Jobcenter in der Kritik: Zu viel Bürokratie, zu wenig Vermittlung?
- Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung sind 47 Prozent der befragten Langzeitarbeitslosen unzufrieden mit ihren Terminen im Jobcenter.
- Eine zweite offenbart große Unterschiede bei der Vermittlungsleistung einzelner Behörden.
- In der Politik werden Reformen diskutiert.
Klemens Roß aus Leipzig hat sich bei uns gemeldet. Er unterstützt seit einiger Zeit eine Familie bei ihrem Gang zum Jobcenter. Die Erfahrungen beschreibt er als mühsam: Immer wieder würden weitere Unterlagen und Nachweise verlangt. Der Weg zu einer Arbeitsstelle oder wenigstens zur Auszahlung von Grundsicherung sei lang und bürokratisch. Sein Eindruck: Arbeitslosigkeit werde eher verwaltet als bekämpft.
Daher fragt er, wie dieses System reformiert werden könnte, um – wie er schreibt – seinem "ursprünglichen Zweck zu dienen: Menschen schnell, effizient und nachhaltig in Erwerbstätigkeit zu bringen".
Studie zeigt große Unterschiede zwischen einzelnen Jobcentern
Klemens Roß ist mit seinem Eindruck nicht allein. Das zeigen zwei aktuelle Studien: In einer Erhebung der Bertelsmann-Stiftung im März stimmten 47 Prozent der befragten Langzeitarbeitslosen der Aussage zu, dass ihre Termine im Jobcenter nichts brächten.
In der zweiten Studie suchte Holger Schäfer vom Institut der Deutschen Wirtschaft nach Gründen dafür. Er verglich Jobcenter untereinander anhand ihrer Vermittlungsquote – und stieß auf große Unterschiede: "Man kann gar nicht sagen: Die im Osten sind gut oder die im Süden sind schlecht oder umgekehrt, sondern: Berücksichtigt um die regionale Arbeitsmarktlage haben wir auch durchaus in Regionen, wo eine geringe Arbeitslosigkeit herrscht, eine echt schlechte Vermittlungsleistung."
Auffällig sei, dass kommunale Jobcenter weniger Erfolg hätten als solche, die gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit betrieben werden. Doch mit weiteren Schlussfolgerungen hält sich Holger Schäfer zurück.
Bürokratie als zentrales Problem
Die Autoren der oben genannten Bertelsmann-Studie vermuten wiederum, Jobcenter würden sich auf diejenigen konzentrieren, die bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Für Langzeitarbeitslose fehle die Zeit. Auch aufgrund von zu viel Bürokratie, so wie es unser Hörer Klemens Roß erlebt hat.
Wenn es darum geht, daran etwas zu ändern, sieht Frank Vollgold, Sprecher der Arbeitsagentur in Sachsen, jedoch zuerst die Politik in der Pflicht. "Es gibt gewisse Voraussetzungen, wo einfach der Gesetzgeber festgelegt hat, was zu prüfen ist. Und das Thema – viele Formulare, eine wiederholte Meldung oder Dateneingabe und komplexe Verfahren – das haben wir manchmal gar nicht in der Hand."
CDU will stärkere Pauschalierung von Leistungen
Der Gesetzgeber sucht durchaus nach Lösungen. CDU-Arbeitsmarktexperte Kai Whittaker spricht sogar von einem "echten Systemwechsel". Ein Beispiel: "Der größte bürokratische Block ist die gesamte Berechnung für die Kosten der Unterkunft, also die Miete und die Heizung. Das findet sehr individuell statt, ist sehr klageanfällig und kompliziert in der Berechnung. Es wäre klug, wenn wir hier zu einer weiteren Pauschalierung der Leistung kommen."
Das Ziel: weniger bürokratische Vorschriften insgesamt – so könnten Mitarbeiter von Arbeitsagenturen und Jobcentern freier entscheiden, was sie für ihre Klienten tun. Doch noch ist Whittakers Systemwechsel eine Zukunftsidee.
Kritik an Größe der Arbeitsagentur
Zur Gegenwart gehört eine Bundesagentur für Arbeit mit 103.000 Beschäftigten. Nur rund ein Viertel von ihnen arbeiteten laut Zahlen aus dem vergangenen Jahr direkt in der Arbeitsvermittlung. Fast 30.000 waren dagegen damit befasst, Anträge auf Sozialleistungen wie Arbeitslosengeld oder Bürgergeld zu prüfen.
Nicht nur wegen dieser Aufteilung steht die Arbeitsagentur in der Kritik, sondern auch wegen ihrer schieren Größe. Hier sagt Holger Schäfer vom Institut der Deutschen Wirtschaft jedoch: In wirtschaftlich schwierigen Zeiten wie gerade sei es falsch, beim Personal zu sparen. "Dann ist es kontraproduktiv, die Anzahl der Mitarbeiter in den Arbeitsagenturen zu reduzieren: Womöglich gelingt es dann noch weniger, die Menschen wieder in Arbeit zu bringen."
Zusammengefasst: ob Forscher, Politiker, Arbeitslose oder auch die Mitarbeiter selber – viele sind unzufrieden mit der jetzigen Situation. Die Hoffnungen ruhen auf Reformen und weniger Bürokratie.
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