Ein Kreuzbandriss bedeutet normalerweise auch für Leistungssportler mit bester medizinischer Betreuung eine Pause von mindestens einem halben Jahr. Ski-Legende Lindsey Vonn verkündete auf ihrer Olympia-Pressekonferenz in Cortina d’Ampezzo, dass sie sich bei ihrem Sturz am vergangenen Freitag in Crans-Montana (Schweiz) im linken Knie einen solchen Kreuzbandriss samt Knochenprellungen zugezogen habe.

Aber: Der US-Superstar will es bei den Winterspielen in Italien (6. bis 22. Februar) trotzdem versuchen und bereits an diesem Sonntag (11.30 Uhr) wie geplant am Abfahrts-Rennen teilnehmen – nur neun Tage nach ihrer Kreuzband-Verletzung. Sie stand sogar bereits wieder auf Skiern. „Mein Knie ist nicht geschwollen und fühlt sich stabil an. Ich weiß, dass ich nicht mehr die gleichen Chancen habe. Aber ich will es versuchen“, sagte Vonn.

Wie kann das funktionieren? Nachfrage bei Dr. Thierry Murrisch. Der Sportmediziner war als Mannschaftsarzt der Deutschen Alpin-Nationalmannschaft der Frauen tätig, kennt sich im Leistungssport bestens aus.

„Nach meinem jetzigen Kenntnisstand handelt es sich hier um einen Riss des vorderen Kreuzbandes sowie weitere noch nicht so relevante Schäden im Knie“, sagt Murrisch: „Ohne diese wichtige Struktur fehlt dem Knie die Stabilität. Dies kann man kurzzeitig kompensieren, wenn man muskulär extrem fit ist oder eine Schiene trägt, die das Knie halten kann. Ein Risiko bleibt aber auch dann bestehen.“

Vonn hatte bereits angekündigt, bei ihrem Olympia-Einsatz eine Schiene tragen zu wollen. Außerdem habe sie aktuell keine Schmerzen. Für den Facharzt nicht untypisch: „Das verletzte Kreuzband tut meist nur kurz weh, ist dann oft recht schnell schmerzfrei.“

Lindsey Vonns größtes Problem? „Die Landung nach den Sprüngen“

Kann man so aber eine anspruchsvolle Olympia-Abfahrt fahren? Murrisch: „Das reine Fahren bei guter Piste kann gutgehen. Vor allem bei den vielen unerwarteten Schlägen oder harten Richtungswechseln kann es aber schon schwierig werden. Das größte Problem ist die Landung nach den Sprüngen. Da muss sie es gut halten können. Sowohl von der Muskulatur als auch koordinativ vom Kopf her, um die entsprechende Stellung zu halten, sodass das Knie nicht nachgibt.“

Sein Fazit: „Sie geht ein extrem hohes Risiko ein, gerade auch bei ihrer Verletzungs-Vorgeschichte. Bei einem anderen Rennen wäre sie sicher nicht angetreten. Bei Olympia kann ich es zwar verstehen, aber wenn das Knie dem Druck nicht standhalten kann, drohen schlimme Folgeverletzungen. Der Meniskus und das hintere Kreuzband können reißen, irreparable Knorpelschäden oder Frakturen im Becken oder Unterschenkel entstehen. Man kann ihr wirklich nur die Daumen drücken, dass das gutgeht.“

Vonn hat in ihrer Karriere mehrere schwere Knieverletzungen an beiden Beinen erlitten. Im derzeit unversehrten rechten Knie wurde ihr bereits eine Teilprothese eingesetzt.

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Bei der Weltcup-Abfahrt in Crans-Montana hatte Vonn am vergangenen Freitag nach einer Bodenwelle die Kontrolle verloren und war in einen Fangzaun gestürzt. In den Zielbereich fuhr sie zwar aus eigener Kraft, wurde von dort jedoch per Helikopter ins Krankenhaus gebracht.

„Als ich im Helikopter war, hatte ich das Gefühl, dass es schlimm war, aber ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, bis ich das MRT vor mir sah“, sagte Vonn. Ihren Olympia-Traum möchte sie aber auch nach der Schock-Diagnose nicht begraben.

Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, SPORT BILD, BILD) erstellt und zuerst in BILD veröffentlicht.

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