• Verbraucherzentrale vermutet hohe Dunkelziffer für Haustürgeschäfte
  • Staatsanwaltschaft Chemnitz ermittelt gegen Familie
  • Großinvestitionen in Immobilien in Chemnitz
  • Familie war bereits 2023 in den Schlagzeilen

"Ich begreife es selbst nicht, wie wir auf die reinfallen konnten." Elke R. aus Leipzig ärgert sich sehr. Insgesamt 5.000 Euro Schaden, davon geht sie aus, ist ihr und ihrem Ehemann entstanden.  

In März dieses Jahres ließen sie sich auf eine Haustürgeschäft ein. Ein Handwerker soll ihnen angeboten haben ihre Steine auf der Terrasse und in der Auffahrt zu reinigen und die Fugen, in denen Split liegt, zu verfestigten. Danach seien die Steine mit einem Hochdruckreiniger gereinigt, die Fugen mit Split gefüllt und eine weiße "Spezialmischung" auf alles aufgebracht worden, erinnert sich Elke R.

Dafür will das Ehepaar 3.750 Euro gezahlt haben – bar auf die Hand. Die Zwischenräume seien aber nie fest geworden. Als die Familie dies bei den Handwerkern monierte, sei sie erst vertröstet worden, später habe man niemanden mehr erreichen können. Offenbar waren ihre Nummern blockiert worden. In einem Telefonat mit MDR Investigativ wurden von den Handwerkern alle Vorwürfe zurückgewiesen. Die Familie hat Anzeige erstattet, die Ermittlungen dauern hierzu noch an, teilte die Staatsanwaltschaft Leipzig mit.  

Hohe Dunkelziffer für Haustürgeschäfte

So wie Familie R. aus Leipzig geht es vielen Menschen, die auf solche Haustürgeschäfte reinfallen. Allein in Sachsen melden sich bis zu zehn Geschädigte jeden Monat bei der Verbraucherzentrale. Die Dunkelziffer sei aber viel höher, denn nur 15 Prozent solcher Betrugsmaschen würden überhaupt angezeigt. 

Nach Recherchen von MDR Investigativ stehen die Handwerker aus dem Leipziger Fall in direkter Verbindung mit der Familie Goman. Dieser Name taucht immer wieder im Zusammenhang mit Betrugsstraften auf, erklärt Oliver Huth vom Bund Deutscher Kriminalbeamter. "Wir wollen nicht alle über einen Kamm scheren, aber das Thema Betrug spielt durchgehend eine Rolle und viele Familienmitglieder von diesen kriminellen Strukturen sind wegen dieser einschlägigen Straftaten auch vorbestraft."  

Die Roma-Familie ließ sich unter anderem in den 50er und 60er Jahren vor allem in Nordrhein-Westfalen nieder. In der jüngsten Vergangenheit gab es dort auch mehrere Verfahren gegen einzelne Familienmitglieder.  

Auch Staatsanwaltschaft Chemnitz ermittelt

Ein Modus Operandi der kriminellen Mitglieder der Großfamilie ist, in Lokalzeitungen Werbung zu schalten bzw. dort ihre Flyer beizulegen. Vergleicht man diese, sieht man, dass sie oft sehr ähnlich, wenn nicht sogar identisch aufgebaut sind. Nur die Firmennamen sind unterschiedlich. Dies ermittelte auch die Polizei Halle. Auch dort wurde gegen Mitglieder der Familie Goman ermittelt, drei von ihnen im Januar dieses Jahres wegen gewerbsmäßigen Betrugs zu Bewährungsstrafen verurteilt.  

Nach Recherchen von MDR Investigativ ermittelt auch die Staatsanwaltschaft Chemnitz derzeit in zwei Verfahren gegen Mitglieder der Gomans. Im Februar dieses Jahres ließ sie mehrere Häuser in Chemnitz durchsuchen. Der Vorwurf: Fünf Familienmitglieder sollen gewerbsmäßigen Betrug begangen haben. Mit genau der Masche, auf die auch Familie R. in Leipzig hereingefallen ist. In dem Chemnitzer Verfahren geht es um einen Gesamtschaden von fast 1,4 Millionen Euro. 147 Menschen wurden mutmaßlich von den Beschuldigten betrogen. Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen.  

Investitionen in Immobilien in Chemnitz  

Die Verbraucherzentrale Sachsen macht immer wieder die Erfahrung, dass sich Menschen sehr oft schämen und deshalb nicht zur Polizei gehen. Micaela Schwanenberg rät den Menschen, die auf solch eine Masche reingefallen sind, sich unbedingt Hilfe zu suchen. "Ganz wichtig ist es auch über eine Strafanzeige nachzudenken, wenn Betrug im Raum steht. Denn Betrug ist eine Straftat und davon sollten die Ermittlungsbehörden erfahren. Nur dann können sie auch dagegen vorgehen."

Nach Recherchen von MDR Investigativ hat die Familie Goman offenbar im großen Stil in Immobilien in Chemnitz investiert. So wurden mindestens 17 Mehrfamilienhäuser direkt durch Familienmitglieder gekauft. Ein Großteil der Käufer ist einschlägig polizeibekannt. Oliver Huth vom BDK vermutet, dass die Familie Gelder aus den Betrugsmaschen in Mietshäuser investiert. "Es wird mit Sicherheit eine Strategie sein, dann aber oft über Strommänner, weil Immobilien in Deutschland nicht mehr mit Bargeld gekauft werden können." Denn auch mit den gekauften Immobilien könne man wieder Straftaten begehen. Zum Beispiel in dem man Menschen in Schrottimmobilien unterbringt und sie dann ausbeutet. Auch dies habe diese Tätergruppe verstanden, so er Kriminalbeamte. 

Ein Einsatz zur Bekämpfung von Clankriminalität (Symbolbild).Bildrechte: Hauptzollamt Dresden

Schon 2023 in den Schlagzeilen

Bereits im Jahr 2023 geriet die Goman-Familie aus Chemnitz in die Schlagzeilen. Damals veröffentlichte die rechte Kleinstpartei Pro Chemnitz einen Flyer und warnte vor der Roma-Familie, die sich in der Stadt niedergelassen hat. Dies löste große Empörung in weiten Teilen der Zivilgesellschaft aus. Auch der damalige Antiziganismus-Beauftragte der Bundesregierung, Mehmet Daimagüler, schaltete sich ein und forderte Schutzmaßnahmen für die Roma in Chemnitz. Betroffene hätten sich hilfesuchend an ihn gewandt. 

ProChemnitz hatte im weiteren Verlauf mehrere Anfragen im Stadtrat gestellt. Die Partei teilte dem MDR schriftlich mit, das man mit der Aufarbeitung nicht zufrieden sei. Keine andere Ratsfraktion hätte sich des Themas angenommen. Auf MDR-Anfrage wollte sich die Stadt dazu nicht äußern und verwies auf die laufenden Ermittlungen.  Bis zum Abschluss eines Verfahrens gilt die Unschuldsvermutung.  

Clan-Kriminalität 

Das Bundeskriminalamt erhebt Clankriminalität im Lagebild der Organisierten Kriminalität. Dort heißt es: Clankriminalität umfasst das delinquente Verhalten von Clanangehörigen. Die Clanzugehörigkeit stellt dabei eine verbindende, die Tatbegehung fördernde oder die Aufklärung der Tat hindernde Komponente dar, wobei die eigenen Normen und Werte über die in Deutschland geltende Rechtsordnung gestellt werden können. Die Taten müssen im Einzelnen oder in ihrer Gesamtheit für das Phänomen von Bedeutung sein.

Ein Clan ist eine informelle soziale Organisation, die durch ein gemeinsames Abstammungsverhältnis ihrer Angehörigen bestimmt ist. Sie zeichnet sich insbesondere durch eine hierarchische Struktur, ein ausgeprägtes Zugehörigkeitsgefühl und ein gemeinsames Normen- und Werteverständnis aus.

Nur drei Bundesländer, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Berlin erheben ein eigenes Lagebild für Clankriminalität. In NRW, wo die Roma-Familie Goman schwerpunktmäßig lebt, taucht sie in keinem der Lagebilder auf.

Dennoch sieht Oliver Huth, Landesvorstizender des Bunds deutscher Kriminalbeamter in NRW, Ähnlichkeiten. "Wir haben ganz klar patriarchale Strukturen mit einem tradierten Werte- und Normsystem aus der Heimat. Dieses Werte- und Normsystem sagt zum Beispiel, dass man den Staat ablehnt, weil die Familien in der Vergangenheit negative Erfahrungen mit dem Staat gemacht haben, tatsächlich auch politisch verfolgt worden sind und definitiv in den Heimatländern auch unterdrückt werden." 

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