Statt Sticker: Neues Projekt soll Vögel vor Glasscheiben retten – und Sie können mitmachen
Eigentlich sind sie ja derart ikonisch, dass sie zum Stadtbild gehören wie Litfaßsäulen oder vertrocknete Kaugummis auf dem Asphalt: schwarze Aufkleber, die wie eine Greifvogel-Silhouette aussehen. Am Wartehäuschen, an der Hochhausfassade oder der Verglasung vom Wintergarten. Gut gedacht, aber mit einem Schönheitsfehler:
"Das funktioniert einfach nicht. Aufkleber auf Scheiben wirken nur dann, wenn sie ein gewisses Muster bilden, das die ganze Scheibe abdeckt. Also das können kleine Punkte sein, das können Streifen sein." Oder halt Vogelsilhouetten – aber dann müsste die ganze Scheibe damit vollgeklebt werden, erklärt Marten Winter, Wissenschaftler am Deutschen Biodiversitätsforschungszentrum iDiv in Leipzig.
Vogel-Aufkleber helfen nicht – Muster aber schon
Am dortigen Institutsgebäude ist der Schutz vor Vogelschlag im Übrigen kaum sichtbar: "Wir haben hier auf einer sehr riskanten Scheibe, also wo Vögel gegenschlagen können, so ein Streifenmuster. Das hat eine UV-Reflexion nach außen hin, die viele Vögel sehen können."
Hilft nicht: Aufkleber mit Vogelsilhouetten sind verbreitet, aber auch Relikte.Bildrechte: IMAGO/Pond5 ImagesMittlerweile gibt es sogar Glasscheiben, in die wirksame Muster bereits integriert sind. Aber nicht nur Bürogebäude sind eine Gefahr für Vögel, sondern auch Fenster eine ganze Nummer kleiner. Zum Beispiel, wenn sich dort der natürliche Lebensraum der Vögel spiegelt, wie am Gartenhaus von Karsten Peterlein: "Das, was wir dann eben selbst tun können, ich selber mache, ist die Fenster sichtbar zu gestalten, das heißt, ein Muster aufzubringen." Karsten Peterlein ist Ornithologe beim Nabu in Leipzig. Seine Zahlen zeigen die Dimension des Problems.
Allein für die sächsische Großstadt sind es zwischen 500 und 600 Fälle von Vogelschlag im Jahr, die Dunkelziffer liegt darüber: "Weil viele Menschen auch nicht anrufen, wenn der Vogel verstirbt. Die beerdigen dann das Tier im Garten und teilen uns aber nicht mit, dass es zu diesen Unfallereignissen kommt." Bundesweit sterben Schätzungen zufolge jährlich über hundert Millionen Vögel durch Kollisionen mit Glasscheiben und Fassaden – tausendmal mehr als durch Windkraftanlagen. Gemeinsam mit dem Nabu in Jena haben Peterlein und Team jetzt einen Vogelschlagmelder online gestellt, um Unfälle unkompliziert zu erfassen und die Dunkelziffer etwas weniger dunkel zu machen:
"Der Vorteil dieser Meldungen ist, dass für uns punktgenau sichtbar wird, wo passiert das und wo passiert das vielleicht sogar häufiger" – und damit: Wo müssen Vogelschutzmaßnahmen eingeleitet werden? "Wir haben, je nachdem, ob der Melder oder die Melderin uns die Möglichkeit gibt, Kontakt aufzunehmen, die Möglichkeit, entsprechende Beratungsangebote bei den Gebäudeeigentümern zu unterbreiten. Das sind manchmal auch einfach Eigenheimbesitzer, die an ihrem Wintergarten häufiger solche Unfälle erleben."
Vielleicht hätte ein Muster an der Scheibe diesen Kernbeißer retten können.Bildrechte: imago/blickwinkelDiese von Bürgerinnen und Bürgern generierten Daten helfen aber nicht nur dem Nabu, sondern auch einem neuen Forschungsprojekt von Marten Winter am iDiv. Ziel ist ein wissenschaftliches Vorhersagemodell für Vogelschlag – nicht nur für Leipzig und Jena, sondern vielleicht für ganz Deutschland: "Wir wollen uns anschauen, was sind eigentlich die Vorhersagen? Was sind Dinge, die die Städte gemeinsam haben? Kann man vielleicht aus den ökologischen Gemeinsamkeiten, aus den baulichen Gemeinsamkeiten, die so eine Analyse gibt, Managementmaßnahmen auf größerer Ebene ableiten?"
Was kostet es, Vögel zu beschützen – und was kostet es, es nicht zu tun?
Das Team möchte allerdings auch herausfinden, was es kostet und was es Menschen wert ist, Vogelschlag zu verhindern. Denn das schützt nicht nur das Leben der Tiere, sondern hilft unterm Strich wohl auch der Volkswirtschaft: "Vögel an sich sind eine wichtige Artengruppe in unseren Ökosystemen. Und Vögel an sich leisten auch etwas, wovon wir Menschen profitieren. Es gibt Studien, wie wertvoll Vögel als Samenverbreiter sein können oder als Fraßfeinde für die Feinde, die wiederum unsere Nahrung fressen."
Marten Winter hofft, dem Thema Vogelschlag die Beiläufigkeit nehmen zu können und eine politische Diskussion anzustoßen, sodass sich der Vogelschutz künftig stärker in den Regularien niederschlägt. Und nicht nur in einem ikonischen Aufkleber, der zwar zum Stadtbild gehört – aber halt nichts bringt.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke