Füllwörter: Warum wir so oft "genau" sagen
- Im ursprünglichen Wortsinn dient "genau" als Bestätigung. Mittlerweile hat sich jedoch eine zweite Bedeutung als Übernahmesignal und einleitendes Wort etabliert.
- Die Entwicklung ist nicht neu: Die Sprachwissenschaft untersucht die Entwicklung von "genau" schon seit den 80er Jahren.
- Für jüngere Sprecher hat sich die neue Bedeutung des Wortes etabliert. Sprechtrainer sehen die inflationäre Benutzung von Füllwörtern kritisch.
Vielleicht haben Sie bei dem, was unser Hörer uns schildert, selbst genickt und gedacht: GENAU! Das wäre dann ein Beispiel für eine Verwendung im wahrsten Sinne des Wortes, nämlich: "Das, was du gerade gesagt hast, habe ich auch im Kopf."
Von Bestätigung zu Übernahmesignal: Bedeutung verändert sich
So erklärt es Sprechwissenschaftlerin Michaela Kupietz: "Und damit ist das ein sehr verbindendes Partikel im Gegensatz zu 'richtig', zum Beispiel. 'Richtig' wäre etwas, womit man ausdrückt: Den Fakt, über den du gerade sprichst, das sehe ich genauso. Aber das ist eben nicht auch in meinen Gedanken. Das mag ich an 'genau', das ist letztendlich viel wertschätzender.
Kupietz mag das Wort sogar so gerne, dass sie an der Uni Halle dazu promoviert. Aber natürlich weiß sie auch, dass es nerven kann – wenn es inflationär verwendet wird. Dann taucht es auch nicht mehr im ursprünglichen Sinn auf: Das "genau" bekäme dann einen neuen Job – als Redeübernahmesignal, erklärt Michaela Kupietz.
Das Wort funktioniere dann so wie das "Ja": "Das heißt, eine Person spricht, die andere möchte nun den Redebeitrag bekommen und sagt deswegen "genau". Und dann ist das so einleitend und dann kommt der eigentliche Beitrag."
Wandel von "genau" seit den 80er Jahren untersucht
Oder es fungiert als sogenannte Häsitation, als Füllwort für eine Denkpause, ähnlich wie das klassische "Äh". Damit würde die Person ausdrücken: "Ich bin noch nicht fertig mit meinem Gedanken, hör mir bitte weiter zu."
Neu ist dieses Phänomen nicht: Seit den 80er Jahren hat die Sprachwissenschaft die Karriere des Wörtchens "genau" im Blick. Der Freiburger Sprachwissenschaftler Peter Auer hat vor einigen Jahren untersucht, wie Studierende das Wort in ihren Präsentationen einsetzen. Das Ergebnis: Oft nutzten sie es, um einen inhaltlichen Punkt abzuschließen und zum nächsten überzugehen.
Dazu schreibt er: "Dieses 'Powerpoint-Genau', wie man es nennen könnte, führt bei älteren Sprechern und Sprecherinnen des Deutschen immer noch zu Irritationen, während es für jüngere völlig unproblematisch ist. Dies deutet auf sprachlichen Wandel hin."
Früher war das "genau" also Bekräftigung und Zustimmung, heute kann es unsere Rede einleiten, gliedern, oder einfach nur eine Denkpause füllen. Damit ergeben sich jede Menge Anwendungsmöglichkeiten.
Sprechtrainer: Füllwörter stören und schwächen ab
Aber: wie viel "genau" ist zu viel? Für viele Sprechtrainerinnen und Rhetorik-Coaches im Internet ist die Antwort klar: Füllwörter seien ein echtes Problem für die Kommunikation, sie würden stören, unnötig verzögern, Botschaften abschwächen und den Sprecher weniger überzeugend wirken lassen.
Die Wissenschaft sagt dagegen: das ein oder andere "genau" als Denkpausensignal oder als Scharnierwort zwischen inhaltlichen Abschnitten ist in Ordnung; es kann sogar zur Verständlichkeit beitragen.
Problematisch wird es, wenn die Zuhörerschaft davon so abgelenkt wird, dass sie nicht mehr folgen kann. Dann lohnt sich vielleicht der Versuch, sich das "genau" abzutrainieren.
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