Wie KI den OP-Saal verändert
- Roboter am OP-Tisch, Arzt am Joystick
- KI im OP auch Thema beim Deutschen Chirurgen-Kongress in Leipzig
- Ärzte: KI gut einsetzbar bei OP-Planung und bei Bild-Diagnosen
Chirurg Eric Lorenz und sein Team vom Uniklinikum Magdeburg sind mitten in einer Operation. Vor ihnen auf dem OP-Tisch liegt eine Patientin, die am Bauch operiert wird. "Sie hat seit längerer Zeit schon einen großen Zwerchfellbruch", erklärt Lorenz. Dadurch könne sie Essen schlechter schlucken und spüre ein Brennen hinter dem Brustbein. "Die Beschwerden sind in den letzten Jahren schlimmer geworden. Deshalb haben wir uns auf eine Operation geeinigt."
Chirurg Eric Lorenz steuert mit einem Joystick den OP-Roboter.Bildrechte: MDRDie Besonderheit bei dieser OP: Nicht menschliche Hände operieren am Bauch der Frau, sondern die Arme eines Roboters. Lorenz steuert die Maschine über einen Joystick, eine Kamera überträgt live den Blick in das Innere des Bauchs als 3D-Bild. Auf dem Bildschirm kann Lorenz genau sehen, wo er mit dem Roboter einen Schnitt macht und welches Gewebe er anhebt. Das geht mit der Maschine wesentlich präziser als mit den eigenen Händen.
Erste autonome OP am Schwein
Was heute noch ein Mensch steuert, könne künftig teilweise oder möglicherweise sogar ganz autonom funktionieren, glaubt Therese Reinstaller. Mithilfe von künstlicher Intelligenz könnte der Roboter so selbstständig operieren, sagt die Funktionsoberärztin. Auch sie steuert regelmäßig Operationen mit der Maschine. Schon jetzt würden dabei Daten erfasst, mit denen später einmal eine KI trainiert werden könnte. "Zum Beispiel, mit wie viel Wegstrecke bewege ich mein Instrument oder wie viel Kraft ist aufzuwenden, um ein Gewebe anzuheben oder zu durchtrennen“, erklärt die Chirurgin.
Noch verwenden die Ärzte diese Daten vor allem dafür, die Qualität ihrer eigenen Arbeit einzuschätzen. Künftig könnte eine künstliche Intelligenz darauf zurückgreifen und damit den Roboter steuern, ohne dass ein Mensch die Maschine führen muss. Versuche gibt es bereits. Im Sommer 2025 hatte ein Roboter in den USA erstmals ohne menschliche Hilfe die Gallenblase eines Schweins entfernt. Der Versuch erfolgte an einem toten Tier. Wissenschaftler hatten die Maschine zuvor mit Daten trainiert.
Experten sehen noch viele Fragen
Über künstliche Intelligenz im Klinikalltag wird auch auf dem Deutschen Chirurgie Kongress diskutiert, der vom 22. bis zum 25. April in Leipzig stattfindet. Die Veranstaltung ist eine der wichtigsten für Fachärzte und Experten in Deutschland. Erwartet werden mehr als 5.000 Gäste. Etwa 200 Sitzungen und Präsentationen befassen sich mit künstlicher Intelligenz in der Chirurgie.
Einer der Gäste auf der Konferenz ist der Leipziger Kinderchirurg Martin Lacher. Er hat dazu geforscht, wie KI bereits in den Krankenhäusern eingesetzt wird und wie verlässlich sie ist. Lacher sieht die KI nicht als künftigen Arzt, der alles autonom entscheidet, sondern als einen Helfer im OP-Saal. In einer Studie haben er und andere Wissenschaftler KI-Systeme mit erfahrenen Chirurgen verglichen. Das Ergebnis: "Die KI war deutlich weniger zuverlässig als die menschlichen Experten. Das zeigt sehr klar, autonome Operationen sind aktuell noch nicht realistisch."
Wenn die KI mit unvollständigen oder verzerrten Daten trainiert wurde, kann sie falsche Empfehlungen geben.
In Zukunft könne die KI aber etwa bei der Planung der OP gut unterstützen oder währenddessen als Assistent, ähnlich wie ein Copilot im Flugzeug, sagt Lacher. Entscheidend sei vor allem die Datenbasis: "Wenn die KI mit unvollständigen oder verzerrten Daten trainiert wurde, kann sie falsche Empfehlungen geben." In solch einem Fall stelle sich dann die Frage: Wer trägt die Verantwortung, wenn ein Fehler passiert? "Deshalb muss die KI sorgfältig getestet, nachvollziehbar und sicher sein, bevor sie breit eingesetzt wird", mahnt der Kinderchirurg.
KI bereits oft für Diagnosen genutzt
Eingesetzt wird künstliche Intelligenz bereits außerhalb des OP-Saals bei der Diagnose. Lacher und seine Kollegen hatten dazu europaweit Ärzte befragt. Etwa die Hälfte von ihnen nutzte demnach KI bereits im Alltag, etwa bei der Bildauswertung, Dokumentation und Datenanalyse. Auch am Uniklinikum in Magdeburg ist das der Fall. Funktionsoberärztin Reinstaller zeigt eine Computertomografie. Auf dem 3D-Röntgenbild ist die Aufnahme eines Bauchs zu sehen. Solche Bilder könne die KI gut analysieren.
Ärzte in Magdeburg operiereren mit einem Roboter.Bildrechte: MDR"Es sind immer gleiche Ebenen. Man hat gewisse Landmarken, die künstliche Intelligenz erkennen kann, und daraufhin können schnell Befunde erstellt werden", erklärt Reinstaller. Gerade in Notfallsituationen, wenn schnell geholfen werden muss, sei das wichtig. Blutungen und kaputte Knochen könne die KI schnell und zuverlässig erkennen. Trotzdem sei sie auch hier nur ein Hilfsinstrument. Am Ende schaue immer nochmal ein Arzt über die Diagnose, versichert die Chirurgin.
Eric Lorenz will sich den künftigen Entwicklungen nicht verschließen. "Wenn ich das gemacht hätte in der Vergangenheit, dann wäre ja so ein tolles Gerät auch nicht möglich gewesen“, sagt er und nickt in die Richtung seines Roboters. "Man sollte proaktiv an die Sache herangehen, weil dann kann man es selbst mitgestalten." Dass die KI völlig losgelöst vom Menschen irgendwann operiert, glaubt Lorenz nicht. Auch künftig würden Chirurgen wie er im OP-Saal den Ablauf kontrollieren.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke