsichtig positives Fazit über die Entwicklung der Branche nach #MeToo zieht, bisher sei lediglich ein Anfang gemacht: "Besonders der Machtmissbrauch im Kulturbereich ist ein wirkliches Problem. Das heißt, es muss weiterhin thematisiert werden." Das sei unangenehm, gerade auch für die Männer, sagt Zimmermann.
#MeToo-Debatte hat Perspektive verändert
Gleichzeitig sei es auch wichtig, zu konstatieren, "dass wir nicht mehr da stehen, wo wir noch vor 10 Jahren gestanden haben. Es hat sich verbessert, aber es ist noch viel Luft nach oben." Heute sei es selbstverständlich, dass Gremien, Vorsitze, Jurys mit Männern und Frauen besetzt würden. Eine rein männliche Besetzung würde nicht mehr akzeptiert, ist sich Zimmermann sicher.
Immer, wenn ein Mann fragt, 'darf man das heute noch sagen?', dann ist die Antwort wahrscheinlich: 'Nein'.
Und auch am Set erlebt Schauspielerin Katharina Marie Schubert, dass sich viele sehr bemühen und offen sind, Veränderungen zu leben, auch wenn das immer wieder zu Unsicherheiten führe. "Was kann man noch sagen? Wie verhält man sich? Das ist so ein Zustand, der manchmal einem kleinen Eiertanz gleicht und der nicht gerade zu großer Entspannung führt." Aber da habe sie das Gefühl, dass etwas in Bewegung sei, das man bewahren müsse. "Und ich glaube, immer, wenn ein Mann fragt, 'darf man das heute noch sagen?', dann ist die Antwort wahrscheinlich: 'Nein'."
Schubert orientiert sich mittlerweile an den jüngeren Kolleginnen, die viel selbstverständlicher Grenzen setzen können. Für sie ist #MeToo noch nicht vorbei, sondern markiert einen Zeitpunkt, der nicht nur ihre Perspektive auf die deutsche Film- und Fernsehbranche verändert hat.
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