Es ist ein wenig ungewöhnlich, wenn Wissenschaftler die Schlussfolgerungen von Kollegen per Pressemitteilung kommentieren. Üblicherweise tragen Forschende solche Debatten meist unbemerkt von der Öffentlichkeit in den Fachjournalen aus. Doch das Paper eines Teams vom Thünen-Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei, hat Mitte Februar genau solche Reaktionen ausgelöst.

Thünen-Forscher nehmen kritische Haltung zu den Kosten von Agri-PV ein

Erstautor Jonas Böhm ist darüber aber nicht erstaunt. Der Agrarökonom beschäftigt sich schon seit fünf Jahren mit dem Thema Agri-PV. Durch mehrere Arbeitsgemeinschaften zum Thema ist er mit den Fachkollegen seit Jahren in engem Austausch. "Dort waren wir eigentlich die einzigen, die wissenschaftliche Kritik geübt haben. Insofern war klar, dass unsere Arbeit nicht nur auf Freude stößt", sagt er.

Das betreffende Paper ist Mitte Februar im Fachjournal "Land Use Policy" erschienen. Böhm hat darin zusammen mit drei Co-Autoren einmal durchgerechnet, dass es ziemlich teuer ist, auf einer Fläche Landwirtschaft und Solarkraft zu vereinen. Zwei andere Forschergruppen antworten kurz darauf per Pressemittelung, dass sie diese Sichtweise für einseitig halten.

Mehr Zustimmung in der Bevölkerung: Agri‑PV wird deutlich besser akzeptiert als Freiflächen‑Solarparks

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Warum der Agri-PV überhaupt ein großes Thema ist, hat mit der Debatte um Freiflächen-Solarparks zu tun. Denn im Gegensatz zu Windrädern sind Widerstände gegen Solaranlagen meist viel geringer. Das gilt aber nur, solange Photovoltaik eine Landschaft möglichst wenig verändert. Solarmodule auf Dächern stören die wenigsten Menschen. Das ändert sich, wenn Felder aufgegeben werden, um dort große Solarparks zu errichten.

Gegen einige dieser Projekte haben sich Bürgerinitiativen gegründet, etwa im schleswig-holsteinischen Mittelangeln oder in Schleesen in Sachsen-Anhalt. Die Anwohner befürchten den Verlust von Lebensqualität und vor allem von wertvollem Land, wenn dort statt Kartoffeln Strom geerntet wird. Unter anderem deshalb testet gerade eine ganze Reihe von Forschergruppen der Helmholtz-, Leibniz- und Fraunhofer-Gemeinschaft das andere Modell. Bei Agri-PV bleibt die landwirtschaftliche Fläche erhalten, die Solarstromerzeugung muss sich diesem Ziel unterordnen.

Studie zeigt hohe Kosten: Agri‑PV‑Anlagen oft deutlich teurer als klassische Solarparks

Doch Böhms Zahlen zeigen jetzt, dass der Strom entsprechend teurer wird. Zum einen, weil bei Agri-PV weniger Solarmodule installiert werden können als bei einem reinen Solarpark. Da der Anschluss an das Stromnetz in der Regel nahezu das Gleiche kostet, stehen Aufwand und Erzeugungskapazität in einem schlechteren Verhältnis zueinander. Zum anderen ist auch das Gerüst, auf das die PV-Module montiert werden, meist komplexer und damit ebenfalls teurer als bei einem gewöhnlichen Solarfeld.

Am Ende kommt bei dieser Rechnung heraus, dass die Kosten für die Photovoltaik-Anlage pro Hektar und Jahr zwischen 8.000 und 75.000 Euro höher liegen als bei einer gewöhnlichen Freiflächenanlage. „Das ist ein Vielfaches von dem, was landwirtschaftlich erwirtschaftet werden kann“, sagt Böhm. Heißt: Durch den Verkauf der Kartoffeln oder des Weizens, die unter oder neben den Solarmodulen angebaut werden können, lassen sich diese Mehrkosten nicht decken.

Kritik an Kostenannahmen: Jülicher Team betont Preisrückgänge und fehlende Projektbeispiele

Matthias Meier-Grüll und Chantal Kierdorf, die am Forschungszentrum Jülich zu Agri-Photovoltaik arbeiten, waren eine der beiden Expertengruppen, die rasch nach dem Erscheinen der Studie öffentlich Diskussionsbedarf angemeldet haben. Sie halten das Kostenargument für zu kurz gegriffen.

Einerseits gebe es große Unterschiede in Bezug auf die Pflanzen, die unterhalb der Solarmodule angebaut werden können, sagt Energieforscher Meier-Grüll. Beeren etwa zählen zu den sogenannten Sonderkulturen. Sie können für deutlich höhere Beträge verkauft werden. Und: Meist müssen diese wertvollen Kulturen sowieso vor Hagel geschützt werden. Dafür haben die Landwirte schon vorher eine Stützkonstruktion mit Hagelnetzen benötigt. Jetzt können diese Netze einfach durch spezielle PV-Module ersetzt werden. "In den Niederlanden etablieren sich gerade die ersten Systeme, die wirtschaftlich sehr gut darstellbar sind." Fazit: Es reicht nicht, die Stromkosten allein zu betrachten, stattdessen müsse die gesamte Wertschöpfung pro Fläche in den Blick genommen werden.

Experten uneins: Wie viel Kosten kann die Hochskalierung Agri-PV sparen?

Strom-Gestehungskosten pro erzeugter Kilowattstunde auf einer 10 Hektar großen Agri-PV-Fläche in Norddeutschland (Quelle Böhm et al. (2026)).Bildrechte: MDR

Forscherin Kierdorf wiederum beschäftigt sich in ihrer Doktorarbeit mit der Wirtschaftlichkeit von Agri-PV-Systemen und merkt zu den Zahlen von Jonas Böhm zunächst an, dass sie auf Annahmen zu Kosten aus dem Jahr 2023 beruhen. Schon heute, drei Jahre später, könne man bei vielen Komponenten von gesunkenen Preisen ausgehen, sagt sie: "Erfahrungswerte und Skalierungseffekte haben ja in der PV-Industrie über Jahrzehnte zu sinkenden Kosten geführt. Das Gleiche kann man entsprechend auf lange Sicht für Agri-PV erwarten."

Jonas Böhm ist allerdings skeptisch, in Bezug auf den Umfang der Skaleneffekte. Wo Bestandteile bereits ausgereift sind, seien nur geringfügig sinkende Kosten zu erwarten. „Die Aufständerung und das Tracking-System, das die Module der Sonne nachführt: Diese Komponenten gibt es eigentlich schon seit Jahren. Die werden jetzt nur in größerem Maßstab aufgestellt“, sagt er. Anders sei das bei Planung und Konstruktion, die bei den aktuellen Pilotanlagen noch kostenintensiv gewesen seien. "Da wird es Standardisierung geben, was die Kosten perspektivisch senken kann."

Ökosystemdienstleistungen: die Arbeit der Natur wird bisher nicht kalkuliert 

Sonoko Bellingrath-Kimura vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandforschung (ZALF) in Müncheberg bei Berlin, hält den Fokus auf die Kosten für einseitig. Die Professorin leitet die Arbeitsgruppe "Bereitstellung von Ökosystemleistungen in Agrarsystemen" und hat Nebeneffekte von Agri-PV im Blick, die über die Stromerzeugung hinausgehen. Denn eine Art vertikaler Solarzaun liefert nicht nur Elektrizität. Er schützt das Feld auch vor dem Wind, sorgt also dafür, dass weniger Erde fortgetragen wird, oder starke Stürme die Pflanzen zu Boden drücken.

Das Problem ist allerdings: Diese Ökosystemleistungen lassen sich nur schlecht in eine wirtschaftliche Berechnung einbeziehen. "Für diese natürlichen Leistungen bezahlt bislang niemand. Wenn man die in die Lebensmittelproduktion einrechnen würde, würden die Preise enorm ansteigen. Das ist nicht realistisch", sagt Bellingrath-Kimura. Deshalb gelte für die Bewertung von Agri-PV: "Man darf nicht nur die ökonomischen Kosten vergleichen."

Wie aber können solche Effekte am Ende bei der Konzeption neuer Agri-PV-Anlagen berücksichtigt werden? Hier sind sich alle Beteiligten einig: Es braucht mehr Studien und Daten. Denn grundsätzlich halten sie die Möglichkeiten und Chancen der Kombination von Landwirtschaft und Solarstromerzeugung für groß genug, dass sich weitere Forschung lohnt.

Links/Studien

  • Böhm, Jonas et al.(2026): Preserving agricultural land with agrivoltaic – But at what cost? An economic analysis of different agrivoltaic systems in Germany, Land Use Policy
  • Zoll, Felix et al:(2026): Ein Beitrag zur aktuellen Diskussion zur Wirtschaftlichkeit von Agri-Photovoltaik, ZALF
  • Forschungszentrum Jülich: Agri-PV: Mehr als nur Strom vom Acker, Interview

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