Wie wir mit Pflanzenbestimmungs-Apps ganz nebenbei den Zustand unserer Städte messen
Abermillionen Downloads made in Thüringen: Die – ganz offensichtlich ziemlich erfolgreiche – Pflanzenbestimmungs-App Flora Incognita baut ihre Popularität auf der Wissbegierde ihrer Nutzendenschaft auf. Und auf das Versprechen, eben die zu befriedigen, wenn man wiedermal über ein bisher ungesehenes Gestrüpp am Wegesrand gestolpert ist. Handy zücken, App öffnen, Oha rufen.
Das alles ist nicht nur ein lustiger Spaß mit Weiterbildungscharakter, sondern liefert auch wertvolle Daten für die Wissenschaft – zum Beispiel zu urbanen Umweltbedingungen. Also, wie warm und trocken Städte sind, oder wie sauer und mechanisch bearbeitet die Böden sind. Oder eben auch: Wie salzig.
Streusalz: Wo landet besonders viel im Boden?
"Zum Beispiel, wenn Straßen gesalzen werden im Winter, ist es ja in unseren Städten eben sehr verbreitet, dass viel Salz in Böden ist, dann habe ich eine ganz andere Vegetation", sagt Susanne Tautenhahn, Ökologin am Max-Planck-Institut für Biogeochemie (MPI-BGC) in Jena. In ihrem Team wurden jetzt 80 Millionen Pflanzenbeobachtungen analysiert, die von Bürgerinnen und Bürgern kommen. Die Ergebnisse der Studie sind jetzt im Fachblatt Nature Cities erschienen.
Neben öffentlichen Sammelplattformen haben den größten Anteil Daten aus Pflanzenbestimmungs-Apps geliefert, insbesondere Flora Incognita. Die deutsche Erfolgsanwendung zur Pflanzenbestimmung kommt unter anderem ebenfalls vom MPI-BGC. Bestimmte Pflanzen kann man sich dabei wie eine Art Sensor für die Umweltbedingungen vorstellen. Im Fall der durch Streusalz besonders salzigen Böden tritt etwa eine Pflanzengattung besonders häufig auf, die sich passenderweise Salzschwaden nennt.
Unbekannter Boden: Zustands-Analyse mit Pflanzenbestimmungs-Apps
"Die ganzen Pflanzenbestimmungs-Apps und Citizen Science-Plattformen können uns helfen, mithilfe der Pflanzen wirklich detaillierte Bilder der Umwelt in Städten zu zeichnen", so Tautenhahn. Die Daten bestätigen etwa, dass bebaute, städtische Räume häufig deutlich trockener, dunkler und wärmer sind als Parks oder das Umland.
Die ganzen Bestimmungs-Apps können uns helfen, mit Hilfe der Pflanzen wirklich detaillierte Bilder der Umwelt in Städten zu zeichnen
Das unterstreicht wiederum die Bedeutung von Grünflächen für Kühlung und Wasserspeicherung, gerade vor dem Hintergrund des Klimawandels und der Klimaanpassung. Die Daten helfen aber auch, die Zustände unserer Böden zu messen, die nach wie vor als weitestgehend unerforschter Lebensraum gelten – im Grunde unerforschter als der Weltraum innerhalb der nächsten Lichtjahre um uns herum, obwohl direkt unter unseren Füßen gelegen.
"Das bedeutet quasi, dass da wirklich eine große Wissenslücke ist, die wir jetzt zu einem gewissen Teil schließen können." Mit ihrer neuen Methode kann das Forschungsteam die Umweltbedingungen in Städten nun mit einer Genauigkeit von einhundert Metern abbilden, was mit klassischen Messungen nicht möglich wäre. Was die Forschung jetzt schon zeigt: Bebaute Flächen sind sich europaweit sehr ähnlich. Durch den unterschiedlichen Bebauungsgrad können innerhalb einer einzigen Stadt aber Unterschiede zwischen den Umweltbedingungen auftreten, wie sie eigentlich zwischen Städten wie Madrid und Stockholm bestehen. Und die liegen 2500 Kilometer weit auseinander.
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