Schüler erinnern an NS-Opfer: "Aufgeben ist keine Option"
Inhalt des Artikels:
- Kooperation von Schule und Erinnerungsort
- Gefangen in rechten Social-Media-Blasen
- Wunsch: Gesellschaft mit innerer Stärke
Die Erfurter Erinnerungsstätte "Topf und Söhne" ist einzigartig. Sie zeigt seit 15 Jahren, wie "ganz normale" Menschen sich dem Nazi-Terror angedient haben und mit ihrer Ingenieurs"kunst" zur Massenvernichtung beigetragen haben.
Und das, so sagt die Leiterin des Erinnerungsortes, Annegret Schüle, ganz ohne Zwang oder aus Profit-Gier. In der Fabrik wurden die Verbrennungsöfen unter anderen für die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald gebaut.
Die Ausstellung "Die Ofenbauer von Auschwitz" zeigt, wie Mit-Läufer- und Mit-Täter-Strukturen funktionieren. In 15 Jahren kamen rund 190.000 Besucher und Besucherinnen, darunter viele Schulklassen.
Kooperation von Schule und Erinnerungsort
Hakenkreuze eingeritzt in Schulbänke, auf Wände gesprüht oder Nazi-Parolen auf der Kirmes: Auch in Thüringen gibt es das immer häufiger. Am 27. Januar erinnert die Welt an die Opfer der Nazi-Herrschaft, an Millionen ermordeter Menschen. Sie alle hatten Namen, hatten eine Geschichte - und müssen in Erinnerung bleiben, sagen Charlotte Kirchbach und Lore Burchard.
Die zwei besuchen die 12. Klasse der Erfurter Friedrich-Schiller-Schule und sind seit der 9. Klasse immer wieder mit ihren Mitschülern und ihrer Lehrerin Anne-Kathrin Stiller im Erinnerungsort.
Weil ich eben denke, dass wir das nicht vergessen dürfen. Damit die Stolpersteine nicht einfach nur da sind, das wäre halbherzig.
"Wir haben hier Workshops, Gespräche mit Zeitzeugen. Und es ist etwas ganz anderes, wenn man durch Erfurt geht, und sieht, dort haben die Menschen gewohnt", sagt Charlotte. Die zwei sind 19 und machen in diesem Jahr ihr Abitur. Beide haben mit ihrer Klasse auch die Patenschaft über Stolpersteine übernommen.
"Weil ich eben denke, dass wir das nicht vergessen dürfen. Damit die Stolpersteine nicht einfach nur da sind, das wäre halbherzig", sagen sie. Sie haben die Verlegung der Stolpersteine mitorganisiert und putzen sie auch.
Im Erinnerungsort "Topf und Söhne" engagieren sie sich schon lange. Der Ort erinnert seit 15 Jahren an die Fabrik "Topf und Söhne", die die Verbrennungsöfen für die Konzentrationslager gebaut hat: "Als ich das erste Mal hier war, fand ich das sehr erschreckend. Weil es ja in meinem Heimatort stattgefunden hat", sagt Lore.
Die Schiller-Schule hat seit zehn Jahren eine Kooperation mit dem Erinnerungsort. Lehrerin Anne-Kathrin Stiller ist das wichtig: "Es gibt ja immer dieses: Wir tragen keine Schuld mehr. Das hört man ganz oft von der jungen Generation. Darum geht es gar nicht. Es geht darum, dass das hier vor unserer Haustür passiert ist."
Gefangen in rechten Social-Media-Blasen
Dass immer mehr Jugendliche in rechten Social-Media-Blasen unterwegs sind, bereitet Charlotte und Lore Sorge. "Aber aufgeben ist doch keine Option", meint Lore und so halten sie auch bei rechten Debatten dagegen. Viele seien aber sehr fest und stur in ihrer Meinung und würden die Parallelen zwischen damals und heute nicht sehen.
Wenn man einmal in so einer Blase ist, wenn der Algorithmus angeschlagen hat, wird man mit solchen Inhalten überflutet.
Auch in ihrer Schule tauchen ab und an Hakenkreuz-Schmierereien auf - sei es auf der Toilette oder in Unterrichtsräumen. "Ich vermute, dass da oft auch Unwissenheit dahintersteckt - und Social Media. Wenn man einmal in so einer Blase ist, wenn der Algorithmus angeschlagen hat, wird man mit solchen Inhalten überflutet", sagt die Lehrerin.
Die 36-Jährige sieht Lehrer und Lehrerinnen da in großer Verantwortung. "Wir müssen mit den jungen Leuten reden - ja auch Klassenfahrten nach Auschwitz oder der Besuch von Topf und Söhne gehören dazu. Aber das muss vor- und nachbereitet werden. Aber da können sich Klassen und Schulen auch vernetzen, sich unterstützen." Sie schlägt beispielsweise Kooperationen zwischen Schulen auf dem Land und der Stadt vor.
Wunsch: Gesellschaft mit innerer Stärke
Seit 15 Jahren leitet Annegret Schüle den Erinnerungsort "Topf und Söhne". Die "Ofenbauer von Auschwitz" haben hier an noch effizienteren Verbrennungsmethoden getüftelt. Die Zeichenpulte stehen noch. Die Ingenieure standen mit Stoppuhr in den Konzentrationslagern und haben gemessen, in welcher Zeit wie viele Leichen verbrannt werden können.
"Und in der Fabrik haben es alle gewusst. Das zeigen die Rechnungen, die Lieferscheine", sagt Schüle. Die Überlebenden des Holocaust haben den nachfolgenden Generationen ins Tagebuch geschrieben: Lasst es nicht wieder geschehen.
Wir brauchen eine Gesellschaft, die Demokratie schätzt, die sensibel ist bei Diskriminierung.
"Wenn wir uns heute angucken, wie Hass und Hetze, Antisemitismus und Rassismus zunehmen und wie sich das Recht des scheinbar Stärkeren durchsetzt, dann brauchen wir eine resiliente Gesellschaft. Wir brauchen eine Gesellschaft, die Demokratie schätzt, die sensibel ist bei Diskriminierung. Und dafür kann der Erinnerungsort einen wichtigen Beitrag leisten, weil er zeigt, wohin es schon einmal geführt hat", sagt Schüle.
Kuratorin des Erinnerungsortes Topf & Söhne: Annegret Schüle.Bildrechte: IMAGO / Steve BauerschmidtAm Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus werden Lore und Charlotte mit Mitschülern, mit Eimer, Schwamm und Blumen losziehen - putzen und gedenken an ihren Stolpersteinen. Bei Schnee werden Eimer und Schwamm aber sicher gegen den Schneeschieber getauscht.
MDR (dvs)
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