Geld oder Siege – der Stuttgarter Dissens
Chema Andrés gehörte wohl zu den wenigen Menschen im Stadion, die sich um das Thema der Woche nicht geschert hatten. Bevor ihn Sebastian Hoeneß am Samstag einwechselt habe, hätte der Trainer ihm gesagt, er solle sich keine Gedanken machen, „sondern einfach energisch in den Strafraum gehen“, verriet der spanische Zugang des VfB Stuttgart. Das tat der 20-Jährige dann auch: In seinem ersten Bundesligaspiel gelang ihm beim ersten Versuch überhaupt, das Tor anzuvisieren, sein erster Treffer – der zum 1:0 (0:0)-Endstand gegen Borussia Mönchengladbach. Nun sorge er sich nur noch darum, ob seine Familie in Spanien das Spiel und sein Kopfballtor auch live verfolgen konnten, erklärte er.
Das vorherrschende Gefühl bei Hoeneß sowie allen anderen Stuttgartern war dagegen pure Erleichterung: Das erste Spiel nach dem viel diskutierten Abgang von Nick Woltemade konnte gewonnen werden – trotz einiger Probleme, aber dank eines Nobodys, der von der Bank kam. „Das war sehr wichtig – für die Fans und vor allem für uns“, sagte Hoeneß: „Es war unser Sieg – und er war verdient. Ich bin stolz auf die Jungs.“
Es war das zumindest halbwegs versöhnliche Ende einer turbulenten Woche. Am Dienstag hatten die Stuttgarter im DFB-Pokal beim Zweitligisten Eintracht Braunschweig nachsitzen müssen und erst im Elfmeterschießen gewonnen, in der Nacht von Donnerstag auf Freitag sickerte dann durch, dass der wichtigste VfB-Spieler doch noch verkauft wird: Woltemade ging für die Rekordsumme von 90 Millionen Euro zu Newcastle United – obwohl Hoeneß fest mit ihm geplant hatte. Während die Klub-Führung für den Deal gefeiert wird, fühlt sich der Trainer überrumpelt. Und das gab er auch ungewöhnlich deutlich zu verstehen – sowohl vor dem Heimspiel gegen Gladbach als auch danach.
Auch Millot muss ersetzt werden
„Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass mich das nicht beschäftigt“, erklärte der 43-Jährige und unterstrich damit erneut, dass er die Haltung, dass ein Transfer bei solch einer Summe – die sich aus einem Fixum von 85 Millionen und einiger Bonizahlungen zusammensetzt – alternativlos sei. „Es geht nicht darum, das zu akzeptieren, es geht darum, festzuhalten, dass Nick für uns genauso wie Enzo Millot einfach ein großer Verlust ist“, sagte Hoeneß.
Es gibt halt auch eine andere Sichtweise: die des für die sportliche Entwicklung verantwortlichen Trainers, der schauen muss, wie er eine Mannschaft wettbewerbsfähig halten kann, die wieder einmal ihre besten Spieler verliert. Denn auch für Spielmacher Millot, der für 30 Millionen Euro Ablöse zum saudischen Klub Al-Ahli gewechselt ist, gibt es bis dato noch keinen Ersatz. Insofern gibt es in Stuttgart einen klaren Dissens.
„Ich verstehe die Perspektive von Sebastian total. Es ist doch klar, dass er aus sportlicher Perspektive gerne mit Nick weitergearbeitet hätte“, sagte Vorstandschef Alexander Wehrle. Das hätten er und Sportvorstand Fabian Wohlgemuth ja auch gerne getan. Doch bei einem Angebot dieser Größenordnung gehe es um die „Gesamtverantwortung für die Klub“, so Wehrle.
Die scheint dann auch über getroffenen Verabredungen zu stehen, den Kader nicht noch weiter zu schwächen. Denn was bei der Debatte der vergangenen Tage ein wenig untergegangen ist: Kein anderer Bundesligatrainer hat in seiner Amtszeit einen derartigen Abfluss von Stammspielern hinnehmen müssen wie Hoeneß, seit er den VfB im April 2023 übernommen hat. Ob Konstantin Mavropanos, Wateru Endo, Borna Sosa, Hiroki Ito, Waldemar Anton, Serhou Guirassy oder aktuell Millot und Woltemade – die Liste der Spieler, die den Klub in den vergangenen drei Transfersommern verlassen haben, ist lang und prominent. 256,42 Millionen Euro flossen an Ablösesummen in die Kasse – dagegen wurden nur 150,1 Millionen für neue Spieler ausgegeben. Da kann die Einkaufspolitik so innovativ sein wie sie will – das kann auf Dauer nicht ohne Substanzverlust bleiben.
Wirtschaftlich mehr als gesund
Tatsächlich hätten es sich die Stuttgarter theoretisch erlauben können, auf die Woltemade-Millionen zu verzichten. Der Klub ist wirtschaftlich gut aufgestellt. Vor zwei Jahren war der Automobilkonzern Porsche als Investor eingestiegen, hatte 10,9 Prozent der Anteile erworben. Bei der Mitgliederversammlung im März wurden ein Rekordertrag von 299,8 Millionen Euro sowie ein Gewinn von 15,4 Millionen Euro ausgewiesen. Das Eigenkapital stieg auf 60,9 Millionen. Doch Wehrle bleibt vorsichtig – vor allem, weil die Tilgung der Kredite für den Stadionumbau noch Jahre in Anspruch nehmen wird.
Genug Geld, um Hoeneß Ersatz für die Abgänge zu verschaffen, ist auf jeden Fall vorhanden. Die Frage ist nur, ob die sich in der Kürze der Zeit realisieren lassen. „Ich bin überzeugt, dass wir bis zum Ende der Saison noch eine gute Lösung präsentieren werden, damit wir eine wettbewerbsfähige Mannschaft haben“, versprach Wehrle. Es sei ja auch nicht so, dass der VfB bei der Suche „bei Null“ anfängt. „Es gab immer Vorbereitungen für Eventualitäten.“ Ein aussichtsreicher Kandidat für einen Wechsel zum VfB scheint der algerische Nationalspieler Badredine Bouanani (OGC Nizza) zu sein.
Das Transferfenster schließt allerdings Anfang der Woche. Und überall, wo Wohlgemuth anrufen wird, dürfte bekannt sein, dass beim VfB einiges herauszuholen sein dürfte. „Wir kennen viele Spieler, aber ich kann dazu nichts sagen, weil wir uns in ganz, ganz vielen laufenden Prozessen befeinden“, sagte der Sportvorstand, der bis Montag, 18 Uhr, im Dauerstress sein dürfte. Danach geht nichts mehr.
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