„Als ich Mintzlaffs Namen auf dem Handy sah, hatte ich nicht den Hauch einer Ahnung“
Punktetechnisch ist Red Bull aktuell nur viertstärkste Kraft in der Formel 1. In der Konstrukteurs-WM liegt das einstige Dominator-Team weit abgeschlagen hinter McLaren. Auch Ferrari und Mercedes rangieren vor dem Rennstall von Superstar Max Verstappen. Laurent Mekies soll Red Bull jetzt wieder zurück an die Spitze führen. Er übernahm im Juli den Job des Teamchefs und damit das Erbe des entlassenen Christian Horner.
Frage: Herr Mekies, Sie haben am 9. Juli einen der schwersten Jobs der Formel 1 übernommen, sind Nachfolger von Christian Horner als Teamchef bei Red Bull. Wie würden Sie die bisherige Zeit beschreiben?
Laurent Mekies: Pures Racing.
Frage: Wie meinen Sie das?
Mekies: Als ich den Anruf bekam und mir mitgeteilt wurde, dass ich die Aufgabe übernehmen soll, war ich total überrascht. Deswegen bin ich lediglich mit einer kleinen Tasche und Kleidung für drei Tage nach England zur Fabrik in Milton Keynes gereist. Ich dachte, dass ich im Anschluss wieder nach Hause fliegen würde, um in Ruhe meine Sachen zu packen – aber weit gefehlt! Ich blieb einen Monat, reiste von dort zu zwei Rennen und war tagein, tagaus nur mit Red Bull Racing beschäftigt.
Frage: Wie haben Sie von Ihrer Beförderung erfahren?
Mekies: Oliver Mintzlaff (Sportboss des Red-Bull-Konzerns; d. Red.) rief mich am Tag nach dem Silverstone-Rennen an. Als ich seinen Namen auf dem Handy-Display sah, hatte ich nicht den Hauch einer Ahnung, dass er mir gleich den Job anbieten würde. Ich war mit meinem Kopf ganz woanders.
Frage: Und zwar?
Mekies: Wir arbeiteten bei Alpha Tauri (dessen Teamchef er damals war; d. Red.) gerade das Rennen auf. Oliver erwischte mich auf dem falschen Fuß, ich war total überrascht. Deswegen sagte ich auch nicht direkt zu, sondern bat ihn um ein paar Stunden Bedenkzeit. Eigentlich brauchte ich die gar nicht. In der Sekunde, nachdem wir aufgelegt hatten, wusste ich, dass ich das machen möchte. Teamchef von Red Bull zu werden, ist eine einmalige Chance. Es ist eine große Ehre, ein Privileg für mich.
Frage: Nach vier Wochen im Amt hatten Sie aber zwei Wochen Arbeitsverbot. Die erteilt der Weltverband Fia den Teams traditionell allen in der Sommerpause. Konnten Sie trotz der Herkulesaufgabe abschalten?
Mekies: Ja und nein. Ich habe mich natürlich an das Arbeitsverbot gehalten, aber man kann den Kopf nicht komplett ausschalten. Die Pause war gut, um die ersten Eindrücke sacken zu lassen und die vielen Gespräche zu reflektieren. Da entsteht dann vielleicht auch mal eine Idee für die Zeit nach der Sommerpause. Trotzdem war die Formel 1 nicht mein Hauptfokus. Meine Söhne sind zwei, fünf und elf Jahre alt. Sie können sich vorstellen, dass die ihren Vater nach einem Monat räumlicher Trennung nicht in Ruhe ein Buch haben lesen lassen.
Frage: Wie fällt Ihr erstes Fazit aus?
Mekies: Dafür ist es noch zu früh. Wir sprechen aktuell mit den Abteilungsleitern und erörtern, wo wir Steigerungspotenzial haben. Ich denke, dass das in mehreren Bereichen der Fall ist. Wer glaubt, dass wir nur an einer Stellschraube drehen müssen und dann direkt wieder um Siege und WM-Titel mitfahren, liegt falsch. Es gibt keinen Zauberstab, der alle unsere Probleme löst. Aber: Red Bull hat nicht ohne Grund über Jahre dominiert. Das Fundament, auf das wir aufbauen, ist sehr, sehr gut. Wir sind nicht Lichtjahre von der Spitze entfernt.
Frage: McLaren ist die klare Nummer eins. Wo verorten Sie Red Bull?
Mekies: Auf einem geteilten zweiten Platz mit Mercedes und Ferrari. Wer da die Nase vorn hat, hängt vom Streckenprofil und der Arbeit des jeweiligen Teams am Rennwochenende ab.
Frage: Unter den Fahrern ist Max Verstappen die klare Nummer eins. Wie ist die Zusammenarbeit mit ihm?
Mekies: Ich muss gestehen, dass er mich überrascht hat. Natürlich wusste ich, dass er ein außergewöhnlicher Fahrer ist, aber sonst hatten wir wenig Berührungspunkte. Nach den ersten vier Wochen kann ich sagen: Max ist außerhalb des Autos noch besser als im Auto. Das Gefühl, das er für das Auto hat und wie detailliert er das Feedback den Ingenieuren mitteilen kann, ist etwas ganz Besonderes. Dazu kommt, wie kritisch er sich und seinem Fahrstil gegenüber ist. Sein Fokus liegt immer darauf, was sich verbessern kann.
Frage: Wie wichtig ist ein gutes Verhältnis zu Verstappen und seinem Umfeld für Sie und Ihren Erfolg bei Red Bull? Die Beziehung von Vorgänger Horner und insbesondere Verstappen-Vater Jos galt als extrem angespannt.
Mekies: Ich kann die Frage ganz einfach beantworten: Wir müssen Max ein schnelles Auto bauen. Hat Max ein schnelles Auto, sind alle glücklich – Max, sein Umfeld und natürlich auch wir.
Frage: Verstappen drohte in der Vergangenheit, Red Bull zu verlassen, bekannte sich erst nach Ihrem Amtsantritt bis 2026 zum Team. Haben Sie ihn überredet?
Mekies: Nein.
Frage: Sondern?
Mekies: Max und ich haben nicht ein einziges Mal über seine Zukunft geredet. Das brauchten wir auch nicht. Er kam an meinem ersten Arbeitstag zu mir und sagte: „Vergiss alles, was du gelesen hast. Ich bin und bleibe bei Red Bull und freue mich auf die gemeinsame Zeit, die vor uns liegt.“
Frage: 2026 greift ein neues Reglement: Die Entwicklung der Autos läuft seit Monaten. Wie viel Einfluss können Sie noch nehmen?
Mekies: Einigen, denke ich. Natürlich werden wir kein neues Auto mehr designen, aber wir lernen an jedem Wochenende dazu und lassen diese Erkenntnisse einfließen. Wir wollen wieder dahin zurück, wo Red Bull Racing unserer Meinung nach hingehört: an die Spitze der Formel 1. Das ist eine riesige Herausforderung, aber am Ende ist das der Grund, warum unser Job der beste der Welt ist.
Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, SPORT BILD, BILD) geführt und zuerst in BILD am Sonntag veröffentlicht.
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