Fast hätte es die Ski-Olympiasiegerin Maria Riesch nicht gegeben. Denn in ihrer Jugend spielte die heute 41-Jährige auch gerne Tennis. Es war die große Zeit von Steffi Graf – und auch die junge Maria war vom Boom angesteckt worden. Doch am Ende setzte sich der Skisport durch. „Mit 13 bekam ich zeitlich nicht mehr beides hin“, sagt Riesch. „Die größere Leidenschaft sprach dann für Ski, auch die größere Chance, wirklich in die Weltspitze zu kommen. Da ist im Tennis eine höhere Dichte. Auch wenn mein Trainer mir sagte: Wenn ich so viel Tennis gespielt hätte, wie ich Ski gefahren bin, dann wäre ich ganz weit vorne gewesen. Da habe ich meine leichten Zweifel.“

Die Ski-Begeisterung hatte einen frühen Ursprung: Mit zwei Jahren wurde sie von ihren Eltern erstmals auf Ski gestellt. Daheim in Garmisch-­Partenkirchen war sie umgeben von Bergen, auf denen sie später einmal Erfolge feiern würde. „Vom St.-Irmengard-Gymnasium waren wir schnell am Gudiberg“, erzählt Riesch. „Der Hausberg war auch nur fünf Minuten weiter. Nach der Schule zog ich mich im Auto um, und es ging direkt zum Training.“

Hier wurde der Grundstein für eine Weltkarriere mit dreimal Olympia-Gold, zwei WM-Titeln und 27 Weltcup-Rennsiegen gelegt. Der erste Weltcup-Start war am 16. Februar 2001 passenderweise ein Super-G in Garmisch-Partenkirchen. „Das war extrem aufregend für mich“, erinnert sie sich. „Ich hatte eine späte Nummer und musste warten. Ich saß im Garmischer Haus, schaute mir die anderen im Fernsehen an. Irgendwann bekam ich Hunger und bestellte mir einen Kaiserschmarrn. Ernährungstechnisch vielleicht nicht so wertvoll, aber er hat mir die nötige Power gegeben.“ Es wurde ein starker 20. Platz für ein Debüt mit 17.

„Da kamen schon Zweifel auf, ob es wieder klappt“, sagt Riesch

Nach dem Abitur im Frühjahr 2003 lag dann der Fokus endlich voll auf dem Skisport. Das zahlte sich im nächsten Winter bereits aus: In Haus im Ennstal (Österreich) sorgte sie Anfang 2004 für einen Doppelschlag: Weltcup-Siege in der Abfahrt (30. Januar) und dem Super-G (1. Februar). „Das Besondere war: Im Rennen dazwischen bin ich übel gestürzt“, sagt Riesch: „Ich hatte eine Schuhrandprellung mit Schmerzen im Skischuh beim Einfahren. Ich wusste gar nicht, ob ich den Super-G fahren kann. Um es abzupolstern, schob ich dünne Schaumstoffstücke in den Schuh. Mit Voltaren und Adrenalin ging es dann ins Rennen.“

Nach dem ersten Höhenflug folgte die schwerste Zeit in der Ski-Karriere. Stürze bremsten Riesch aus. Am 12. Januar 2005 ging es in Cortina d’Ampezzo (Italien) über eine Kuppe, der Ski griff im Schnee, das rechte Knie wurde verdreht. Kreuzbandriss. „Ich hatte mich so auf die WM gefreut, war in einer Superform, wollte es nicht wahrhaben“, sagt Riesch.

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Sie kämpfte sich zurück, doch im sechsten Rennen nach dem Comeback schlug das Schicksal erneut zu: Beim Riesenslalom in Aspen (USA) rutschte sie am 10. Dezember 2005 auf dem Innenski aus, diesmal war das linke Knie betroffen: Kreuzbandriss, Meniskusschaden, Knorpelverletzungen und Knochenstauchung. Olympia 2006 in Turin war futsch!

„Danach habe ich mich schwergetan, es zu akzeptieren“, sagt Riesch. „Auf dem Weg zurück gab es immer wieder Rückschläge mit Schmerzen. Da kamen schon Zweifel auf, ob es überhaupt noch einmal etwas wird. Mental war ich stark genug, aber ich war mir unsicher, ob es körperlich klappen würde.“

Die Überwindung spielte danach eine große Rolle in der Karriere von Riesch. „Nach den Verletzungen hatte ich, wenn schwierige Bedingungen und schlechte Sicht geherrscht haben, bis zum Ende meiner Karriere immer Respekt gehabt.“

Die erste Saison war zäh, obwohl Riesch am 1. Dezember 2006 im erst vierten Rennen nach dem Comeback ein Abfahrtssieg in Lake Louise gelang. „Ich brauchte nach zwei Jahren fast ohne Rennen meine Zeit“, sagt sie. „Nur ein Jahr später ging es dann aber richtig rund.“ Es folgten ihre besten Jahre: Im Gesamtweltcup lag sie ab 2007/08 sieben Winter in Folge stets in den Top 3. Auch bei Groß­ereignissen lieferte sie stets ab. Los ging es mit WM-Gold 2009 im Slalom in Val d’Isère (Frankreich).

„Das war eine wahnsinnige Drucksituation“, erinnert sich Riesch: „Ich war die gesamte Saison gut drauf, und dann lief bei der WM zunächst gar nichts. Ich stürzte im Abfahrtstraining, traf in der Kombi meinen Slalomschwung nicht, wurde krank. Es war wie verhext. So war ich vor dem Slalom total verunsichert.“ Sie war Sechste nach dem ersten Durchgang, schied fast aus. „Beim zweiten Lauf war ich total nervös, wusste nicht, wie ich das erste Tor anfahren soll. Ich hatte schon große Versagensängste. Aber beim Fahren konnte ich plötzlich alles ausblenden: die schwierigen Bedingungen, die ruppige, steile Piste. Doch ich wusste, dass es meine letzte Chance bei der WM war.“

Mit Laufbestzeit von 56,17 Sekunden klappte der Sprung auf Rang eins: „Ich habe lange genug beißen müssen, bis ich endlich diesen Erfolg hatte. Es war ein Schlüsselerlebnis und auch ein Befreiungsschlag nach diesen beiden Seuchenjahren.“

Danach fuhr sie trotz steigenden Drucks von keinem Groß­ereignis mehr ohne Edelmetall heim. Bei den Olympischen Spielen 2010 gab es auf den Pisten von Whistler (Kanada) gleich zweimal Gold, erst in der Super-Kombination, dann im Slalom. „Da stand ich als Führende im Starthaus beim zweiten Durchgang“, sagt Riesch. „Ich brachte es nach unten. Das war hochemotional, weil die Slalom-Medaille traditionell doch einen anderen Stellenwert als die Superkombination hat.“

Beim zweiten Triumph war dann auch ihre Familie vor Ort: „Nach der ersten Medaille sagte mein Vater: ,Wir fliegen da jetzt hin!‘ Dass sie das Slalom-Gold vor Ort miterlebt haben, war ein Highlight.“

Bei der Heim-WM im folgenden Jahr war die Familie dann in Garmisch-Partenkirchen ständig dabei. Doch die Wettkämpfe waren mehr Kampf und Krampf als Genuss. Zwar holte sie zu Beginn Bronze im Super-G, doch sie merkte im Ziel, dass sie krank wurde. „Mir brannten die Bronchien“, sagt Riesch: „Im Hotelzimmer bekam ich Fieber und Halsschmerzen. In der Super-­Kombination war ich dann geschwächt, wurde Elfte. Das war ein Gewürge.“ Wegen schlechten Wetters wurde die Abfahrt verschoben – zu ihrem Glück. Mit mehr Erholung gewann sie eine zweite Bronzemedaille. „Für mich war die Heim-WM trotz allem ein Erfolg.“

2013 folgten bei der WM in Schladming (Österreich) Gold in der Super-Kombination sowie zweimal Bronze in der Abfahrt und mit der Mannschaft. „Diese WM war das erste Groß­ereignis, wo es in den Rennen vorher nicht ganz lief“, sagt Riesch. „Da hatte ich vorher Materialprobleme. Doch beim letzten Rennen vor der WM in Flachau spürte ich schon: Jetzt passt der Slalomschwung wieder. Allerdings fädelte ich da noch mit Vorsprung ein. Bei der WM passierte mir im Slalom dasselbe dann noch einmal. Das ärgert mich bis heute. Da wäre eine Medaille sicher drin gewesen.“

Auf den Spuren von Rosi Mittermaier und Katja Seizinger

Bei allem Glanz der Medaillen: Unter Skifahrerinnen ist der Gesamtweltcupsieg die größte sportliche Krönung. Diesen gewann Riesch 2010/11 um drei Punkte vor ihrer Dauer-Konkurrentin Lindsey Vonn – der knappste Vorsprung der Historie. Sie war erst die dritte Deutsche nach Rosi Mittermaier (1975/76) und Katja Seizinger (1995/96, 1997/98), die sich den Gesamtweltcup holte. „Lindsey war eine harte Nuss, die Führung wechselte öfter hin und her“, sagt Riesch. „Ich war sehr froh, dass ich dieses Ziel in meiner Karriere erreicht habe.“

Da Super-G und Riesenslalom beim Weltcup-Finale in Lenzerheide ausfielen, fühlte sich Vonn benachteiligt und beklagte es öffentlich. Die Amerikanerin hatte einen übertriebenen Ehrgeiz, bei dem sie sich manchmal im Ton vergriff. Das brachte Spannungen in die Freundschaft mit Riesch, die sie seit Juniorenzeiten kannte.

„Es war eine jahrelange Rivalität“, sagt Riesch: „Wir haben uns immer gut verstanden und gegenseitig gepusht. Es war nicht immer einfach, Freundschaft und Rivalität auseinanderzuhalten.“

Für Riesch ging es dann im Winter 2013/14 in den Endspurt ihrer Karriere. Der Saisonhöhepunkt waren die Olympischen Spiele in Sotschi (Russland). Bei der Eröffnungsfeier trug Riesch die Fahne. „Als ich es erfuhr, lag ich schon im olympischen Dorf im Bett“, sagt sie. „Michael Vesper rief auf meinem russischen Handy an. Eine große Freude! Es war klar, es wird mein letztes Olympia. Da wollte ich es unbedingt machen.“

Auf der Piste ging es gut los: Gold in der Super-Kombination am 10. Februar. „Die Abfahrt war nicht ideal, aber ich konnte es im Slalom rumreißen“, sagt Riesch. Nach einer „verbockten“ Spezial-Abfahrt mit Platz 13 holte sie dann aber noch Silber im Super-G. „Das war ein verrücktes Rennen, wo viele ausgeschieden sind“, sagt sie. „Es gab dort ein Tor, an dem viele scheiterten. Ich versuchte, es auf Zug zu fahren, aber das ging nicht, kam zwar noch vorbei, aber stand gefühlt. Im Ziel dachte ich: Wie ärgerlich, und dann stand da die ,2‘. Das konnte ich wirklich nicht glauben.“

Bereits bei Olympia wurde Riesch immer wieder gefragt, ob sie aufhören würde. Dabei war die Saison danach noch nicht vorbei.

Der folgende Abschied fiel dann schmerzhaft aus. Beim Weltcup-Finale in Lenzerheide (Schweiz) stürzte Riesch in der Abfahrt. Die Folge: Muskelfaserbündelriss an der Adduktorengruppe im linken Oberschenkel, schwere Prellung am linken Schulter- und Ellenbogengelenk, Kapselverletzung im linken Ellenbogengelenk.

Beim Abtransport im Hubschrauber beobachtete sie von oben die Siegerehrung der Weltcup-­Wertung in der Abfahrt. Dort blieb ihr Platz als Gewinnerin frei. „Mein letztes Rennen hätte ich mir natürlich anders gewünscht“, sagt Riesch. „Die restlichen Rennen schaute ich mir daheim auf der Couch an. Da reifte der Entschluss zum Rücktritt.“ Diesen verkündete sie am 20. März 2014. „Sotschi war ein guter Abschluss, und vier weitere Jahre bis Olympia 2018 waren nicht vorstellbar“, sagt sie. „Es gab auch nie einen Gedanken an ein Comeback, und das Aufhören habe ich auch nie bereut.“ Mit 29 Jahren war endgültig Schluss.

In der Zeit nach der Karriere war sie unter anderem ARD-Expertin, hatte Auftritte für Sponsoren und Talks bei Veranstaltungen. „Seit zwei Jahren mache ich Vorträge, zum Beispiel bei Firmen und auf Kongressen“, sagt Riesch. „Ich habe eine Geschichte zu erzählen. Da geht es um Leistungsdruck oder das Aufstehen nach Rückschlägen.“ In ihrer Freizeit liebt sie das Reisen, besonders auf Kreuzfahrten. Privat ist sie mit Kreuzfahrtschiffsmanager Johann Schrempf (65) liiert.

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