Respekt verdient, wer Gegenwind aushält – auch als Kulturstaatsminister!
Wer jemals auf der Leipziger Buchmesse in eine Preisverleihung geraten ist, weiß um den eigenen Zauber einer solchen Veranstaltung: Es sind spezielle Momente unter Gleichgesinnten, deren Liebe zu dieser, ihrer Sache durch die Ausstellungskabinen wogt und sich auf das Publikum überträgt.
Es reicht nicht mal zur Pflichtübung
Eine Preisverleihung erkennt man auch daran, dass jemand eine Rede hält – nicht selten ist das ein Mensch aus Politik oder Kulturbetrieb. Und im besten Fall kann dieser Mensch dabei vermitteln, dass die Preisverleihung mehr ist als ein Termin im Kalender. Die Leute merken das nämlich, ob jemand bloß ehrfürchtig "Kulturgut Buch" raunt – oder tatsächlich Verlag, Buchhandlung und Leseecke meint.
Und schon wird aus der Amtshandlung ein Bekenntnis, eine Ermutigung. Politik ist nun mal auch Performance, und die richtige Performance markiert den Unterschied zwischen Pflichtübung und Zugewandtheit, zwischen gönnerhafter Geste und echter Aufmerksamkeit für die Sache. Nun aber sagt Kulturstaatsminister Weimer die ganze Veranstaltung in Leipzig ab, nachdem sie ohnehin schon auf eine Art Stehempfang mit Übergabe der Subventionsbescheide zurückgestutzt worden war. Feiner lässt sich Desinteresse leider kaum ausdrücken.
Gerade debattiert Deutschland über neue Regeln im Umgang mit Social Media bei Jugendlichen und müsste sich also über jede Buchhandlung oder Stadtbibliothek freuen, die die Jugendlichen an die Hand nimmt und ihnen etwas so Extravagantes wie ein gedrucktes Buch nahebringen könnte.
Klares Signal an Buchhandlungen
Natürlich, nach dem Ausschluss dreier Buchhandlungen wegen, so Weimer, "verfassungsschutzrelevanter Erkenntnisse", die nicht genauer benannt sind, wäre es wohl keine reine Prost- und Kuschelrunde in Leipzig geworden. Aber ein Kulturstaatsminister, der um die hundert Buchhandlungen mit Geldprämien auszeichnet, muss solche Konflikte benennen und aushalten können. Respekt, auch als Kulturstaatsminister, erwirbt man sich dort, wo man Gegenwind aushält. Wolfram Weimer war doch selbst einmal Verleger, er hat sogar eine Satire-Zeitschrift herausgebracht und als junger Mann selbstgeschriebene Gedichte zum eigenen Bändchen zusammengeheftet.
Er könnte doch wissen, dass diese Zunft der unabhängigen Buchhändlerinnen (tatsächlich ist diese Branche deutlich frauendominiert) eine sich selbst ausbeutende, geschäftlich hart kämpfende Berufsgruppe ist. Die im besten Fall aber dafür sorgt, dass die neugierigen Menschen, die dieses Land hat und die ihm beständig nachwachsen mögen, genau die Bücher finden, die für sie geschrieben sind.
Der Ort, sich solcher Bündnisse zwischen Politik, Verlagen, Buchhandlungen und Bibliotheken zu versichern, wäre zum Beispiel die Leipziger Buchmesse ab nächster Woche. Wie schade, dass der Kulturstaatsminister einen der Treffpunkte dort nicht zu brauchen scheint. Die Buchhandelsbranche – und hier speziell die der unabhängigen Buchhandlungen – fühlt sich im Stich gelassen.
Quelle: MDR KULTUR (Jörg Schieke)
Redaktionelle Bearbeitung: az
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