Schneller als alle Männer – Nach 407 Kilometern schreibt diese Frau Geschichte
Ganz am Ende, nach mehr als 400 Kilometern durch Arizona, etwa 12.000 Höhenmetern und gerade mal 19 Minuten Schlaf hatte Ultraläuferin Rachel Entrekin sogar noch Kraft für einen Endspurt. Sie lächelte, jubelte – und dann kamen die Tränen. Eigentlich, so erzählte sie später, habe sie schon viel früher angefangen zu weinen. Im Ziel des Cocodona 250 brachen sich die Emotionen dann Bahn.
Weil sie diesen Ultralauf geschafft hat. Weil sie all die Strapazen und Herausforderungen auf dem Weg überwunden hat. Und weil die 34-Jährige in Arizona Historisches vollbracht hat. Bereits in den beiden Jahren zuvor hatte sie die Wertung der Frauen gewonnen, dieses Mal aber setzte sie noch einen drauf und überquerte als Erste des gesamten Feldes die Ziellinie – vor allen Männern. Entrekin gewann damit als erste Frau überhaupt den Cocodona 250, einen der härtesten Ultraläufe der Welt über 253 Meilen, also etwa 407 Kilometer.
Mehr noch: Bei ihrer Ausnahmeleistung stellte sie in 56 Stunden, 9 Minuten und 48 Sekunden einen neuen Streckenrekord auf – der alte lag bei 58:47:18. Als Zweiter und Sieger der Männer kam ihr Landsmann, der US-Amerikaner Kilian Korth, in einer Zeit von 57:28:36 Stunden vor Cody Poskin (58:13:44) ins Ziel.
Entrekin: Warum Frauen vorne mitmischen können
„Männer und Frauen“, sagte sie anschließend der BBC, „verfügen natürlich über ganz unterschiedliche Fähigkeiten, aber bei einem Wettkampf wie diesem kommt es auf so viel mehr als nur auf die körperliche Fitness an.“
Das Rennen mit Start in Black Canyon City, etwa 75 Kilometer nördlich von Phoenix, führt bis zum Ziel in Flagstaff durch Wüste, Wälder und über Berge. Schlafmangel, Höhenmeter, Erschöpfung, Temperaturunterschiede, körperliche und mentale Krisen – die Herausforderungen sind immens.
Die letzten Meter bis zum Triumph„Die eigene Einstellung und die Fähigkeit, mit Stress umzugehen sind so wichtig – sie sind mindestens genauso wichtig wie die körperliche Fitness –, daher denke ich, dass die Voraussetzungen bei so einem Wettkampf viel ausgeglichener sind“, sagte die Siegerin. Sie habe gelernt, dass man seine Einstellung selbst wählen könne. Entrekin, früher Physiotherapeutin, jetzt professionelle Trailläuferin, entscheidet sich dafür, positiv zu bleiben.
Legende Dauwalter zweite Frau und sechste insgesamt
Als zweite Frau und Sechste der Gesamtwertung kam Courtney Dauwalter (61:58:35) ins Ziel, die wohl beste Trail- und Ultraläuferin der Welt und längst eine Legende. Die 41-Jährige ist so etwas wie die Königin der Ultra-Trail-Szene, die Rekorde bricht, unter anderem den Western States 100, den Hardrock 100 und den UTMB gewonnen hat und regelmäßig auch vorne in den Gesamtwertungen mitmischt.
Ihre Zeit nun war die zweitschnellste, die je eine Frau bei diesem Rennen lief – im Ziel wurde sie von der Siegerin in Empfang und in den Arm genommen.
Als Entrekin vor zwei Jahren erstmals beim Cocodona 250 angetreten war, belegte sie als Gewinnerin des Frauenrennens den elften Gesamtrang. 2025 dann lief sie in neuem Frauen-Streckenrekord auf Platz vier der Gesamtwertung. Und jetzt, unterstützt von einem sechsköpfigen Team, zu dem auch ihre Eltern zählten, ließ sie den ganz großen Triumph folgen.
Ihr Training dafür ist weniger durchstrukturiert, als man meinen mag: Sie richtet sich – ähnlich wie Dauwalter – weniger nach einem festen Plan und misst auch nicht ständig sämtliche Parameter ihrer Leistung, sondern folgt bei ihren wöchentlichen 110 bis 130 Kilometern mehr ihrem Gefühl.
„Kartoffelpüree ist einfach das Beste“
Ihre Schlafstrategie beim Ultralauf in Arizona klingt für jeden Menschen außerhalb des Ultralauf-Kosmos’ wenig erholsam, für die 34-Jährige aber reichte genau das, um durchzukommen und in neue Dimensionen vorzustoßen. Während der drei Tage und zwei Nächte schlief sie insgesamt 19 Minuten. „Irgendwo bei Meile 200 habe ich an einer Versorgungsstation fünf Minuten geschlafen“, erzählte sie BBC Sport. „Dann, bei etwa 230 Meilen, habe ich zweimal sieben Minuten auf dem Boden geschlafen.“
Elementar und entscheidender Faktor bei so einem Rennen ist durch den hohen Energiebedarf vor allem auch die Versorgungsstrategie. Neben Energie-Gels, Süßigkeiten, Reis und Brühe setzte Entekin auf Kartoffelpüree. „Man hat einfach keine Lust mehr zu kauen und will dafür keine zusätzliche Energie aufwenden, sagte sie: „Kartoffelpüree ist einfach das Beste.“
Nach ihrem Sieg und einigen Stunden Schlaf kehrte die Amerikanerin schließlich zurück an die Strecke, um andere Starter auf deren letzten Metern zu unterstützen. Der Cut Off, also das Zeitlimit, um das Rennen offiziell zu beenden, beträgt 125 Stunden. Entrekin gelang es in weniger als der Hälfte der Zeit.
Melanie Haack ist Sportredakteurin bei WELT. Sie berichtet seit vielen Jahren über olympische Sportarten und Extremsport. Hier finden Sie Ihre Texte.
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