Fast jede sechste Person erlebt körperliche Gewalt in der Partnerschaft – der Großteil von ihnen Frauen. Das zeigt eine gerade erst vorgestellte Dunkelfeldstudie des Bundeskriminalamts. Sie soll auch Gewalttaten erfassen, die von Betroffenen selten angezeigt werden, wie zum Beispiel häusliche Gewalt.

In solchen Fällen sollten Frauenhäuser Schutz bieten. Doch die Frauenhäuser in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen melden oft keine freien Plätze. Das zeigen Belegungsdaten, die von Juli bis Dezember 2025 vom Bayerischen Rundfunk (BR) erhoben wurden: In Sachsen meldeten 78 Prozent der Frauenhäuser in der Zeit an keinem Tag freie Plätze. In Thüringen waren es zwei Drittel, in Sachsen-Anhalt knapp die Hälfte. Schutz vor Gewalt scheint maßgeblich vom Wohnort abzuhängen.

Über die Daten

Grundlage der Auswertung ist das Ampelsystem der Zentralen Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser (ZIF) auf frauenhaus-suche.de. Eine Vielzahl von Frauenhäusern melden dort freiwillig ihren Belegungsstatus: Grün steht für eine mögliche Aufnahme, Rot für belegt, Grau für keine Angabe. "Keine Angabe" heißt nicht zwingend, dass es keine Plätze gibt.
Über sechs Monate hinweg haben Datenjournalistinnen des BR – in Zusammenarbeit mit report München und CORRECTIV.Lokal – diese Angaben recherchiert. In Mitteldeutschland beteiligen sich 43 Frauenhäuser am System. Insgesamt gibt es in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen laut bundesweiter Frauenhaus-Statistik aus dem Jahr 2023 49 Frauenhäuser.

Sachsen: Schlusslicht bei verfügbaren Frauenhausplätzen

Bundesweit gibt es bislang keinen verbindlichen Schlüssel für Frauenhausplätze Zwar ist Deutschland seit 2018 durch die Istanbul-Konvention verpflichtet, Gewalt gegen Frauen wirksam zu verhindern. Der Europarat empfiehlt einen Familienplatz pro 10.000 Einwohner – ein Wert, den laut dem Deutschen Institut für Menschenrechte (2024) derzeit aber kein Bundesland erfüllt.

In Sachsen gab es 2024 insgesamt 168 Familienplätze. Nach Empfehlung des Europarats wären rechnerisch 404 notwendig. Der Freistaat habe sich verpflichtet, die Zahl der Familienplätze jährlich um zehn Prozent zu erhöhen, so das Sozialministerium gegenüber dem BR. Seit 2020 wurden die Kapazitäten um rund 30 Prozent ausgebaut, dennoch gesteht das Land ein deutlich unter dem empfohlenen Richtwert zu bleiben.

Thüringen: Früher Rechtsanspruch, trotzdem kaum Kapazitäten

In Thüringen scheint die Situation rechtlich besser abgesichert, praktisch jedoch fehlen ebenfalls Plätze. Das berichtete beispielsweise eine Mitarbeiterin eines Frauenhauses in Erfurt dem MDR THÜRINGEN im vergangenen April. Das Frauenhaus sei überfüllt, Frauen müssen abgewiesen werden. Seit Januar 2025 gilt das Gesetz zur Förderung der Chancengleichheit, durch das das Land die Schutzeinrichtungen vollständig selbst betreibt und finanziert und bereits jetzt einen kostenfreien Anspruch auf Aufnahme garantiert – sieben Jahre vor dem bundesweiten Rechtsanspruch, so das Sozialministerium auf BR-Anfrage. 

Dennoch meldeten 67 Prozent der Frauenhäuser im zweiten Halbjahr 2025 keinen freien Platz oder machten keine Angaben. An 70 Prozent der Tage war landesweit kein Platz verfügbar. Laut Ministerium gibt es derzeit in 16 von 22 Landkreisen Schutzeinrichtungen mit rund 170 Schutzplätzen. Diese Versorgung fehlt in den Landkreisen Hildburghausen, Sömmerda, Sonneberg, im Ilm-Kreis, im Saale-Holzland-Kreis und in der Stadt Suhl.

Sachsen-Anhalt: Im Vergleich etwas besser

Sachsen-Anhalt steht zumindest im Vergleich zu den beiden anderen Ländern etwas besser da. In 54 Prozent der Frauenhäuser stand die Aufnahmeampel im Beobachtungszeitraum durchgehend auf Rot oder Grau. 46 Prozent meldeten zwischen Juli und Dezember 2025 mindestens einmal einen freien Platz. Dennoch gab es an knapp einem Viertel der beobachteten Tage keinen einzigen freien Platz im Bundesland. 

Volle Frauenhäuser gab es beispielsweise im Herbst in Staßfurt und Weißenfels. Beide Häuser sprachen gegenüber MDR SACHSEN-ANHALT von 100 Prozent durchgängiger Belegung. Die Konsequenz: Frauen müssen abgewiesen werden. In Staßfurt waren das 2025 etwa 50 Frauen bis September.

Nach Angaben des Sozialministeriums lag die durchschnittliche Auslastung der Frauenhäuser 2023 bei 75 Prozent und 2024 bei 77 Prozent. Derzeit stehen 113 Plätze für Erwachsene zur Verfügung, zwölf weniger als noch 2014.

MDR (Julia Bartsch, Leonhard Eckwert, Maximilian Schörm)

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