• Fotos von Vereinsmitgliedern deuten auf Verbindungen zur rechtsextremen Szene hin.

  • Nach einer Schlägerei beim Waldbadfest in Klötze geraten Mitglieder eines Kampfsportvereins ins Visier der Ermittler.

  • Zwei AfD-Funktionäre sind Vereinsgründer – sie lehnen den Ausschluss von Mitgliedern ab.

Am Waldbad von Klötze steht ein Aufgebot an Polizisten. Sie sichern einen linken Protest. Rund 30 Teilnehmer sind auch aus den umliegenden Orten angereist, um gegen rechte Gewalt zu demonstrieren.

"Ich glaube, dass tatsächlich viele Leute aus Angst um sich und um ihre Familie nicht hier sind und sich nicht trauen, Flagge zu zeigen gegen Faschismus", sagt Bastian Gebel vom Ortsverband Klötze der Linkspartei.

Im Zentrum der angespannten Stimmung steht der Kampfsportverein. Schon länger gibt es den Vorwurf von Verbindungen zwischen Kampfsportverein und Neonazi-Szene.

Rechte Symbole beim Training

MDR Investigativ liegen Fotos vor, die diese Verbindungen nahelegen sollen.

Auf einem Bild, aufgenommen in der Trainingshalle des Vereins, sieht man ein Mitglied mit Symbolen der mittlerweile verbotenen rechtsextremistischen Kampfsportveranstaltung "Kampf der Nibelungen".

Ein Vereinsmitglied (1. Reihe, 3. v.l.) trägt ein T-Shirt der verbotenen rechtsextremistischen Kampfsportveranstaltung "Kampf der Nibelungen"Bildrechte: MDR Investigativ

Ein weiterer Kampfsportler hebt bei einer Karnevalsfeier offensichtlich die Hand zum Hitlergruß – die Staatsanwaltschaft Stendal hat mittlerweile Anklage erhoben.

Ein Vereinsmitglied zeigt beim Karneval den Hitlergruß.Bildrechte: MDR Investigativ

Derselbe junge Mann marschiert mit anderen Vereinsmitgliedern bei einer Demonstration der rechtsextremen Jugendgruppe "Jung und Stark".

AfD-Politiker im Verein

Fabian Lüdecke und Thomas Korell haben den Verein 2018 gegründet, seitdem ist er auf 240 Mitglieder angewachsen.

Fabian Lüdecke sitzt für die AfD im Stadtrat und sicherte sich im vergangenen Jahr die Bronzemedaille bei der Europameisterschaft im Kickboxen.

AfD-Bundestagsabgeordneter Thomas KorellBildrechte: MDR Investigativ

Parteikollege Thomas Korell war langjähriges Mitglied der Nationalmannschaft im Kraftdreikampf und erzielte bei der letzten Bundestagswahl über 39 Prozent der Erststimmen und gewann damit das Direktmandat im Wahlkreis Altmark-Jerichower Land.

Was ist los in Klötze?

Klötze hat rund 10.000 Einwohner. Bei der letzten Bundestagswahl gewann hier die AfD mit rund 34 Prozent, drei Prozentpunkte unter dem Landesdurchschnitt.

Laut Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt liegt die Zahl der Rechtsextremisten in der Region im unteren zweistelligen Bereich. Personen dieses Spektrums würden in kleinen Gruppen agieren, Gewalt und Gewaltbereitschaft seien ein wesentliches Merkmal.

Das Jugendleben findet hier in den Vereinen statt. Dort werden die Jugendlichen sozialisiert. Und am Ende übernimmt man die rechten Einstellungen, man will ja kein Außenseiter sein.

Linker Aktivist aus KlötzeAnonym

MDR Investigativ hat mit einem linken Aktivisten aus Klötze gesprochen. Er sagt: "Das Jugendleben findet hier in den Vereinen statt. Dort werden die Jugendlichen sozialisiert. Und am Ende übernimmt man die rechten Einstellungen, man will ja kein Außenseiter sein."

Seine größte Sorge: Dass extremistisch eingestellte Personen durch Kampfsport zu einer unberechenbaren Gefahr werden.

Waldbadfest mit Folgen

Was er meint, könnte sich Anfang des Monats im Freibad Klötze gezeigt haben. Das Waldbadfest Anfang August endete gegen 01:45 Uhr in einem Handgemenge vor dem Badeingang. Zwei Mitarbeiter wurden verletzt, das Bad musste einige Tage schließen.

Zunächst soll ein Polizist, der als normaler Gast vor Ort war, als "Polizistenschwein" beschimpft und bedrängt worden sein.

Der Badleiter versuchte zu schlichten und wurde laut Polizei von drei Personen mit Schlägen gegen den Kopf attackiert.

Ich kann nicht verstehen, dass aus lieben Kindern solche aggressiven Schläger werden.

Monika GilleRettungsschwimmerin

Als die Angegriffenen auf das Gelände flüchteten und das Tor schließen wollten, drückten die Angreifer es mit Gewalt wieder auf. Dabei wurde Rettungsschwimmerin Monika Gille von der aufschwingenden Metalltür getroffen und verletzt.

Vom lieben Kind zum aggressiven Schläger

Am nächsten Tag schildert die 63-Jährige gegenüber dem MDR ihre Verfassung: "Es sind Einheimische, die hier bei uns schon Schwimmen gelernt haben. Ich kann nicht verstehen, dass aus lieben Kindern solche aggressiven Schläger werden."

Wenige Tage nach dem Vorfall taucht auf einer neu eingerichteten Facebook-Seite namens "Freundeskreis Klötze" ein offener Brief auf. Darin entschuldigen sich die mutmaßlichen Täter "in höchster Aufrichtigkeit" für die Verletzungen der Rettungsschwimmerin.

Gleichzeitig erheben sie schwere Vorwürfe gegen den Badleiter: Er habe einen Jugendlichen aus ihrer Gruppe bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt. Der Streit sei nicht von ihnen ausgegangen, heißt es. Aussage gegen Aussage.

Klötze ist eine friedliche Gemeinde mit vielen engagierten Menschen in unterschiedlichsten Vereinen.

Alexander Kleine (SPD)Bürgermeister Klötze

Der Bürgermeister lehnt ein Interview ab, verweist schriftlich auf das Engagement der Vereine: "Klötze ist eine friedliche Gemeinde mit vielen engagierten Menschen in unterschiedlichsten Vereinen. Diese leisten einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Miteinander."

Party in der Laube 88

MDR Investigativ wird ein Foto zugespielt. Zu sehen ist ein angeblicher Treffpunkt von jungen Neonazis in Klötze, die Laube 88. “88” steht in der rechtsextremen Szene für zweimal den achten Buchstaben im Alphabet – "HH" für "Heil Hitler". Das Foto zeigt auch Kickboxer des Kampfsportvereins, die vor der Laube posieren.

Die "Laube 88" befindet sich in einer Gartensparte in Klötze.Bildrechte: MDR Investigativ

Der Pächter soll ein nahes Familienmitglied eines mutmaßlichen Waldbadschlägers sein. Vor Kurzem soll er die Kündigung erhalten haben.

Beim Ortsbesuch macht das Anwesen einen eher verwilderten Eindruck, der Schriftzug "Laube 88" prangt unterm Vordach, ein Fliesentisch modert mitten im Garten vor sich hin.

MDR Investigativ werden Bilder zugespielt, die die Laube von innen zeigen.

MDR Investigativ wurden Innenaufnahmen der "Laube 88" zugespielt. An der Wand hängt eine ReichskriegsflaggeBildrechte: MDR Investigativ

Zu sehen ist eine bei Rechtsextremisten beliebte Reichskriegsflagge, links hängen Rucksäcke, volle Flaschen mit Alkohol stehen im Regal. Draußen klebt ein Sticker mit einer Kampfansage an den politischen Gegner: Good Night Left Side.

Interview in der Sporthalle

Was ist dran an den Vorwürfen?  MDR Investigativ ist verabredet zu einem Interview mit Vereinsvertretern. Der Kampfsportverein Klötze befindet sich in einem ehemaligen Getränkemarkt in der Plattenbausiedlung von Klötze.

Gekommen sind die Vorstände und AfD-Politiker Thomas Korell und Fabian Lüdecke, sowie Kerstin Lüdecke, Kassenwartin und Ehefrau von Fabian Lüdecke.

Die Vereinsmitglieder beim Interview. V.l.n.r.: Vorstand Thomas Korell, Mitglied Elisa Riedel, Kassenwartin Kerstin Lüdecke und Kindertrainer Jörg Ullmann. Bildrechte: MDR Investigativ

Auch Elisa Riedel und Kindertrainer Jörg Ullmann nehmen auf Boxsäcken in der Mitte der Halle Platz. Fabian Lüdecke schaut zunächst von der Seite zu, will sich im Interview nicht äußern. Sie wollen etwas geraderücken, nicht mit Nazis in eine Ecke geschoben werden.

Kein Ausschluss der Mitglieder

Vorstand Korell bedauert die Schlägerei im Waldbad, hält aber nichts vom Ausschluss der beteiligten Mitglieder: "Diese Person, die ich dann vor die Tür setze, der nehme ich ihr Umfeld, ich nehme ihren Halt." Es gebe jedoch Sanktionen, beispielsweise die Pflege des Vereinsgrundstücks.

Ein Problem mit rechtsextremen Freizeitaktivitäten sehe man im Verein nicht. "Ich gehe nicht auf die Grillfeier und gucke, was meine Mitglieder machen. Ich meine, wir sind hier nicht bei der Stasi", sagt Korell.

Nur ein Hitlergruß

Der Fall reiht sich ein in eine Vielzahl an Vorwürfen, die den Kampfsportverein und seine Mitglieder betreffen.

Was ist mit dem T-Shirt der rechtsextremistischen Kampfsportreihe "Kampf der Nibelungen"? Man habe die Veranstaltung nicht gekannt, der junge Mann sei ermahnt wurden.

Sind das gleich Neonazis? Das ist doch etwas Nachhaltiges, ein Neonazi zu sein, oder nicht? Ein einzelner Hitlergruß macht doch nicht gleich einen Neonazi.

Kerstin LüdeckeKassenwartin Kampfsportverein Klötze

Zum Hitlergruß-Foto eines ihrer Mitglieder sagt Kassenwartin Kerstin Lüdecke: "Sind das gleich Neonazis? Das ist doch etwas Nachhaltiges, ein Neonazi zu sein, oder nicht? Ein einzelner Hitlergruß macht doch nicht gleich einen Neonazi."

Sie sieht den Verein als Auffangbecken: "Es gibt hier vielleicht Jugendliche – und ich sage vielleicht – die sich in der Neonazi-Szene bewegen. Aber ist es dann nicht gut, wenn man ihnen eine andere Szene anbietet?"

Politik raus aus der Trainingshalle

Vereinsmitglied Monika Riedel ist beim Interviewtermin eher zurückhaltend. Sport und Politik sind für sie zwei Welten: "Wir reden nicht über Politik, ja. Ich bin absolut kein Befürworter der AfD. Aber darum kann ich ja trotzdem freundlich Hallo und Tschüss sagen."

Auch Kindertrainer Jörg Ullmann wirkt während des Gesprächs angefasst. Er versucht zu schildern, wie neu das Thema und der Umgang mit solchen Vorfällen für sie alle sei und sie erst lernen müssten, damit umzugehen.

Sport hat mit der Politik nichts zu tun

Jörg UllmannKindertrainer Kampfsportverein Klötze

"Wenn hier irgendwelche politischen Statements im Rahmen des Trainings gefallen wären oder irgendwo fallen würden, dann wäre ich auch weg und andere vermutlich auch weg. Sport hat mit der Politik nichts zu tun", sagt Ullmann.

Vereinsvorstand Fabian Lüdecke wollte sich im Interview eigentlich raushalten, doch wiederholt mischt er sich ein – die Fragen passen ihm nicht.

Es wird zurückgefilmt

"Das wird bei diesem Beitrag auch wieder so sein, dass unser Verein negativ dargestellt wird und das ist einfach traurig", sagt er.

Während des Interviews mit MDR Investigativ in der Trainingshalle dokumentiert Joel Bußmann, ein Mitarbeiter von Korell, das Gespräch mit der Kamera.

Bußmann ist kein Unbekannter: Er war Funktionär der AfD-Jugendorganisation "Junge Alternative" in Berlin und soll laut Medienberichten Kontakte zur rechtsextremen Identitären Bewegung (IB) gehabt haben.

Auf MDR-Anfrage distanziert er sich heute von der IB, bestreitet die Teilnahme an den Demos aber nicht.

Gibt es Konsequenzen?

Der Kampfsportverein ist Mitglied im Landessportbund und erhält Fördergelder.

Nach der Waldbadschlägerei sei man tief besorgt, teilt der Verband schriftlich mit: "Nach Abschluss der polizeilichen Ermittlungen werden wir umgehend eine Einschätzung im Hinblick auf mögliche Konsequenzen gegen den Verein vornehmen."

Man nehme die Vorwürfe sehr ernst, auch ein Ausschlussverfahren sei denkbar.

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