In moderneren Serien wie Game of Thrones werden den Raben besondere Eigenschaften zugeschrieben. Sie haben ihre Augen überall und zeichnen sich durch ein enormes Wissen aus. Auch in der Mythologie haben die Tiere eine besondere Rolle, so etwa in der Krabat-Saga, einer sorbischen Erzählung, die im sächsischen Schwarzkollm verwurzelt ist.

Tatsächlich sind diese mythologischen Fähigkeiten der Raben möglicherweise stark von der Natur inspiriert: Raben sind Aasfresser. Wenn etwa ein Wolfsrudel Beute erlegt, sind die Raben mitunter so schnell zur Stelle, dass sie ihre Augen wirklich überall haben müssten. Wie sonst bekommen die Tiere das hin?  

Raben sind noch klüger als gedacht

Bisher hatte die Forschung die These, dass die Aasfresser Wolfsrudeln über längere Strecken folgen und auf diese Weise besonders früh zu Stelle sind, wenn Beute erlegt wird. Die Ergebnisse einer aktuellen Studie legen nun aber nahe, dass der Rabe tatsächlich noch viel trickreicher ist.

Die Forschenden haben die Aktivität von Raben und Wölfen im amerikanischen Yellowstone-Nationalpark über zweieinhalb Jahre hinweg verfolgt. Um zu verstehen, wie sich die Raben zu ihren Beutestellen bewegen, statteten die Forschenden 69 Raben mit winzigen GPS-Ortungsgeräten aus.

Diese Tiere überhaupt erst einzufangen, war bereits die erste große Herausforderung für das Forschungsteam. "Raben sind so aufmerksam, dass sie nicht leicht in Fallen tappen", erklärt Matthias Loretto der Erstautor der aktuellen Studie. Um die Fallen authentisch aussehen zu lassen, mussten sie diese teilweise mit Müll und Fastfood-Resten ausstaffieren – jeder Hinweis, dass etwas nicht so ist wie gewohnt, kann die Tiere davon abhalten, sich den Fallen überhaupt zu nähern.

Raben orientieren sich an "Beute-Hotspots"

Die Daten der Raben kombinierten die Forschenden mit Tracking-Daten, die sie von 20 Wölfen mit GPS-Halsbändern ermittelt hatten. Dabei erwarteten sie, dass anhand der GPS-Daten nachvollziehbar würde, wie die Raben den Wölfen folgen. Diesen Fall gab es allerdings in zweieinhalb Jahren nur ein einziges Mal.

"Zuerst waren wir ratlos", sagt Loretto. "Als wir gemerkt haben, dass Raben den Wölfen über große Entfernungen nicht folgen, konnten wir nicht erklären, warum die Vögel immer noch so schnell bei den Wolfsbeutungen ankommen."

Nach einer detaillierten Analyse der Bewegungsdaten der Raben fanden die Forschenden folgendes Muster: Die Raben besuchten immer wieder bestimmte Gebiete, in denen Wölfe bereits häufiger Beute gemacht hatten, und kontrollierten quasi, ob dort Beute lag. Dabei verfolgten die Tiere erstaunlich präzise Routen und flogen teilweise bis zu 155 Kilometer an einem Tag. "Sie können sechs Stunden ohne Pause direkt zu einer Tötungsstelle fliegen", erklärt Matthias Loretto.

Aasfresser folgen selten einfach nur den Jägern

Die Raben merken sich also die Punkte in der Landschaft, an denen sie mit Nahrung rechnen können. Ähnliches haben Forschende bereits im Zusammenhang mit stabilen Nahrungsquellen wie Mülldeponien herausgefunden. Damit gibt die aktuelle Studie neue Einblicke in das beeindruckende Gedächtnis der Raben. Außerdem können diese Erkenntnisse unser Verständnis von Aasfressern verändern: Möglicherweise sind diese Tiere nie einfach nur den Jägern gefolgt, sondern waren schon immer deutlich klüger als angenommen.

Die Studie wurde vom Forschungsinstitut für Wildtierökologie der Universität für Veterinärmedizin Wien und dem Max-Planck-Institut für Tierverhalten (Deutschland) geleitet, zusammen mit mehreren weiteren internationalen Institutionen, darunter das Senckenberg Biodiversitäts- und Klimaforschungszentrum.

Links/Studien

Hier berichten die Forschenden über ihre Ergebnisse: Wolves kill—and ravens remember where

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