Aufstieg und Fall von Unister
Inhalt des Artikels:
- Juli 2002: Unister wird gegründet
- 2003: Unister gründet ab-in-den-urlaub.de
- 2010: Unister ist Multimillionen-Unternehmen geworden
- 2011: Abmahnungen für Unister
- 2012: LKA Sachsen durchsucht Firmenzentrale
- 2013: Finanzielle Schieflage
- 13.07.2016: Geplatzter Kreditdeal
- 14.07.2016: Thomas Wagner stürzt mit Kleinflugzeug ab
- September 2016: Insolvenzverfahren für Unister-Holding eröffnet
Juli 2002: Unister wird gegründet
Der damals gerade 24 Jahre alt gewordene Thomas Wagner, BWL-Student in Leipzig, gründet Unister. Wagner kommt 1978 in der DDR zur Welt, in Dessau. Mit Unister will Wagner zusammen mit einem Freund eine Austauschplattform im Netz anbieten - für Fachliteratur oder Diplomarbeiten. Unister - der Name ist eine Mischung aus Universität und Napster, einer damals bekannten Tauschplattform für mp3s. Doch Unister will mehr - bietet Austauschmöglichkeiten auch für Wohnungsgesuche oder Partys. Sogar eine Plattform "Uni-Flirt" gibt es. Mit einem Startkapital von 38.500 Euro geht es los, geliehen von Familie und Freunden.
Thomas Wagner, Chef des Leipziger Unternehmens Unister, aufgenommen am 13.07.2012 in Leipzig.Bildrechte: picture alliance / dpa | Jan Woitas2003: Unister gründet ab-in-den-urlaub.de
Die Gruppe um Thomas Wagner wächst schnell. Sein Kommilitone Daniel Kirchhof und die Brüder Christian und Oliver Schilling, Freunde aus Dessauer Zeiten, Kathrin Wöhler, ebenfalls aus der Gegend von Dessau, stoßen dazu. Das kostenlose Studentennetzwerk wird zwar genutzt, generiert aber kaum Einnahmen. Unister springt auf das boomende Versicherungsgeschäft im Netz auf: Geld.de ermöglicht es Nutzenden, Finanz- und Versicherungsprodukte zu vergleichen und online abzuschließen.
Dann gründet Unister 2003 die Seite, die alles ändert: ab-in-den-urlaub.de, das Portal mit der markanten Melodie. Günstig verreisen - wie das geht, darüber hatten sich die Studierenden bei unister.de ausgetauscht - Thomas Wagner macht daraus eine eigene Geschäftsidee. Die Urlaubs-Seite ist nur der Anfang, mindestens 40 verschiedene sollen folgen: fluege.de, urlaubstours.de, holidaytest.de... es sind nicht nur Reiseportale, auch Seiten wie auto.de, shopping.de, versicherungen.de, kredit.de oder news.de – alle diese Domains gehören damals zu Unister. 2009 wird Profifußballer Michael Ballack als Werbefigur gewonnen. 2011 folgt Reiner Calmund.
Reiner Calmund beim Interview zum Podcast "Ab in den Urlaub" in Leipzig 2025. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK2010: Unister ist Multimillionen-Unternehmen geworden
Werbung für die Unister-Unternehmen läuft auf allen Sendern. Das Startup ist nach nicht einmal zehn Jahren zu einem der größten Betreiber kommerzieller Websites in Deutschland geworden. Schaltet Werbung bei Google, um bei den Suchergebnissen so weit wie möglich vorne zu stehen. Und verdient daran, dass es zwischen den Googletreffern und der Zielseite erneut Werbung schaltet. Statt einem Konto für Unister führt es mehrere Unterkonten bei Google - die Firma nutzt Grauräume aus. Unister ist einer der größten Arbeitgeber in Sachsen, mit Zweigstellen u.a. in Berlin, Hamburg, Dresden - und wird zunehmend zum Problem selbst für etablierte Größen der Reisebranche.
2011: Abmahnungen für Unister
Unister kassiert mehrere Niederlagen: Die Reiseseite fluege.de wird per Gerichtsentscheid gezwungen, bei Buchungsanfragen der Verbraucher Endpreise sofort anzugeben. Die Unister-Tochter weigerte sich dazu bislang, addierte im Laufe des Buchungsprozesses weitere Entgelte. Auch das Gütesiegel Holidaytest der Unister-Tochter reisen.de wird abgemahnt. Das selbst erfundene Siegel versprach "geprüfte Gästemeinungen" und bezeichnete sich als "unabhängiges Gütesiegel der Touristik". Die Aussagen seien irreführend, urteilt das Landgericht Köln, weil beispielsweise eine Überprüfung der Bewertungen nicht stattfinde. Google und Unister zerstreiten sich über die Anzeigenpraxis der Leipziger. Mehrere wichtige Unister-Manager verlassen das Unternehmen.
Um die Werbung auf den Skiern zu platzieren, gründete Unister eigens die fluege.de Sprungskiproduktions GmbH. Denn nur die Hersteller dürfen auf den Profi-Ski Werbung machen. Im Bild die deutschen Skispringer Severin Freund, Andreas Wellinger, Richard Freitag und Andreas Wank am 21.11.2015 beim Teamsieg zum Weltcupauftakt in Klingenthal (Sachsen).Bildrechte: picture alliance / dpa | Hendrik Schmidt
2012: LKA Sachsen durchsucht Firmenzentrale
11. Dezember 2012 - die Steuerfahndung durchsucht 20 Unister-Objekte in Leipzig und mehreren deutschen Städten. Das Unternehmen steht im Fokus einer groß angelegten Ermittlung aufgrund eines anonymen Hinweises. Die Vorwürfe: Betrug, Steuerhinterziehung, unerlaubte Versicherungsgeschäfte. Thomas Wagner und weitere Unister-Manager werden festgenommen. Es geht u.a. um 1,1 Millionen Euro hinterzogene Versicherungssteuer. Und um 7,6 Millionen Euro, die durch sogenanntes "Runterbuchen" enstanden sind - wenn Unister als Vermittler von Flügen diese billiger einkaufte, als sie den Kundinnen und Kunden angeboten wurden.
Dirk Reuter, ermittelnder Staatsanwalt nach den Durchsuchungen bei Unister und beim Absturz des Kleinflugzeuges mit Thomas Wagner.Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK2013: Finanzielle Schieflage
Ein 40-Millionen-Euro-Kredit bei der Hanse Vertriebspartner AG, eine Tochter der Hanse Merkur Versicherung, kann nicht termingerecht zurückgezahlt werden. 2013 folgt eine weitere große Durchsuchung. Das Unternehmen gerät in finanzielle Schieflage und ist ab 2015 (laut späterem Insolvenzverwalter Lucas Flöther) nicht mehr in der Lage, den operativen Geschäftsbetrieb zu finanzieren. Interessenten wie Bertelsmann machen Unister Angebote, die Reisesparte zu kaufen. Für 635 Millionen Euro. Unister-Chef Wagner lehnt ab. Stattdessen plant er einen Börsengang. Und braucht dafür Geld.
Insolvenzverwalter Lucas Flöther übernimmt 2016 das Unister-Verfahren. Es ist bis heute nicht vollständig abgeschlossen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK13.07.2016: Geplatzter Kreditdeal
Ein israelischer Diamantenhändler will Wagner einen Kredit in Höhe von 15 Millionen Euro gewähren. Ein Mittelsmann aus Nordrhein-Westfalen hat den Kontakt hergestellt. Mitarbeiter von Unister fahren zu einem zweiten Treffen und raten Wagner ab. Doch der Unister-Chef fliegt nach Italien, mit 1,5 Millionen Euro an Bord. In Venedig treffen Wagner und der Diamantenhändler aufeinander, unterzeichnen den Kreditvertrag. Wagner übergibt sein Geld, erhält im Gegenzug eine erste Anzahlung von dem vermeintlichen Kreditgeber. Das vereinbarte Treffen danach bei einer Bank zur Auszahlung des kompletten Kredits wird es nicht geben. Der Israeli taucht nicht mehr auf. In der Kriminalistik heißt so ein Betrug Rip Deal.
14.07.2016: Thomas Wagner stürzt mit Kleinflugzeug ab
Das gecharterte Kleinflugzeug mit Thomas Wagner an Bord stürzt bei schlechtem Wetter auf dem Rückflug von Venedig nach Leipzig in den slowenischen Bergen ab. Wagner, sein Mitgesellschafter Oliver Schilling, der Vermittler des Kreditdeals und der Pilot sterben. Nur vier Tage nach dem Absturz meldet Unister Insolvenz an. Lucas Flöther wird als Insolvenzverwalter mit der Aufgabe betraut. Mehrere Tochterfirmen sind ebenfalls zahlungsunfähig. Es zeigen sich chaotische und schwache Führungsstrukturen in den Gesellschaften sowie eine fehlende Liquiditätsplanung. Laut Flöther ein typisches Merkmal für einstige Startups. Nach Unternehmensangaben hat Unister zu diesem Zeitpunkt 1.200 Mitarbeiter, der Jahresumsatz liegt bei 500 Millionen Euro.
Vier Menschen sterben bei dem Flugzeugabsturz in Slowenien; unter den Toten: Unister-Chef Thomas Wagner.Bildrechte: IMAGO / xcitepressSeptember 2016: Insolvenzverfahren für Unister-Holding eröffnet
Im Oktober 2016 folgt das Insolvenzverfahren für die Unister-Töchter. 2017 werden drei ehemalige Unister-Manager zu Bewährungs- und Geldstrafen verurteilt. Vorwurf: Nichtzahlung von Versicherungssteuern von mehr als 1,1 Millionen Euro, weitere 7,6 Millionen durch bewusste "Runterbuchungen" in mindestens 87.000 Fällen. 2021 folgen Geldstrafen gegen acht ehemalige Firmenchefs aus der Unister-Holding. Das Insolvenzverfahren bei Unister ist bis heute nicht beendet. Die Kunden sind den Portalen jedoch weitgehend treu geblieben - dadurch gab es keinen Einbruch der Buchungszahlen und der Insolvenzverwalter hatte Zeit, Käufer für das Unternehmen zu finden.
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